Ebnet die Coronapandemie den Weg zum Homeoffice für alle?

Immer mehr Unternehmen verkünden, dass sie auch nach der Coronakrise deutlich weniger Präsenzarbeit von ihren Angestellten verlangen wollen. Wird Homeoffice zum Standard?

Prof. Dr. Katja Nettesheim
  • Strikte Gegner des Homeoffice offenbaren ein veraltetes Führungsdenken
  • Wir brauchen ein Recht auf Homeoffice, wo immer es umsetzbar ist
  • Nur so bewegen wir die deutsche Wirtschaft wieder aus der Krise heraus

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In einem Podcast der Serie „New Work Stories“ habe ich vor Kurzem lapidar den Satz gesagt: „Chefs, die Homeoffice nach der Coronakrise strikt verbieten, machen sich lächerlich.“ Dieser Satz wurde in den sozialen Medien sehr häufig aufgegriffen – offenbar handelt es sich beim Homeoffice immer noch um ein Thema, das viele Menschen emotionalisiert.

Aus diesem Grund möchte ich meine Aussage mit drei konkreten Punkten belegen. Denn ich bleibe dabei: Mit einem rigiden „Alle raus aus dem Homeoffice, zurück ins Büro!“ werden sich Führungskräfte nach der Pandemie schlicht und einfach blamieren.

Vorab: Wir sprechen hier nur über Jobs, bei denen Homeoffice überhaupt möglich ist. Also nicht über den Betonrohrverleger, den Bandarbeiter, die Bäckerin oder die Chirurgin. Alles andere wäre eine sehr kurz gesprungene Argumentation. Und ich spreche über ein striktes, grundsätzliches Verbot durch Vorgesetzte – also nicht über solche Chefs, die Homeoffice zwar tendenziell ablehnen, aber auf Wunsch dann doch zulassen.

Doch warum genau ist eine strikte Ablehnung vom Homeoffice in Branchen, in denen es eigentlich möglich wäre, so absurd? Chefs, die trotz genereller Möglichkeit Homeoffice strikt verbieten, offenbaren …

1. … ein veraltetes Führungsverständnis:

„Es ist ja überraschend, was mit diesen neuen Technologien so alles funktioniert“ – ist der häufigste Satz, den ich in den vergangenen Wochen gehört habe. Es funktioniert also, die Kommunikation, die Aufgabenverteilung, die Erledigung – auch auf die Entfernung. Was aber immer wieder bemerkt wird, ist der Mangel an Kontrolle. Weil es am Vertrauen hapert! Wer nur dann sicher ist, dass seine Abteilung gut funktioniert, wenn er alle während acht Stunden an ihrem Schreibtisch sitzen sieht, ist in einer Homeofficesituation natürlich aufgeschmissen.

Wenn wir aber noch mal darüber nachdenken: Präsenz war doch von jeher nur ein schwacher Ersatz für Produktivität oder Effizienz, auf die es uns eigentlich ankommt. Produktivität und Effizienz hingegen lassen sich im Homeoffice sehr gut herstellen, allerdings mit anderen Führungsinstrumenten als Druck, Überwachung oder „management by walking around“. Diese neuen Führungsinstrumente kann man lernen – und dann funktioniert auch Führung aus dem beziehungsweise in das Homeoffice hervorragend! Längst gibt es geeignete Tools (wie zum Beispiel die App Culcha) : Sie enthalten beispielsweise Module zu optimaler Kommunikation, präziser Aufgabenübertragung und -kontrolle sowie zum Aufbau einer leistungsorientierten Kultur in Teams, die (gerade) nicht zusammensitzen.

2. … dass sie die Effizienzgewinne von Homeoffice nicht realisiert haben:

Der Satz, den ich in den vergangenen Wochen am zweithäufigsten gehört habe, lautet: „Ist das anstrengend, dieses Homeoffice“ – und zwar fiel dieser Satz fast immer unabhängig von einer eventuellen Doppelbelastung durch Kinderbetreuung. Doch wer mit diesem „anstrengend“ das Homeoffice als Ganzes zu disqualifizieren sucht, bezieht sich meist nur auf die erste Eingewöhnungsphase . Er oder sie übersieht oder verschweigt aber zugleich, dass gut geführte Videokonferenzen in Wahrheit viel effizienter sind als „normale“ Besprechungen: Langes Palavern und aufgeregtes Durcheinanderreden fällt im Videocall sofort auf und findet daher seltener statt.

