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Brauchen wir einen Weltfrauentag?

Bis 1958 durften Frauen ohne Einwilligung des Ehemanns kein Bankkonto eröffnen, bis 1977 nicht ohne Erlaubnis arbeiten. Das ist zum Glück Vergangenheit. Doch ist der Kampf für mehr Rechte beendet?

Warum es gerecht ist, Männern Privilegien abzunehmen

Robert Franken
  • Der Weltfrauentag mahnt uns zu größerer Anstrengung
  • Von echter Chancengleichheit ist derzeit noch keine Spur
  • Männer sollten erkennen, wie vergleichsweise einfach sie es haben

4,981 responses

Brauchen wir den Internationalen Frauentag noch? Diese Frage könnten wir nur dann mit „Nein!“ beantworten, wenn wir im gleichen Atemzug sagen würden: „Einer reicht nicht aus.“ Denn genau das ist der Fall. Zwar feiern wir in diesem Jahr nicht nur den Weltfrauentag, sondern auch den 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts in Deutschland, von echter Chancengleichheit sind wir jedoch noch weit entfernt. Und das ist für den Standort Deutschland ebenso peinlich wie prekär.


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Ich bin es inzwischen leid, den „Business Case“ für Gender-Diversity herunterzubeten, zumal dieser genau eine Google-Suche entfernt ist. Dass mehr Frauen in Führungspositionen mehr Erfolg bringen, ist schlicht eine Binsenweisheit. Aber darum geht es gar nicht. Es geht vielmehr darum, strukturelle Ungleichheit und zum Teil auch Diskriminierung zu beseitigen. Und davon gibt es nach wie vor mehr als genug.

Denn CEOs umgeben sich gern mit ihren Spiegelbildern. Es gibt mehr Männer, die Thomas heißen, als Frauen in DAX-Vorständen – und seit 1949 auch mehr verbeamtete Staatssekretäre, die Hans heißen, als Frauen in der Position. Damit sind „Thomas-Kreislauf“ und „Hans-Bremse“ mittlerweile bekannte Manifestationen männlicher Monokulturen. Besonders eindrücklich finde ich in diesem Zusammenhang die Auswertung der Handelsregistereinträge: Mit „Katja“ findet sich der erste weibliche Vorname auf Platz 61 der Verantwortlichen in GmbHs und UGs. Davor stehen 60 Männernamen – Hans und Thomas sind auch hier ganz vorn dabei.

Der Teufelskreis der Lücken

Uns sind all die Lücken bewusst:

  • Der Gender-Care-Gap: Im Durchschnitt leistet eine Frau täglich 87 Minuten mehr Care-Arbeit als ein Mann. Darunter fallen Tätigkeiten wie die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen, Ehrenämter und die Hausarbeit. Sie ist eine der Hauptursachen für die folgende bekanntere Lücke.

  • Der Gender-Pay-Gap: Männer verdienen rund 21 Prozent mehr als Frauen, mit zum Teil starken regionalen Unterschieden.

  • Der Gender-Lifetime-Earnings-Gap: Eine Frau verdient in ihrem Arbeitsleben durchschnittlich etwa die Hälfte eines Mannes. Diese Lücke ist die Folge der zuvor benannten Schieflagen.

  • Der Gender-Pension-Gap: Aus all diesen Lücken resultiert natürlich auch, dass Frauen im Alter deutlich ärmer sind als Männer.

All diese Ungerechtigkeiten sind bekannt. Dennoch ändert sich wenig bis nichts. Im Gegenteil: Frauen werden für Kinder in ihrer Erwerbsbiografie bestraft. Die sogenannte „Child Penalty“, also die langfristige negative Auswirkung von Kindern auf Lohn und Gehalt von Frauen, liegt in Deutschland bei 61 Prozent – und damit weit höher als in jedem anderen untersuchten Land.

Unternehmen stellen häufig den beruflichen Wiedereinstieg nach Schwangerschaft und Elternzeit in Zweifel: Als ob Frauen und Männer durch Geburt und Säuglingspflege ihrer Fähigkeiten beraubt würden. Das ist absurd.

Aber die Männer werden auch diskriminiert!

