Unwetter-Woche: Muss ich trotz Sturms zur Arbeit?

Gesperrte Straßen, ausgefallene Züge: Orkan Sabine hat viele Pendler verzweifeln lassen. Auch die restliche Woche soll stürmisch bleiben. Wer deswegen lieber zu Hause bleibt, könnte Probleme kriegen.

Weniger Gehalt wegen des Orkans? Ja, das kann passieren.

André Schenk
  • Nach Sturm Sabine drohen uns in dieser Woche weiterhin Unwetter
  • Was geschieht, wenn Arbeitnehmer wegen des Sturms nicht ins Büro kommen?
  • Selbst wer nichts dafür kann, muss schlimmstenfalls mit weniger Gehalt rechnen

8,967 responses

Muss ich bei einem Unwetter zur Arbeit fahren? Diese Frage stellen sich viele Arbeitnehmer, wenn wieder ein Sturm wie Sabine durch das Land braust. Und die Antwort lautet: „Grundsätzlich schon, aber …“.

Generell darf ein Arbeitnehmer bei Unwetter oder Sturm nicht zu Hause bleiben; für den Weg muss er mehr Zeit einplanen. Denn der Arbeitnehmer hat ein Wegerisiko und muss sicherstellen, dass er pünktlich am Arbeitsplatz eintrifft. Erreicht das Unwetter jedoch ein solches Ausmaß, dass aus meteorologischer Sicht davor gewarnt wird, auf die Straße zu gehen – etwa, weil überall umgeknickte Bäume liegen und Dächer abgedeckt werden – kann ein Fall von „begründeter Arbeitsverhinderung“ vorliegen, bei dem der Arbeitnehmer dann zu Hause bleiben kann. Dieses muss er aber seinem Arbeitgeber sofort mitteilen. Eine Abmahnung darf wegen des Fernbleibens nicht ausgesprochen werden.

Bekommt man trotz des Fernbleibens Gehalt?

Gemäß Paragraf 616 BGB verliert der Arbeitnehmer seinen Anspruch auf Vergütung nicht dadurch, dass er für eine gewisse Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Arbeit verhindert wird (subjektives Leistungshindernis). Kann der Arbeitnehmer also nicht zur Arbeit erscheinen, weil er beispielsweise erkrankt ist, hat er dennoch einen Anspruch auf Entgeltfortzahlung.

Objektives Leistungshindernis

Hinderungsgründe hingegen, die eine Vielzahl von Arbeitnehmern treffen können, wie eben auch ein Sturm, sind nicht erfasst, sie stellen ein objektives Leistungshindernis dar. Der Arbeitnehmer trägt damit das Wegerisiko auch bei Naturkatastrophen und hat keinen Vergütungsanspruch, wenn er nicht zur Arbeit gelangt.

Im Klartext: Macht das Wetter den Weg zur Arbeit unzumutbar, stellt dieses zwar eine begründete Arbeitsverhinderung dar, die ausgefallene Arbeitszeit ist aber nicht zu vergüten.

Anders würde die Bewertung indes ausfallen, wenn der Arbeitgeber den Arbeitnehmer aus unverschuldeten betriebstechnischen Gründen nicht beschäftigen kann; das Betriebsrisiko liegt nämlich beim Arbeitgeber. Betriebsstörungen können beispielsweise durch ein Versagen der technischen Mittel des Betriebs durch Sturm oder Hochwasser (Stromausfall) vorkommen. In diesen Fällen bleibt der Entgeltanspruch des Arbeitnehmers, der ja seine Arbeit anbietet, diese aber vom Arbeitgeber nicht eingesetzt werden kann, bestehen. Für den Arbeitnehmer ist es daher – überspitzt formuliert - am Ende günstiger, wenn der Sturm den Baum nicht auf die Straße, sondern auf die Betriebsstätte pustet.

Kinder von der Schule abholen

Im jüngsten Sturmtreiben sahen sich arbeitende Eltern neben den eigenen Problemen, zur Arbeit zu kommen, dem Umstand ausgesetzt, dass einige Schulen dazu aufforderten, die Schüler abzuholen. Auch hier stellt sich abermals die Frage, ob der Arbeitnehmer

  • die Arbeit verlassen darf und
  • seinen Entgeltanspruch verwirkt.

Im Grunde ist der Fall ähnlich zu betrachten wie der der Erkrankung des Kindes: Ist dem Arbeitnehmer die Erbringung der Arbeitsleistung nicht zumutbar, steht ihm nach Paragraf 275 Absatz 3 BGB ein Leistungsverweigerungsrecht zu. Kann das Kind also nicht anderweitig sicher abgeholt werden, kann er die Arbeit berechtigt verlassen. Allerdings wird ihm hier kein Entgeltanspruch zustehen, es bleibt damit beim Grundsatz: Ohne Arbeit kein Geld.


Debattieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Haben Sie wegen des Sturms in den vergangenen Tagen Probleme bei der Arbeit bekommen?

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André Schenk
© André Schenk
André Schenk

Rechtsanwalt und Gründungspartner, Kanzlei sbs-legal Rechtsanwälte

André Schenk absolvierte sein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Bremen und der University of Sheffield (Großbritannien). Im Anschluss gründete er im Jahr 2005 gemeinsam mit dem Rechtsanwaltskollegen Stephan R. Schulenberg die Kanzlei sbs-legal Rechtsanwälte. Schenk betreut die Dezernate Unternehmensrecht, Vertragsrecht und gewerblichen Rechtsschutz.

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