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„Du, Chef“ – Was bringt die neue Duz-Kultur?

Was in Start-ups und jungen Firmen längst üblich ist, setzt sich zunehmend auch in etablierten Großunternehmen durch – die formlose Anrede. Doch nicht immer wird das Duzen als Vorteil empfunden.

Warum ich meinen 54.000 Mitarbeitern das Du anbiete

Hans-Otto Schrader
  • Das Duz-Angebot stößt bei uns auf sehr positives Echo
  • Wir wollen damit ein noch stärkeres Wir-Gefühl fördern
  • Und das ist erst der Anfang unseres Kulturwandels 4.0

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„Hey, ich kann jetzt HOS zu dir sagen, cool!“: Solche und ähnliche Sätze höre ich dieser Tage oft, wenn ich über die Flure der Otto Group am Hamburger Campus gehe. Hos ist mein persönliches Kürzel und setzt sich aus meinen Anfangsinitialen Hans-Otto Schrader zusammen. Dass mir solche Begrüßungen entgegengebracht werden, ist die Folge eines Duz-Angebots, das meine Vorstandskollegen und ich allen 54.000 Mitarbeitern unseres Konzerns Mitte Januar gemacht haben – selbstverständlich auf freiwilliger Basis. Mit überwältigendem positivem Echo! Gleich einem Schneeballeffekt schließen sich immer mehr unserer Konzernunternehmen dem Du an: Baur, Bonprix, Heine, Otto, Schwab, Sportscheck oder Witt – sie alle machen mit, um nur einige zu nennen.

Mit diesem kleinen, aber wirksamen Zeichen wollen wir im Konzern zu einem noch stärkeren Wir-Gefühl kommen. Das ist zum einen über das „Du“ schlicht einfacher. Zum anderen ist es auch ein äußeres Zeichen, dass etwas Neues beginnt, eine Art verbaler Startschuss für etwas viel Größeres, nämlich unseren Kulturwandel 4.0.

Es gibt kein Geheimrezept mehr, aber eine wichtige Zutat

Dass jedes Unternehmen alle paar Jahre auf sich selbst blicken sollte, um zu überprüfen, ob prozessuale oder unternehmenskulturelle Strukturen noch stimmig sind, halte ich für selbstverständlich. Doch wir wollen mehr! Wir wollen einen grundlegenden, geradezu radikalen Wandel im gesamten Konzern initiieren, und zwar weltweit. Dieser ist auch notwendig, wollen wir weiterhin ganz vorn im E-Commerce mit dabei sein. Die voranschreitende Digitalisierung erfasst heute bereits sämtliche Bereiche unserer Lebens- und Arbeitswelt, und das Tempo von Veränderungen ist enorm. Für Unternehmen gibt es hier kein Geheimrezept mehr, wie dieser Digitalisierung am besten oder erfolgreichsten begegnet werden kann. Aber es gibt eine entscheidende Zutat: die Fähigkeit, sich ständig weiterzuentwickeln.

Auch radikale Ideen müssen ausprobiert werden dürfen

Damit alle Kolleginnen und Kollegen unserer 123 Unternehmen weltweit von unserem Kulturwandel-4.0.-Prozess erfahren – denn es ist definitiv kein Projekt –, haben wir vor Weihnachten 2015 eine Kick-off-Veranstaltung durchgeführt, die an alle unsere Standorte übertragen wurde. Wir haben ihnen die sechs übergeordneten Themengruppen „Transparenz & Vernetzung“, „Kundenzentrierung & Daten“, „Agile Führung & Empowerment“, „Steuerung in einer digitalen Welt“, „Schlagkraft der Group“ und „Geschwindigkeit“ vorgestellt. Jeder Vorstand hat sich eines der Themen auf die Fahnen geschrieben und jeweils ein Kernteam aus Mitarbeitern verschiedenster Konzernunternehmen, Bereiche, Abteilungen und hierarchischer Ebenen gebildet, die sich mit ihrem jeweiligen Thema intensiv auseinandersetzen. Es ist eine wahre Freude zu sehen, wie dieser Prozess über unsere internen sozialen Netze an Fahrt aufnimmt, wie an allen Ecken der Gruppe Initiativen gebildet und teilweise radikale Ideen einfach mal ausprobiert werden.

Zielvorgaben und Kontrolle sind Vergangenheit

Ohne Zweifel weckt dies aber auch Verunsicherung in der Belegschaft. Hier ist es an uns Führungskräften, Vertrauen auszubauen und althergebrachte Verhaltensmuster zu durchbrechen. Das geschieht beispielsweise, wenn sich einzelne Vorstände einfach mal kurzfristig zu Stand-up-Meetings in der Kantine eines unserer Konzernunternehmen einfinden und explizit Kolleginnen und Kollegen vor Ort nach ihren Ideen und Vorschlägen befragen. Nach anfänglichem Zögern prasseln dann wertvolle Hinweise auf sie ein. Und diese werden von uns sehr ernst genommen. Denn eine Erkenntnis im Zuge unseres Kulturwandel-4.0.-Prozesses ist, dass wir in der Gruppe noch viel zwingender und schneller als vormals gedacht einen neuen Führungsstil verinnerlichen müssen: weg von Zielvorgaben und Kontrolle und hin zum Coach und Enabler. Wer weiß, wohin unser Kulturwandel 4.0 uns noch führen wird? Ich freue mich schon jetzt jeden Tag darüber.

Ihr Hos

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Hans-Otto Schrader
© Otto Group
Hans-Otto Schrader

ehem. Vorstandsvorsitzender, Otto Group

Hans-Otto Schrader (Jg. 1956) ist ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Otto Group. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre trat er 1977 als Revisor in das Unternehmen Otto ein, dem er seitdem in verschiedenen Positionen verpflichtet geblieben ist. 1999 wechselte er in den Vorstand der Otto Group, wo er zunächst für den Bereich Organisation und Personal (1999-2004) verantwortlich war. 2005 übernahm er die Position des Vorstands Einkauf Otto.

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