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Sind wir eine Wegwerfgesellschaft?

Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich auf dem Müll. Davon wäre laut Experten die Hälfte vermeidbar. Aktivisten sehen besonders Supermärkte in der Pflicht, etwas zu ändern.

Weil ich Essen aus dem Müll rette, verfolgt mich die Polizei

Christian Walter

Aktivist

Christian Walter
  • Jährlich werden hierzulande elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen
  • Wir, die sogenannten Containernden, wollen Produkte retten; das ist aber illegal
  • Solange die Kontrolle bei profitorientierten Konzernen liegt, ändert sich nichts

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In Deutschland werden jedes Jahr elf Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel mit einem Geldwert von 25 Milliarden Euro auf den Müll geworfen. In den Industrieländern werden 30 bis 50 Prozent der produzierten Lebensmittel weggeworfen. Der Kapitalismus ist eine Wegwerfgesellschaft. Es wird gnadenlos unverantwortlich mit natürlichen Ressourcen und menschlichen Bedürfnissen umgegangen.

Von weggeworfenen und geretteten Lebensmitteln

Ein konkretes Beispiel: Der Handel – also Supermärkte, Wochenmärkte et cetera – ist verantwortlich für etwa fünf Prozent dieser Lebensmittelvernichtung. Am Ende des Verkaufstags wird aussortiert, vieles landet in der Tonne: Obst und Gemüse, Brot, Produkte mit bald ablaufendem Mindesthaltbarkeitsdatum. Manche Händler kooperieren mit den Tafeln, die bedürftige Menschen unterstützen. Oft ist es aber selbst für sie viel zu viel.

Hier setzt das sogenannte Containern an. Ich gehe (meist nach Ladenschluss) zu den Mülltonnen und hole genießbare Lebensmittel wieder heraus. Und obwohl wir hier nur von fünf Prozent der insgesamt vernichteten Lebensmittel sprechen, finde ich sagenhafte Mengen.

Müll ist in Deutschland Eigentum. Und Eigentum ist heilig. So kommt es immer wieder zu absurden Kriminalisierungsversuchen gegen Containernde. Demnächst müssen sich in Aachen zwei Menschen vor Gericht verantworten. Ihnen wird „schwerer Diebstahl“ vorgeworfen – weil sie genießbare Lebensmittel aus dem Müll eines Supermarkts entnommen haben sollen. Dagegen gibt es Proteste. Außderdem habe ich eine Online-Petition gestartet, die mittlerweile mehr als 95.000 Unterschriften hat.

Planung für den Profit?

In jedem Produkt stecken gewisse Ressourcen: Energie, Wasser, Boden und vieles mehr. Diese Ressourcen lassen sich in menschliche Arbeitskraft umrechnen, weil die menschliche Arbeit sie nutzbar macht. Das heißt, dass 30 bis 50 Prozent der in die Lebensmittelproduktion gesteckten menschlichen Arbeitskraft bei optimaler (das heißt bedürfnisdeckender) Planung eingespart werden könnte. Und nebenbei könnten riesige Anbauflächen und Wasser eingespart, Pestizide und andere umweltbelastende Stoffe reduziert und klimaschädliche Energieerzeugung minimiert werden. Warum passiert das nicht?

Jeder Konzern erstellt ausgehend von Erfahrungen und Zielen Verkaufsprognosen. Dabei versuchen die Unternehmen nicht nur, ihre Kundschaft zu bedienen, sondern auch, Kunden der Konkurrenz abzuwerben. Dazu werden Milliarden in Werbung investiert, Filialen direkt gegenüber der Konkurrenz eröffnet und dafür gesorgt, dass Regale bis Ladenschluss gefüllt sind. Beim Containern erlebe ich, dass ihre Tonnen voll sind.

Viel größere Posten als der Handel sind aber Landwirtschaft, verarbeitende Industrie, Transport und auch Endverbraucher. Hier sind die Ursachen ähnlich gelagert. Appelle, bewusster einzukaufen und weniger wegzuwerfen, sind richtig und wichtig. Aber solange die Kontrolle über Produktion und Verteilung von Lebensmitteln bei profitorientierten Konzernen liegt, wird das Problem weiter bestehen.

Bedürfnisbefriedigung statt Profit!

Jeder Konzern muss in der Konkurrenz bestehen. Sobald einer ernsthaft nachhaltig wird, wird das auf die Profite schlagen. Wenn Regale abends leergekauft sind, werden Kunden weniger Geld dalassen. Statt Profitorientierung und Konkurrenz brauchen wir eine gesamtgesellschaftliche Planung und eine demokratische Kontrolle über Produktion und Verteilung. Ergänzt werden müsste das um ernsthafte Aufklärungskampagnen, die das Bewusstsein für den tatsächlichen Wert der Lebensmittel wieder heben. Damit das passiert, muss der Lebensmittelsektor aus den Fesseln der Privatwirtschaft befreit und in gesamtgesellschaftliches Eigentum überführt werden.

Veröffentlicht:

Christian Walter
© Privat
Christian Walter

Aktivist

Christian Walter (Jg. 1988) geht seit seinem 19. Lebensjahr Containern und engagiert sich darüber hinaus gegen die Vernichtung von Lebensmitteln bzw. für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Er betreibt das Facebook-Blog „Aachen Containert“. Auf der Plattform change.org hat er eine Petition gestartet, in der er unter anderem fordert, dass essbare Lebensmittel nicht mehr vernichtet werden dürfen und dass Containern, also das Sammeln von Müll aus den Abfalltonnen von Supermärkten, entkriminalisiert wird.

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