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Wie viel Leidenschaft für den Job muss sein?

Wenn die Produktivität bei Mitarbeitern nachlässt, wird viel probiert, um die Motivation wieder anzuregen: Boni, Incentives, Schulterklopfen. Doch lässt sich Leidenschaft überhaupt fördern?

Warum man nicht für seinen Job brennen muss

Volker Kitz

Autor und Redner

Volker Kitz
  • Firmen verklären die Arbeit und wecken falsche Erwartungen
  • Das macht Beschäftigte auf Dauer unzufrieden und unproduktiv
  • Ehrlichkeit bei Arbeitgebern überrascht und motiviert Mitarbeiter

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Erfüllung, Selbstverwirklichung, Herausforderung, nette Menschen, nicht weniger als den Sinn des Lebens – all das soll Arbeit bieten, wenn es nach Stellenanzeigen und Personalern geht. Aber wenn Arbeit so toll ist, warum werden wir dafür bezahlt? Mythen wie diese zerstören die Lust an der Arbeit und die Produktivität gleich mit. Und ein Unternehmen, das zu sehr davon schwärmt, wie toll die Arbeit ist, will sich vielleicht davor drücken, über eine angemessene Bezahlung zu reden.

Wer hingegen als Arbeitgeber ehrlich spricht, statt zu faseln, überrascht seine Mitarbeiter und gewinnt ihren Respekt. Motivation durch Ehrlichkeit.

Hier ist ein Manifest für ehrliche Arbeit

  1. Dieser Betrieb wurde nicht erfunden, um euch mit der Arbeit zu beglücken, sondern um ein Produkt oder eine Dienstleistung für die Gesellschaft hervorzubringen – und damit euren und unseren Lebensunterhalt zu erwirtschaften.

  2. Was ihr zu tun habt, ist im Großen und Ganzen vorgegeben. Es geht um ein gemeinsames Ergebnis, nicht darum, dass jeder seine persönlichen Vorstellungen verwirklicht.

  3. Eure Arbeit ist meist Routine, sie wiederholt sich. Deshalb seid ihr gut darin.

  4. Eure Arbeit hat einen Sinn für die Gesellschaft, denn sie befriedigt ein gesellschaftliches Bedürfnis. Deshalb gibt es eine Nachfrage nach dem, was wir tun. Es ist nicht Aufgabe der Arbeit, eurem Leben einen Sinn einzuhauchen, den es ohne sie nicht hat.

  5. Es ist nicht nötig, dass ihr vor Leidenschaft vibriert. Entscheidend ist nicht, wie engagiert und leidenschaftlich ihr arbeitet – sondern wie gut.

  6. Bei der Arbeit stoßt ihr nicht nur auf liebenswürdige Menschen, sondern auf die gesamte Bandbreite der Gesellschaft. Damit klarzukommen ist Teil der Aufgabe.

  7. Wir schätzen die Masse der normalen Menschen, die jeden Tag normal ihre Arbeit macht, ohne Trara und Getöse, ohne Theaternebel und heiße Luft. Ihr seid es, nicht die anderen, die unsere Organisation am Laufen halten.

  8. Dafür werdet ihr bezahlt. Arbeit ist ein Tausch von Zeit gegen Geld. Es ist unsere Verpflichtung, euch angemessen im Hier und Jetzt für die Arbeit zu bezahlen, die ihr hier und jetzt leistet. Wir vergüten gleiche Arbeit mit gleichem Lohn. Wir erwarten nicht, dass ein Mensch mit einem Gehalt die Arbeit von dreien erledigt. Wir versprechen euch nicht den Sinn, wohl aber den Unterhalt eures Lebens. Wer Vollzeit arbeitet, muss vom Lohn für seine Arbeit leben können.

  9. Wie wir euch nicht den Lebenssinn schenken, müsst ihr uns nicht euer Leben schenken. Ihr müsst unser Unternehmen nicht zu eurem Lebensinhalt machen. Wir erwarten, dass ihr uns eure Arbeitszeit überlasst wie vereinbart – und während dieser Zeit arbeitet, statt Urlaub zu buchen.

Nur wer mit der Realität lebt, kann zufrieden werden

Was leicht klingt, ist ein revolutionärer Schritt in der Personalführung. Im angesagten Business-Sprech würde man es „Disruptive Leadership“ nennen, den radikalen Bruch mit Überkommenem.

Lasst uns dieses Manifest ausdrucken, in unsere Büros, Geschäfte und Fabriken hängen, es bei Vorstellungsgesprächen auf den Tisch legen. In Stellenanzeigen schreiben! Denn nur wer mit der Realität lebt, nicht gegen sie, kann wahrhaft zufrieden werden, produktiv und gesund.


Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch „Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss“, Fischer Taschenbuch.

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Volker Kitz
© Volker Kitz
Volker Kitz

Autor und Redner

Volker Kitz ist promovierter Jurist, Autor und Redner zu Themen aus Psychologie, Recht und Arbeitswelt. Seine Bücher sind „Spiegel“-Bestseller und erscheinen in zehn Sprachen in über 30 Ländern.

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