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Ein Jahr nach dem Brexit-Votum: Kann man Meinungsumfragen noch trauen?

Ein Jahr ist es her, dass die Briten für den Austritt aus der EU stimmten. Diese Entscheidung der Wähler kam für Demoskopen ebenso überraschend wie später der Sieg von US-Präsident Donald Trump.

Jens Jürgen Korff
  • Umfragen bilden häufig lediglich einen kleinen Teil der Gesellschaft ab
  • Es nehmen oft nur thematisch stark interessierte Menschen daran teil
  • Umfrageergebnisse sollte man also immer mit viel Vorsicht genießen

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Kurz vor der Bundestagswahl 2009 veranstaltete Stefan Raab in seiner Fernsehshow eine eigene kleine Bundestagswahl. Seine Fans durften per Telefon oder SMS entscheiden, welche Partei sie wählen würden. Das Ergebnis ließ Raab nach Bundesländern getrennt auswerten und begann mit den kleinsten: dem Saarland, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. In allen drei Ländern war die Linke die stärkste Partei geworden. Und sie behielt ihre Führung bis kurz vor Schluss.

Am Ende stand es bei Raabs Wahl so: CDU/CSU 27 Prozent, Die Linke 21 Prozent, FDP 20 Prozent, SPD 18 Prozent, Bündnis 90/Die Grünen 15 Prozent. Und bei der Bundestagswahl: CDU/CSU 34 Prozent, SPD 23 Prozent, FDP 15 Prozent, Die Linke 12 Prozent, Bündnis 90/Die Grünen 11 Prozent.

Wie war diese Verzerrung entstanden? Zwei Gründe: Raabs Publikum war sehr jung, sehr großstädtisch und sehr studentisch geprägt. Hürden wie die hohen Kosten eines Anrufs sorgten dafür, dass sich überwiegend Leute beteiligten, die besonders stark am Fernsehsieg ihrer Lieblingspartei interessiert waren. Solche Enthusiasten gab es offenbar viele bei den Linken und der FDP.

Vorsicht bei Onlineumfragen

Das Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, einigermaßen repräsentative Stichproben für Umfragen zustande zu bringen. Die Stichprobe einer Befragung ist oft nach bestimmten Kriterien vorsortiert. Bei fast allen Fernseh- und Onlineumfragen wirkt das Kriterium „thematisches Engagement“. In der Regel machen sich nur die Menschen die Mühe, eine Onlineumfrage im Netz zu finden und zu beliefern, die zum Thema besonders stark engagiert sind – sei es für, sei es gegen die strittige Entscheidung. Menschen, denen diese Frage weniger wichtig ist, beteiligen sich kaum, haben dazu aber trotzdem oft eine Meinung.

Fragen und Antwortoptionen sind oft einseitig

Doch auch wenn Meinungsforscher es schaffen, repräsentative Gruppen von Menschen zu befragen, sind ihre Ergebnisse oft verzerrt. So geisterte im Sommer 2015 die Meldung durch die Presse, Merkels Griechenlandpolitik finde besonders viele Unterstützer bei den Anhängern der Grünen. Das seltsame Ergebnis einer Forsa-Umfrage kam daher, dass Forsa im Auftrag des „Stern“ den Befragten nur die Möglichkeit gegeben hatte, zwischen Merkels Spardiktat für Griechenland und einem Hinauswurf Griechenlands aus dem Euroraum zu wählen. Wer sich also, vor die Wahl gestellt zwischen Pest und Cholera, für die Cholera entschieden hatte, den nutzte Forsa als Beleg für die These, dass die Cholera „populär“ sei.

Was folgt daraus? Überprüfen Sie bei Umfragen: Wie wurde die Stichprobe gezogen? Wie wurden die Befragten kontaktiert? Was wurde gefragt? Wie lauteten die Antwortoptionen? Gibt es in der Ergebnisdarstellung verschachtelte Prozentzahlen wie „x Prozent sagten dies; davon sagten y Prozent das“? Wer ist Auftraggeber der Umfrage? Welches Interesse hat er?

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Jens Jürgen Korff
© Peter Wehowsky
Jens Jürgen Korff

Historiker, Werbe- und Webtexter

Jens Jürgen Korff (Jg. 1960) ist Historiker, Politologe, Werbe- und Webtexter in Bielefeld. Er studierte an der RWTH Aachen Geschichte, Politikwissenschaft und Biologie mit dem Abschluss Magister, war Werbetexter in Köln und Münster und ist seit 2002 in Bielefeld freiberuflich tätig. Er schrieb mehrere Sachbücher, im Mai 2017 erschien „Die Zahlentrickser. Das Märchen von den aussterbenden Deutschen und andere Statistiklügen“, das er mit Gerd Bosbach veröffentlichte.

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