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Sollten homöopathische Behandlungen Kassenleistung sein?

Die Techniker Krankenkasse übernimmt, wie viele gesetzlichen Kassen, die Kosten für homöopathische Behandlungen. Über die Wirksamkeit wird gestritten – zuletzt entbrannte dazu auf Twitter ein Streit.

Dr. Natalie Grams
  • Als studierte Ärztin arbeitete ich ab 2009 in Heidelberg als Homöopathin
  • Doch bei Recherchen für ein Buch kamen mir immer stärkere Zweifel
  • Ich bin nun überzeugt: Die Homöopathie ist keine medizinische Methode

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Fasziniert hat mich die Medizin bereits früh. Einen Beruf auszuüben, in dem ich anderen Menschen helfen kann – genau das wollte ich. Doch die Ernüchterung folgte rasch. Weniger im Studium, sondern vielmehr während meiner ersten praktischen Erfahrungen als Krankenhausärztin. Drei Jahre arbeitete ich in einer internistischen Klinik – und ich lernte dabei: Zeit für den Patienten bleibt in dem streng getakteten Alltag kaum.

Damals kam ich mit der Homöopathie in Berührung. Es existierten zwar noch keine naturheilkundlichen Vorlesungen, doch wir Studenten organisierten eigene Kurse mit Gastdozenten und „Lichtgestalten“ der Szene, die breitwillig in Deutschland, der Wiege der Homöopathie, ihre Lehren verbreiteten. Es hatte etwas von Untergrund – die meisten Mediziner wollten mit diesem „Alternativzeug“ nichts zu tun haben.

Mich aber überzeugte die Homöopathie immer mehr, zumal ich in der Zeit selbst unter Beschwerden litt, für die die klassische Medizin keine Linderung finden konnte. Dank homöopathischer Mittel ließen die Beschwerden nach. Und ich hatte damit für mich ganz persönlich meinen Beweis gefunden: Die Methoden funktionieren!

Ich wollte Beweise finden, doch ich scheiterte

2009 schließlich wandte ich mich ganz ab von der Schulmedizin, schmiss meinen Facharzt und übernahm eine homöopathische Privatpraxis. Damals empfand ich es als das größte Glück, denn ich war sicher: Die Homöopathie heilt. Dann aber erschien das Buch „Die Homöopathie-Lüge“, für das ich ebenfalls interviewt wurde. Was ich dort lesen musste, machte mich unfassbar wütend – und ich begann, selbst zu recherchieren, um meine Gegenargumentation ebenfalls in einem Buch zu veröffentlichen.

Doch ich scheiterte. Egal wie sehr ich mich bemühte, einen wissenschaftlich fundierten Beweis, der den unbelehrbaren Skeptikern der Homöopathie allen Wind aus den Segeln nehmen sollte, fand ich einfach nicht. Im Gegenteil – bei der Untersuchung der in der Homöopathie eingesetzten Tropfen und Globuli blieb das ernüchternde Ergebnis: Sie wirken höchstens wie ein Placebo. Oder auch das Ähnlichkeitsprinzip, ein Grundgedanke der Homöopathie. Demnach soll eine Substanz, die ähnliche Symptome wie eine bestimmte Krankheit hervorruft, ebendiese bekämpfen, indem sie Selbstheilungskräfte anregt. Auch für diese Methode gibt es keinen einzigen wissenschaftlichen Nachweis. Meine Zweifel wuchsen, bis ich einsehen musste: Ich habe mich geirrt, Samuel Hahnemann, der Begründer der Heilslehre, hat sich geirrt. Wir müssen umdenken.

So entstand statt einer Streitschrift für die Homöopathie ein ganz anderes Buch, eines, in dem ich an den Grundfesten der Homöopathie rüttelte. Ich forderte darin ein anderes Anspruchsdenken. Weg von dem Irrglauben, man könne Menschen mit Homöopathie medizinisch helfen, hin zu dem Anerkennen eines Status einer Art niederschwelligen, suggestiven Gesprächstherapie. Ich begann also eine Todsünde: Ich stellte das Glaubensgebäude infrage. Es folgten Anfeindungen, Verleumdungen, Drohungen. Ich werde von der Pharmaindustrie bezahlt, hieß es. Ich war eine Nestbeschmutzerin.

Die Überzeugung stimmt wieder

Für mich gab es keinen Weg zurück – und ich wollte ihn ohnehin nicht mehr gehen, konnte es einfach nicht. Ich gab meine Praxis auf und arbeite seitdem an dem Aufbau des Informationsnetzwerkes Homöopathie, mit dem wir aufklären wollen. Denn vieles, was die Mittel bewirken, liegt eigentlich an der Zuwendung des Arztes oder ist einfach ein normaler Krankheitsverlauf. Besonders gefährlich ist es, wenn Patienten nur auf die Alternativen vertrauen und lebenswichtige Behandlungen ablehnen. Ich kann es deshalb auch nicht nachvollziehen, dass mittlerweile viele große Krankenkassen homöopathische Behandlungen übernehmen. Dies vermittelt eine Seriosität, die nicht belegbar ist.

Als Ärztin arbeite ich bis heute nicht, dafür müsste ich meinen Facharzt beenden. Und ich merke auch: Für viele Mediziner bin ich immer noch „die mit den Globuli“, während die Homöopathen mich verachten. Bereut habe ich meinen Schritt trotzdem nie. Denn Medizin ist für mich eine Überzeugung – und diese muss stimmen.

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Dr. Natalie Grams
© Gudrun-Holde Ortner
Dr. Natalie Grams

Ärztin und Leiterin, Informationsnetzwerk Homöopathie; Ex-Homöopathin

Dr. Natalie Grams studierte Humanmedizin an den Universitäten in München und Heidelberg. Sie promovierte im Bereich TCM/Naturheilkunde an der Universität Zürich und absolvierte eine Ausbildung in anderen alternativmedizinischen Verfahren (TCM). 2011 eröffnete sie ihre eigene homöopathische Privatpraxis. Im Mai 2015 veröffentlichte sie ihr Buch „Homöopathie neu gedacht“ und gab im Anschluss ihre Praxis auf. Seit Januar 2016 ist sie Leiterin des Informationsnetzwerkes Homöopathie.

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