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Trend #3 – Brain-Recovery: Wie schützen wir uns vor Burnout & Co.?

83 Prozent der XING Mitglieder geben an, dass ihre Arbeitsbelastung durch die Digitalisierung zugenommen hat. Können 4-Tage-Wochen, Sabbaticals und regelmäßige Pausen wirklich helfen, uns zu schützen?

Warum wir unseren Mitarbeitern einen Therapeuten bezahlen

Waldemar Zeiler
  • Betriebssport und Obstkisten gehören in vielen Firmen inzwischen dazu
  • Wie es ihren Mitarbeitern emotional geht, ist Unternehmen aber oft egal
  • Wir investieren auch in die Mentalhygiene – zum Wohle der Kollegen und Firma

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Manchmal braucht man einfach Hilfe. Zumindest ging es mir so, Ende vergangenen Jahres, als mir alles über den Kopf wuchs und ich gar nicht mehr wusste, wohin mit mir. Nach den drei Anfangsjahren von Einhorn, meinem ersten wirklich erfolgreichen Start-up, hatte ich eine unfassbar intensive Zeit hinter mir, nebenbei noch eine tolle Familie gegründet, einen Sohn bekommen und war plötzlich beides: Unternehmer und Vater. Letzterer zudem mit dem Anspruch, nicht klassischerweise alles auf meine Partnerin abzuwälzen, sondern gleichberechtigt zu sein. Dass das nicht leicht werden würde, war mir klar. Aber irgendwann wurden Bedenken und Unsicherheiten, Ängste und sehr reale Probleme, wie zum Beispiel enormer Schlafmangel, so groß, dass ich sie nicht mehr einfach in die Ecke schieben konnte, um sie zu vergessen. Ich musste dem Unbehagen entgegentreten.

Ich erzählte meinem Freund Ansgar Oberholz davon. Ansgar, selbst Gründer und Geschäftsführer des legendären gleichnamigen Cafés „St Oberholz“ und von Coworking-Spaces in Berlin-Mitte, ist Vater von drei Kindern und Teil einer Patchworkfamilie. Wer, wenn nicht er, dachte ich mir, würde mich verstehen mit meinen Sorgen als Unternehmer und Vater? Ich rief ihn an.

Sein Rat war unmissverständlich. „Du musst zum Skalpell“, sagte er ziemlich überzeugt von der Idee, dass nur ein objektiver, erfahrener Fremder bei meinen Herausforderungen helfen und mir assistieren könnte, meine Gedanken besser zu sortieren. Nur wenige Sekunden später gab er mir den Kontakt zu Professor Martin Rauh-Köpsel, seinem eigenen Psychotherapeuten, der ihn in der einen oder anderen Krise auch schon wieder auf die Spur gebracht hatte und den er immer noch ab und zu als Coach aufsuchte. Von da an begab ich mich also in Therapie, auch wenn es einem immer noch schwerfällt das Wort auszusprechen (Coaching klingt so viel besser) – und kam dabei auf eine ganz neue Idee.

Die Aufarbeitung von Emotionen gilt als Schwäche

Es ist schon merkwürdig: Da stecken Firmen Tausende Euros in unzählige Weiterbildungen, in Betriebssport, Bio-Obstkisten und Leasingfahrräder für ihre Mitarbeiter, neuerdings unter dem hashtag #NewWork, vergessen aber zugleich das Wichtigste: die Mentalhygiene. Burn-out und Depressionen zählen inzwischen zu den häufigsten Volkskrankheiten, die sich aber – wenn überhaupt – nur in langwierigen Therapien behandeln lassen. Die Ängste des Mitarbeiters vor Gesichtsverlust und die Hemmungen, dem Arbeitgeber Schwäche einzugestehen, sind gleichzeitig besonders groß, und der Gang zum Therapeuten fällt dementsprechend schwer, zumal die Wartezeiten auch mehrere Monate betragen. Psychologische Hilfestellungen in Unternehmen? Meist Fehlanzeige. Dabei erleben wir gerade einen Höchststand an Fehltagen durch psychische Erkrankungen in Deutschland. Und die Firmen? Die erleiden wiederum ganz reale, teilweise enorme Kosten dadurch.

In meiner Szene, der Gründerszene, scheinen psychischer Druck und das Gefühl von Ausweglosigkeit besonders hoch zu sein. Sobald Wagniskapitalgeber an Bord kommen und damit auch unfassbare Summen Geldes, wird der eigene Anspruch, immer funktionieren zu müssen, grenzenlos. Harmonie und Menschlichkeit stehen da oft hintenan. Kein Wunder, dass bereits im ersten Jahr mindestens einer von drei Gründern aufgrund von Differenzen oder Abgespanntheit das Unternehmen verlässt.

Die Nachfrage ist überwältigend

Als wir Einhorn gründeten, haben Philipp, mein Geschäftspartner, und ich uns glücklicherweise direkt eine Paartherapie bei einem Gründercoach verordnet. Wir wussten, dass wir nicht immer einer Meinung sein und dass Kommunikation in solchen Phasen unsere wichtigste Waffe sein würde. Schon da habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich und seine Beziehungen immer mal wieder einer externen Analyse zu unterziehen, egal ob im Beruflichen oder im Privaten. Nach den ersten Terminen mit Prof. Rauh-Köpsel war deshalb schnell klar, dass ich das auch meinem Team ermöglichen möchte. Die Frage war nur: Wollen die das überhaupt?

