Zwischen Meinungsfreiheit und Hass: Ist unsere Debattenkultur kaputt?

Das Phänomen ist allgegenwärtig: Besonders online werden Diskussionen oft von Stimmungsmachern dominiert, die an einem Austausch kein Interesse haben. Was sagt das über unsere Debattenkultur?

Warum Zuhören wichtiger ist als Streiten

Elisabeth Niejahr

Geschäftsführerin Hertie-Stiftung, Buchautorin

Elisabeth Niejahr
  • Harter Diskurs ist derzeit angesagt
  • Mich hat Corona zurückhaltend gemacht
  • Wir brauchen eher bürgerliche Tugenden wie Höflichkeit

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Plötzlich wollen alle streiten. Fast immer, wenn angesichts von populistischen Wahlerfolgen, Extremismus und gezielter Desinformation um die Zukunft der Demokratie gerungen wird, erscheint die harte, strittige Auseinandersetzung von Menschen unterschiedlicher Auffassungen nicht als Teil des Problems, sondern der Lösung.

Das ist nicht selbstverständlich, denn eigentlich schätzen Wähler den Konsens. In Umfragen bekamen moderierende, mittige Kandidaten jedenfalls lange bessere Zustimmungswerte als diejenigen, die zuspitzten und polarisierten. Dennoch hat beispielsweise die Konrad-Adenauer-Stiftung 2019 in einer hochkarätig besetzten Veranstaltungsreihe das Streiten gefeiert, meine früheren Kollegen in der „Zeit“ haben ein Ressort mit dem Namen „Streit“ eingeführt, und auch in neuen Büchern wurde mehr Streit gefordert.

Es fehlt nicht an streitlustigen Menschen

Mich hat die Coronakrise bei diesem Thema zurückhaltender werden lassen. Ich habe aktuell nicht den Eindruck, dass es in Deutschland oder auch in den USA an streitlustigen Menschen fehlt. Im Gegenteil: Seit die Beschränkungen etwas gelockert wurden, begegnen mir in Berlin-Mitte recht häufig Menschen, die auch Fremden ihren Ärger ungefragt entgegenbrüllen. In öffentlichen Verkehrsmitteln missionieren Überzeugte ohne jegliche Hemmungen (und oft auch ohne Mundschutz). Mein Eindruck ist, dass von Jahr zu Jahr mehr Menschen in der Lage sind, ihre Interessen zu artikulieren – und dies auch unüberhörbar tun. Aus der schweigenden Mehrheit sind viele sprechende Minderheiten geworden.

Was tatsächlich fehlt, ist die Bereitschaft, einander aktiv zuzuhören – um dann gegebenenfalls hart zu widersprechen. Der Bereitschaft mancher Demonstranten, die halbe Welt mit Kraftausdrücken zu etikettieren, lässt sich am besten mit klassisch bürgerlichen Tugenden begegnen: Respekt vor Andersdenkenden, Höflichkeit, Akzeptanz von Regeln und einem Ordnungsrahmen für Diskurs. Initiativen wie Kleiner fünf, die mit dem widersprüchlichen Begriffspaar „radikale Höflichkeit“ für sich werben, tragen diesem Gedanken Rechnung, aber auch der seit fast 20 Jahren existierende Wettbewerb „Jugend debattiert“ der Hertie-Stiftung. Pluralismus kann man üben.

Es fehlen Preise fürs Zuhören

Auch uns fehlt aber bisher eine Idee dafür, wie sich das Zuhören am besten würdigen lässt. Eigentlich sollte es nicht nur für gute Redner, sondern auch für gute Zuhörer Preise geben. Aber wie macht man das? Dass Zuhören mehr ist, als einfach zu schweigen, lässt sich noch erklären: Es geht darum, deutlich zu machen, dass die Aussagen des Gegenübers angekommen sind – durch Kopfnicken oder andere Formen der Körpersprache. Oder noch besser, indem ein Redner die Aussagen eines Vorredners knapp zusammenfasst und im eigenen Statement wiederholt.

Dennoch lässt sich gutes Zuhören, etwa in Talkshows, schlechter dokumentieren als ein schwungvoller Auftritt im Ted Talk oder am Rednerpult. Es ist gleichwohl ähnlich wie das verwandte aktive Schweigen eine hohe Kunst. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau gab Anfang Juni ein Beispiel dafür ab, als er auf einer Pressekonferenz Journalisten ungewöhnlich lange auf eine Antwort zum Handeln von Donald Trump warten ließ. Umgekehrt lernen die meisten Journalisten schon in der Ausbildung, dass sich Antworten von Gesprächspartnern oft besser durch langes Schweigen als durch Nachhaken herbeiführen lassen. Der Trick funktioniere vor allem am Telefon, denn nur wenige Menschen würden Pausen in Ferngesprächen gut ertragen, erklärte mir mal ein Ausbilder. Nach mehr als 20 Berufsjahren als Journalistin finde ich: Er hatte recht.

Zuhörer, verbündet euch

Außerdem haben mich persönlich meine Erfahrungen als Mutter Respekt vorm Zuhören gelehrt. Kurz bevor meine heute 13-jährige Tochter geboren wurde, schwor ich mir mal mit einer ebenfalls schwangeren Freundin, unsere Kinder sollten nie einen jener viel zitierten Sätze aus Nick-Hornby-Romanen über Alleinerziehende sagen, etwa: „Mama, warum sind wir immer erst auf dem Spielplatz, wenn es schon dunkel ist?“. Inzwischen ist die Frage, die mich nervös macht: „Mama, hörst du mir wirklich zu?“

Den Alltag mit Kind zu organisieren ist oft leichter, als im Gespräch über Hausaufgaben oder Schulerlebnisse wirklich präsent zu sein. Weil es Kinder gibt, die ohne Punkt und Komma reden, wenn sie ihre Eltern nach deren Arbeit sehen. Weil das Tempo im Job und bei der Kindererziehung oft so unterschiedlich ist. Und weil schon kleine Kinder oft sehr gute Menschenkenner sind, die spüren, wenn Interesse und Zuhören nur simuliert werden. Mit Bluffen komme ich jedenfalls schon lange nicht mehr durch.

So ist unsere Küche mein privates Pluralismus-Trainingscamp. Für andere erfüllen vielleicht Podcasts eine ähnliche Funktion. Nötig wäre aber eigentlich eine neue Bewegung, eine didaktische Großanstrengung und mehr Begeisterung für eine unterschätzte Tugend. Zuhörer, verbündet euch!

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Elisabeth Niejahr
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Elisabeth Niejahr

Geschäftsführerin Hertie-Stiftung, Buchautorin

Elisabeth Niejahr (Jg. 1965) verantwortet als Geschäftsführerin den Bereich „Demokratie stärken“ der Hertie-Stiftung. Davor arbeitete sie lange Jahre als Journalistin bei Medienmarken wie Wirtschaftswoche, Zeit und Spiegel. Sie ist vielen Deutschen auch als Gast in TV-Talkshows bekannt.

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