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30 Jahre Mauerfall: Zeit, sich von Legenden zu verabschieden!

Die deutsch-deutsche Grenze ist Vergangenheit - doch in unseren Köpfen halten sich die Vorurteile über den "anderen" Teil Deutschlands. Unsere Autoren machen Schluss mit einigen dieser fixen Ideen.

Was der Westen unternehmerisch vom Osten lernen kann

Rafael Laguna de la Vera
  • Die ostdeutschen Bundesländer holen wirtschaftlich stark auf
  • Zu den Stärken ihrer Bewohner gehört das große Improvisationstalent
  • Auch deshalb geht die Bundesagentur für Sprunginnovationen nach Leipzig

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Ist der Osten wirtschaftlich das Sorgenkind Deutschlands? Ich als Unternehmer bin vom Gegenteil überzeugt. Viele Standorte im Osten sind extrem attraktiv. In Städten wie Leipzig oder Dresden herrscht Aufbruchsstimmung. Und es gibt unglaublich viele fähige Unternehmer. Der Osten ist im Kommen.

Diesen Spirit erlebe ich gerade selbst: Ich bin von der Bundesregierung zum Direktor der neuen Agentur für Sprunginnovationen ernannt worden – und die wird ihren Sitz in Leipzig haben. Die Agentur soll dafür sorgen, dass echte Innovationen aus Wissenschaft und Wirtschaft auch wirklich zu einem ökonomischen Erfolg werden. Dazu werden wir Innovatoren und Gründer beispielsweise in Kontakt bringen mit Forschungsmöglichkeiten, Bundesprojekten, Netzwerken und Kapitalgebern. Bei der Standortsuche für diese neue Einrichtung prüften wir Kriterien wie: Befinden sich Hochschulen und Forschungseinrichtungen in der Nähe?, aber auch: Wie ist die Verkehrsanbindung? Und ist Wohn- und Büroraum bezahlbar? Wie attraktiv ist das Umfeld? Wie sieht es mit politischer Unterstützung aus?

Ich bin selbst halb Ost-, halb Westdeutscher

Dass sich am Ende Leipzig klar durchsetzte, liegt nicht nur an den passenden Rahmenbedingungen, sondern auch an einer Hands-on-Mentalität, die man in der Gegend häufig spürt. Kaum war die Entscheidung für Leipzig gefallen, hatten uns Ministerpräsident und Bürgermeister schon ein Büro mit unserem Schild an der Tür organisiert. Ich glaube, da spürt man noch zum Teil das Improvisationstalent, das viele Menschen damals in der DDR entwickelt haben. Man konnte sich nicht einfach irgendwas Neues kaufen, sondern musste halt selber machen und sich immer wieder etwas einfallen lassen.

Ich weiß das aus eigener Erfahrung, denn ich bin meine ersten zehn Jahre in der DDR aufgewachsen. Mein Vater war noch vor dem Mauerbau und vor meiner Geburt aus Spanien mit meiner Mutter, halb Westdeutsche, halb Holländerin, eingewandert. Ich habe eine schöne Erinnerung an meine Kindheit. Damals erlebte ich auch, wie innovativ die Menschen abseits der staatlichen Vorgaben waren: Da lud meine Familie ihre Freunde auf die winzige Datsche ein, die Gäste brachten dafür Lebensmittel mit oder halfen beim Pilzesammeln, der Großvater half dem Bauern, der wiederum half der Familie – und so improvisierte man sich da ganz gut was zusammen.

