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„Sorry, bin total im Stress“: Wie verändert uns permanente Belastung?

Überstunden ohne Ende, Ärger mit dem Partner und kranke Kinder daheim: Stress bestimmt den Alltag vieler. Doch während manche Menschen unter ihm leiden, kommen andere ohne Druck gar nicht aus.

Dr. med. Mazda Adli
  • Städte verursachen sozialen Stress und begünstigen psychische Krankheiten
  • Problematisch ist die Kombination aus sozialer Dichte und sozialer Isolation
  • Öffentliche Plätze und kulturelle Vielfalt wirken gegen Stadtstress

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Städte lösen gesundheitsrelevanten Stress aus. Das liegt auf der Hand, sagen Sie sich jetzt sicher und denken automatisch an laute Autos, stinkende Abgase, hohe Kriminalität, wenig Grün und die Nachbarn, die ihre Boxen ständig wummern lassen. Doch ganz so einfach ist es tatsächlich nicht. Belastender Stress hat immer auch eine soziale Komponente. Und der soziale Stress in der Stadt, der gesundheitsrelevant ist, wird vor allem durch zwei Faktoren ausgelöst: durch die soziale Dichte und die soziale Isolation, insbesondere wenn beides gleichzeitig auftritt. Wenn man sich gleichzeitig der Umgebung ausgeliefert fühlt, wird es besonders problematisch.

Jeder von uns kennt das Gefühl, sich in einem überfüllten U-Bahn-Waggon zu befinden. Sie halten diese Situation aus, weil Sie wissen, dass sie begrenzt ist. Sie haben diese Situation unter Kontrolle. Sie wissen, Sie können jederzeit aussteigen. Doch wie würde es Ihnen dabei gehen, wenn Sie das Gefühl hätten, diesen Zustand allein nicht ändern zu können? Wenn kein eigenständiges Entkommen möglich und kein Rückzugsort gegeben ist. Wenn Sie in einer beengten Wohnung mit dünnen Wänden wohnen und Ihre Nachbarn schon wieder die Musik aufdrehen, sie aber eigentlich Ruhe wollen. In dieser Situation fehlt Ihnen die Kontrolle, und genau dies ist die Dichteerfahrung, die Druck hervorruft.

Sozialen Stress bemerkt man nicht – er kommt schleichend

Der zweite Krankmacher ist die soziale Isolation. Und damit ist nicht gemeint, auf dem Land zu wohnen – fünf Kilometer vom nächsten Haus entfernt. Im Gegenteil: Nichts ist einsamer, als unter Menschen zu sein, aber nicht dazuzugehören. Die Kombination aus sozialer Dichte und Isolation, gepaart mit dem Gefühl des Kontrollverlusts, ist es also, die den Stress in der Stadt ausmacht. Und er kommt schleichend. Es ist ein Stress, den man oft nicht bewusst wahrnimmt. Und genau das macht ihn auch so gefährlich.

Aber man muss auch nicht gleich in Sorge verfallen. Ich selbst bin in Städten aufgewachsen. Habe mein ganzes Leben in ihnen verbracht. Und genieße das Stadtleben auch heute noch – schon seit einigen Jahren wohne ich in Berlin. Kurzum, ich bin ein überzeugter Großstädter. Ich habe Freude daran, die Vorteile der Stadt zu nutzen: soziale Kontakte, das Kulturangebot, das immer wieder neue Erkunden meines Kiezes. Städte bieten mehr Chancen auf Bildung und Förderung und eine bessere Gesundheitsversorgung. Und genau hier, in dieser Wahrnehmung, liegt der entscheidende Punkt: Von all dem, was uns Städte bieten, kann nur der profitieren, der auch einen Zugang zu diesen Vorteilen hat. Und das hängt wiederum sehr vom Geldbeutel, aber auch von Bildung ab. Auf der anderen Seite stehen die Risikopopulationen, deren Zugang zu den „Segen der Stadt“ eingeschränkt ist. Dazu gehören Menschen mit geringem Aktionsradius, sprich Menschen, die keinen Anlass haben, aus dem Haus zu gehen oder die sich sozial ausgeschlossen fühlen – auch ältere Menschen, vor allem mit eingeschränkter Mobilität.

Appell an die Kommunalpolitik: Jedem muss die Teilnahme an Kultur möglich sein

Und wenn wir annehmen, dass nach Prognosen der Vereinten Nationen im Jahr 2050 etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben werden, dann müssen wir dafür sorgen, dass sie lebenswert bleiben. Dass das, was wir so sehr an Städten schätzen, erhalten bleibt und vor allem möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht wird. Ebenso wichtig wie eine offene Kultur sind öffentliche Plätze, die dafür sorgen, dass sich Menschen treffen und miteinander ins Gespräch kommen. Ob informell genutzte Baubrachen oder breite Bürgersteige – wir und insbesondere die Kommunalpolitik müssen diese Plätze bewahren. Doch in Zeiten, in denen städtischer Raum immer knapper und begehrter wird, werden die ungenutzten Flächen Bauprojekten weichen. Es ist eine Aufgabe der Politik, die Stimulation zu schaffen, die die Bewohner brauchen, um vor die Tür zu gehen. Sonst stehen wir in einigen Jahren der Herausforderung gegenüber, überverhältnismäßig viele Stadtbewohner mit seelischen Störungen zu haben. Schon heute erkranken Städter anderthalb Mal häufiger an Depressionen als Menschen, die auf dem Land leben. An Schizophrenie erkranken doppelt so viele.

Jeder investierte Euro in die Kultur und in das Stadtleben schützt auf kurze und lange Sicht die Gesundheit. Daher müssen wir Maßnahmen ergreifen – es wird Zeit.

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Dr. med. Mazda Adli
© Adli
Dr. med. Mazda Adli

Psychiater, Stressforscher und Chefarzt, Fliedner Klinik Berlin

Dr. med. Mazda Adli (Jg. 1969) ist Psychiater, Stressforscher und Chefarzt an der Fliedner Klinik Berlin. In seiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit widmet sich Adli der Entstehung, Therapie und Prävention von affektiven Störungen, wie stressassoziierten Symptomen und Depressionen. In seinem Buch „Stress and the City. Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind“ fordert er den Erhalt der urbanen Kultur.

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