Spätestens jetzt ahne ich die Reaktion einiger Männer auf diesen Artikel. Die Männer, so sagen nicht wenige, würden durch zu viel Frauenförderung und Quote doch auch benachteiligt. Tja, wo anfangen? Grundsätzlich bin ich tatsächlich der Meinung, dass „Frauenförderung“ im Sinne von Anpassung an Systeme kontraproduktiv ist. Statt Frauen beizubringen, wie sie in männlich geprägten Systemen erfolgreich agieren können, sollten wir unsere Systeme hinsichtlich ihrer Fairness überprüfen. Aber das ist ein anderes Thema.

Dass Männer sich benachteiligt fühlen, kann ich sogar nachvollziehen. Um in der Diskussion weiterzukommen, müssen wir zwei Dinge anerkennen: Zum einen leiden nicht nur Frauen unter dem Patriarchat und der Orientierung an extrovertiert-männlichen Normen, sondern auch sehr viele Männer. Denn auch diese müssen sich ja anpassen – sie merken es nur gar nicht. Zum anderen sind Männer weiterhin systemisch privilegiert: Sie sind die Norm.

Der Leiter des Wiener Männergesundheitszentrums, Romeo Bissuti, bringt die Auseinandersetzung damit auf den Punkt, wenn er sagt: „Für Menschen mit Privilegien fühlt sich Gerechtigkeit wie Benachteiligung an.“ Denn das ist der Schlüssel: das Erkennen des eigenen Privilegs. Nicht um sich dafür zu schämen. Sondern um die Konsequenzen schon vorwegzunehmen und so nachhaltig etwas zu ändern.

Über das Privileg zur Lösung

Ich selbst bin extrem privilegiert: Ich bin 45, weiß, heterosexuell, lebe in Deutschland, bin ein sogenannter Cis-Mann, sprich: Ich fühle mich in meinem Geschlecht wohl und identifiziere mich damit, habe eine Familie und kann von dem, was ich tue, gut leben. Ich habe vergleichsweise lange gebraucht, um zu merken, dass etwas an unserem System nicht stimmt. Denn mein Privileg hat eine Kehrseite. Ich entspreche einer Norm, die es Menschen, die nicht so sind wie ich, schwer(er) macht, ihr Leben so zu leben, wie diese es möchten. Würde ich zu einer diskriminierten Gruppe gehören – ich hätte mich vermutlich schon früher gewehrt und engagiert.

Stattdessen versuche ich heute, mein Privileg einzusetzen, um es zu kritisieren. Ich tue das unter anderem, indem ich Unternehmen als Berater auf diese Themen aufmerksam mache und mich ehrenamtlich als einer von vier Botschaftern in der HeForShe-Deutschland-Kampagne engagiere. Oder auch als Mitgründer der Plattform Male Feminists Europe. Und in vielen Debatten und Gesprächen. Ich bin der Meinung, dass insbesondere Männer sich entscheiden müssen: Will ich Teil der Lösung sein und daran mitarbeiten, Chancengleichheit für alle herzustellen? Oder will ich das nicht? Aber dann bin ich automatisch Teil des Problems.

Der Internationale Frauentag ist wichtiger denn je. Denn es ist auch ein Tag, an dem Männer zuhören und lernen können. An dem sie ihre Perspektive wechseln und verstehen können, wie es Menschen mitunter geht, die nicht Teil einer Norm sind. Dabei sollten nicht unsere eigenen Botschaften im Vordergrund stehen, sondern der Wunsch, sich als Unterstützer für eine gleichberechtigte Welt einzusetzen.

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Robert Franken
© Martina Goyert
Robert Franken

Berater Digital Business, Digitale Potenzialentfaltung

for Digital Transformation, Diversity

Robert Franken (Jg. 1973) berät Unternehmen in den Bereichen Digital & Diversity. Er war u. a. CEO von Chefkoch.de und urbia.de und beschäftigt sich heute als Consultant, Speaker, Coach und Autor mit allen Aspekten der Digitalen Transformation. Darüber hinaus engagiert er sich für Diversity und Gender Equality, er hält Vorträge und ist Beirat von Panda, der Competition für weibliche Führungskräfte. Er bloggt regelmäßig unter „Digitale Tanzformation“ und hat „Male Feminists Europe“ gegründet.

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