Viele Ostdeutsche gründeten nach dem Mauerfall eigene Unternehmen

Unternehmerisch konnte man im Sozialismus natürlich nicht wirklich tätig werden. Damit mag zu tun haben, dass meine Eltern, lange Zeit als selbstständige Dolmetscher tätig, irgendwann in den Westen ausreisen wollten. 1974 wurde uns die Ausreise schließlich genehmigt. Ich selbst begann noch zu Schulzeiten mit dem Programmieren und importierte und vertrieb Anfang der Achtziger eine Software für Mikrocomputer, zwischendurch betrieb ich mal ein Kino (und erlebte meine erste Pleite), später wurde ich Teilhaber einer Softwarefirma, dann Investor und Business-Angel. 2005 gründete ich mit einem Partner die Open-Xchange, seit 2008 bin ich dort CEO. Heute zählt das Unternehmen 270 Mitarbeiter.

Natürlich sind 45 Jahre Sozialismus nicht die ideale Voraussetzung, um viele DAX-Vorstände hervorzubringen. Aber auf Basis meiner Ost-West-Vergangenheit und meiner Erfahrungen als Unternehmer weiß ich, dass Menschen aus Ostdeutschland unternehmerisch gar nichts unterscheidet von westdeutschen Gründern oder Managern. Sie sind genauso talentiert.

Manche Menschen aus der ehemaligen DDR gründeten nach dem Mauerfall eigene Unternehmen – oft erfolgreich, wie zum Beispiel die Intershop AG. Viele sind nach dem Mauerfall erst mal in den Westen gegangen, weil sie nicht warten wollten, bis die Strukturen auch in ihrer Heimat vorhanden waren. Aber zahlreiche dieser Menschen kommen inzwischen wieder zurück, weil sich die Bedingungen im Osten mittlerweile so gut entwickelt haben. Es tut sich ja auch tatsächlich viel: Bosch hat zum Beispiel gerade bei Dresden eine ganz neue Halbleiterfabrik gebaut. Und in Zwickau lässt Volkswagen jetzt sein neues E-Auto ID.3 vom Band laufen.

Wir sind eine Sorte Mensch

Ich würde sogar sagen: Die Menschen im Osten – wenn man denn so eine Pauschalisierung zumindest im Positiven einmal verwenden möchte –, die können was. Sie sind oft noch etwas hungriger und beweglicher, während man im Westen etwas satter und starrer ist. Und von dem jahrzehntelang antrainierten ostdeutschen Improvisationstalent kann man in den alten Bundesländern noch einiges lernen. Und in noch etwas ist man dem Westen ein Stück voraus: Im Osten spielt das Thema Gleichberechtigung der Frauen gar keine Rolle, denn dort wird sie schon seit Langem gelebt. „Oh, toll, dass jetzt eine Frau Geschäftsführer ist“ – so einen Satz würde man dort gar nicht verstehen. Ich finde das erfrischend und hoffe, dass sich das bald auf den Westen überträgt.

Wenn ich jetzt mal als halber Westdeutscher in die Zukunft schaue, glaube ich, es wird Zeit, dass wir bestimmte Reflexe und Pauschalisierungen hinter uns lassen. Eine Kategorie wie „der oder die Ostdeutsche“ führt zu nichts. Allein weil sich schon Sachsen und Thüringer so sehr voneinander unterscheiden wie Schwaben von Bayern. Aber auch weil wir begreifen müssen, dass wir ein Volk und eine Sorte Mensch sind. Geben wir der Sache etwas Zeit: Dem Osten steht wirtschaftlich eine tolle Zeit bevor!


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Rafael Laguna de la Vera
© Open Xchange
Rafael Laguna de la Vera

Geschäftsführer, Agentur für Sprunginnovationen

Rafael Laguna de la Vera (Jg. 1964) wurde als Sohn von Einwanderern aus dem Westen in Leipzig geboren. Nach der Ausreise der Familie 1974 nach Westdeutschland sammelte er als junger Mann Erfahrungen als Software-Entwickler und Kinobetreiber, wurde später Firmenteilhaber, Business-Angel und schließlich CEO der Softwarefirma Open-Xchange mit 270 Mitarbeitern. Im Auftrag der Bundesregierung soll er in Leipzig die Agentur für Sprunginnovationen aufbauen.

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