Wir starteten erst mal eine Umfrage auf Instagram und fragten unsere Community. Gerechnet hatten wir mit einer Mehrheit, aber vom tatsächlichen Ergebnis waren wir dann doch überrascht: 97 Prozent stimmten für Therapiemöglichkeiten seitens des Arbeitsgebers bei über 1000 Stimmen.

Jedes Unternehmen sollte Therapiekosten übernehmen

Uns war direkt klar, dass wir unseren Mitarbeitern das Angebot stellen sollten. Natürlich habe ich meinem Team im gleichen Zug erzählt, dass ich mich selbst derzeit in Therapie befinde. Ich glaube, dass wir Führungskräfte Vorbild für unsere Mitarbeiter sein sollten und zeigen müssen, dass man sich nicht zu schämen braucht, wenn man eine schwache Phase hat, aus der man mit externer Hilfe besser herauskommt. Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass mindestens 50 Prozent aller Chefs hin und wieder in therapeutischer Behandlung sind – nur geben es gerade mal ein Prozent davon zu, womöglich aus Angst, schwach zu wirken. Nicht nur deshalb, sondern vor allem zum Wohl der Mitarbeiter und damit auch zum Wohl des Unternehmens müssen wir das Thema endlich enttabuisieren.

In der nachfolgenden Zeit durfte also jeder unserer Mitarbeiter zwei bis drei therapeutische Leistungen in Anspruch nehmen, egal ob bei Prof. Rauh-Köpsel oder extern. Die Kosten haben wir übernommen, keiner musste sich dafür rechtfertigen oder ein schlechtes Gewissen haben. Natürlich wurde und werde ich nicht darüber informiert, wer genau wie oft und weshalb eine Therapie in Anspruch nimmt.

Bislang weiß ich nur: Ein Viertel unserer Mitarbeiter (fünf von 20 Einhörnern) haben jeweils zwei Sitzungen bei Herrn Prof. Rauh-Köpsel wahrgenommen. Und alle fünf wünschten sich, dass dieses Angebot weiter bestehen bleibt, da es ihnen bei ihren beruflichen und auch privaten Fragestellungen sehr geholfen hatte. Wir haben deshalb beschlossen, dass wir künftig zehn Sitzungen pro Monat fest für das gesamte Team blocken. So kann jedes Einhorn diesen Service auch spontan nutzen, und wenn besonders viele Themen anstehen, können wir das Kontingent auch mal anheben.

Heute ist uns klar, wie wichtig die Mentalhygiene der eigenen Arbeitnehmer ist. Und wir können nur allen Firmen raten: Bezahlt euren Mitarbeitern den Therapeuten!


15 Jahre XING

Vor 15 Jahren gab es weder soziale Medien noch Smartphones, agiles Arbeiten war hierzulande unbekannt. Unvorstellbar, was in den kommenden 15 Jahre alles Neues entstehen und wie sich unsere Arbeitswelt entwickeln wird! In welchen Berufen werden wir künftig überhaupt arbeiten – und wie? Wie verändert die künstliche Intelligenz den Recruiting-Prozess? Wird die Arbeitswelt von morgen gerechter sein – oder tiefer gespalten?

Zusammen mit dem Zukunftsforscher und Gründer des Trendbüros, Professor Peter Wippermann, hat XING 15 Trends untersucht, die Arbeitnehmer und Unternehmen betreffen und die Gesellschaft verändern werden. Unsere Prognosen basieren auf der wissenschaftlichen Expertise des Trendbüros, einer repräsentativen Umfrage unter den XING Mitgliedern und E-Recruiting-Kunden sowie aus unserer Erfahrung als Vorreiter beim Thema New Work.

Die 15 Trends lassen wir ab dem 5. November täglich auf XING diskutieren – hier auf XING Klartext, von unseren XING Insidern und im XING Talk. Alle Beiträge finden Sie gesammelt auf einer News-Seite.

  • In der Woche ab dem 5. November dreht sich alles darum, was sich für den einzelnen Arbeitnehmer ändert.
  • Ab dem 12. November diskutieren wir eine Woche lang die Folgen des Wandels für Unternehmen.
  • Eine Woche später, ab dem 19. November, thematisieren wir, wie sich unsere Gesellschaft verändern wird.

Bei Fragen, Feedback und Ideen erreichen Sie die Redaktion von XING News unter klartext@xing.com. Wir freuen uns auf spannende und hitzige Diskussionen!

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Waldemar Zeiler
© einhorn
Waldemar Zeiler

Gründer und Geschäftsführer, einhorn

for unfuck the economy, Scheitern

Waldemar Zeiler ist Mitgründer und Geschäftsführer des Unternehmens einhorn, das er 2015 zusammen mit Philip Siefer gründete und das vegane sowie fair gehandelte Kondome herstellt. Während einer Auszeit in Südamerika arbeitete er erstmals an Ideen für nachhaltige Projekte und entwickelte 2014 mit Philip Siefer die Initiative Entrepreneur’s Pledge.

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