Konsequentes Homeoffice bedeutet zudem einen Wegfall von Reisen – und ermöglicht so den Mitarbeitern mehr Arbeitszeit. Und die Umstellung von wöchentlichen Jour fixes auf einen kurzen digitalen Austausch über Tools wie zum Beispiel Slack oder Teams (Chat) und Trello oder Planner (Aufgabenmanagement) beschleunigt die Arbeit ebenfalls ungemein.

Arbeit auf Distanz hat daher nach der Eingewöhnungsphase das Potenzial für enorme Effizienzgewinne und sorgt so für Entlastung der Arbeitgeber – anstatt für Belastung, wie von einigen vorgebracht. Und dabei sind noch nicht einmal die niedrigeren Kosten für Büroflächen gemeint!

3. … dass sie nicht bereit sind, sich auf die Erfolgsfaktoren der neuen, digitalisierten Wirtschaft einzustellen:

Vor Corona war die größte Sorge der deutschen Wirtschaft der Mangel an digitalen Fachkräften. Durch ein weitgehendes Verbot von Remote-Arbeit haben sich viele Unternehmen diesen Mangel selbst verursacht: Entwickler findet man heute zum Beispiel besonders gut in Osteuropa – und viele von ihnen wollen auch weiterhin in ihrer Heimat bleiben.

Ein norddeutscher Productmanager schreckt vielleicht davor zurück, auf die Schwäbische Alb zu ziehen, während die deutschlandweit beste UX-Expertin weiterhin unabhängig sein und für mehrere Kunden gleichzeitig arbeiten will. Besonders betroffen sind Eltern, die eine gewisse Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen: Zu langes Pendeln zur Arbeit ist für sie nicht möglich, da die Zeit dafür von der Familien- und Erziehungszeit abgehen würde .

Zu diesem ganzen Talentpool und gesteigerten Kapazitäten gibt es plötzlich Zugang, wenn man Homeoffice möglich macht . Moderne Arbeitsformen locken also mehr moderne, innovative Mitarbeiter, steigern die Innovationskraft und damit die Zukunftsfähigkeit. Leider gibt es aber noch viele Chefs der Fallgruppen eins bis drei. Daher brauchen wir dringend einen Anspruch auf Homeoffice, auch für die Zeit nach Corona, und zwar nicht nur zugunsten der Arbeitnehmer, sondern auch zugunsten der Arbeitgeber.

  • Erst der Anspruch auf Homeoffice zwingt sowohl Mitarbeiter als auch Führungskräfte dazu, ihre Zusammenarbeit so zu modernisieren, dass Homeoffice auch funktioniert und Effizienzgewinne bringt.
  • Erst der Anspruch auf Homeoffice eröffnet die Chancen auf die dringend benötigten neuen Talente.
  • Erst der Anspruch auf Homeoffice erzwingt eine Anpassung der geltenden Arbeitsschutzgesetze und den Ausbau der digitalen Infrastruktur (genauso wie erst der entsprechende Anspruch den Ausbau der Kitaplätze in Schwung gebracht hat).

Damit verbessert das Recht auf Homeoffice nicht bloß die Situation der Arbeitnehmer, sondern die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft insgesamt. Gerade jetzt, da sie eine schwere Rezession durchlebt – oder die zumindest unmittelbar bevorsteht –, ist das Recht auf Homeoffice also nicht etwa ein Luxusproblem, sondern ein wichtiger Schritt auf dem Weg aus der Krise.

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Prof. Dr. Katja Nettesheim
© Katja Nettesheim
Prof. Dr. Katja Nettesheim

Geschäftsführerin und Expertin für Management und Führung

Prof. Dr. Katja Nettesheim (Jg. 1974) ist Expertin für Management und Führung im digitalen Zeitalter. Als Geschäftsführerin der Beratung _Mediate, Professorin und Aufsichtsrätin befasst sie sich seit 2008 mit den Erfolgsfaktoren der digitalen Wirtschaft und verantwortet entsprechende Transformationsstrategien etablierter Unternehmen. Als Gründerin und CEO von Culcha verbindet sie ihre Expertise mit innovativer Technologie für ein digitales Werkzeug, das messbar Führungsverhalten und Unternehmenskultur modernisiert.

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