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Medizin-NC: Sollte man auch ohne Einser-Abi Arzt werden dürfen?

Das Bundesverfassungsgericht hat eine wegweisende Entscheidung verkündet: Die Vergabe von Medizin-Studienplätzen muss künftig anders geregelt werden. Wird das Urteil das Hochschulsystem verändern?

Wer auf Wartezeiten setzt, hat künftig schlechte Karten

Hendrik Loll
  • Einen Studienplatz bekommt man auch in Zukunft primär nach Noten und Eignung
  • Wartezeitquoten sind laut Gericht verzichtbar und dürften beschränkt werden
  • Der Zug zum Medizinstudium im Ausland wird weiter an Fahrt aufnehmen

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Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil vom 19. Dezember 2017 entschieden, dass wesentliche Bestandteile des seit Jahrzehnten geübten Verfahrens für die Vergabe von Medizinstudienplätzen verfassungswidrig sind. Gleichermaßen betroffen sind die Studiengänge Zahnmedizin und Tiermedizin.

Das Urteil beschäftigt sich ausschließlich mit den Mechanismen der Vergabe der wenigen vorhandenen Studienplätze an die vielfach größere Bewerberanzahl. Eine Schaffung von zusätzlichen Ausbildungskapazitäten wird durch die Entscheidung nicht veranlasst und ist angesichts der hohen Kosten der Medizinerausbildung auch in Zukunft nicht zu erwarten.

Unbeanstandet lässt das Gericht die bisher geübte Vorabvergabe von 30 Prozent der Studienplätze an bevorzugte Bewerbergruppen wie Härtefälle, Ausländer und Zweitstudienbewerber. Ebenso wird die Vergabe von 20 Prozent der Plätze ausschließlich nach der Abiturnote für statthaft befunden, wobei sich die Beschränkung auf maximal sechs Ortswünsche als unzulässig erweist.

Wartezeitquoten sind verfassungsrechtlich nicht vorgeschrieben

Erhebliche Veränderungen wird die Entscheidung für das Auswahlverfahren der Hochschulen bringen. Hier darf ein Teil der Studienplätze ausschließlich nach der Abiturnote vergeben werden, wobei zukünftig Landesquoten gebildet werden sollen. Ein Teil der Studienplätze ist in Zukunft nach mindestens einem weiteren abiturnotenunabhängigen Eignungskriterium zu vergeben, was eine stärkere Verlagerung in Richtung fachspezifischer Studierfähigkeitstests erwarten lässt. Angesichts der angemahnten hohen Regelungsdichte (mit entsprechender Fehleranfälligkeit) dürften die ersten Studienplatzanwälte, deren Geschäft angesichts der hochschulfreundlichen Gerichtsentscheidungen in den vergangenen Jahren gelitten hat, schon die Messer wetzen. Viele Fälle wird dies nicht betreffen.

Am Ende der Entscheidung findet sich “echter Sprengstoff”: Das Gericht diskutiert nicht etwa, ob die Chancengleichheit eine breitere Berücksichtigung auch von Bewerbern mit schlechteren Abiturnoten gebietet. Ganz im Gegenteil wird ausgeführt, dass der Anteil von 20 Prozent für Wartezeitkandidaten “nicht erhöht” werden darf. Mehr noch: Eine Wartezeitquote ist schon vom Ansatz her “verfassungsrechtlich nicht geboten” und wird als gänzlich verzichtbar bezeichnet: “Nicht jeder hochschulreife Bewerber muss den Anspruch auf Zulassung zum Studium im Ergebnis tatsächlich realisieren können.” Wenn der Gesetzgeber, was möglich ist, eine Wartezeitquote einführt, ist er jedenfalls verpflichtet, die Wartezeit auf ein zumutbares Maß zu beschränken. Vier Jahre werden als statthaft bezeichnet, acht Jahre jedenfalls als zu viel.

Das Wunschstudium in Deutschland rückt für viele in weite Ferne

Dem Gesetzgeber hat das Bundesverfassungsgericht eine Frist bis 2019 zur Umsetzung der Entscheidung eingeräumt. Bis dahin bleibt alles beim Alten. Zudem sind in der Vergangenheit regelmäßig solche vom Bundesverfassungsgericht gesetzten Fristen nicht eingehalten worden, zuletzt bei der Neuregelung des Akkreditierungswesens von Studiengängen.

In den zuständigen Ministerien wird man die Entscheidung sorgsam lesen und Hinweise zur Verschlankung des Aufwands im Rahmen der zwingenden Neuregelung sicherlich aufnehmen. Voraussagbare Verlierer sind die Wartezeitkandidaten, die vermutlich in Zukunft überhaupt keine Chance mehr auf ihr Wunschstudium in Deutschland haben. Der Zug zum Medizinstudium im Ausland wird weiter an Fahrt aufnehmen.

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Hendrik Loll
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Hendrik Loll

Geschäftsführer, StudiMed GmbH

Hendrik Loll ist Geschäftsführer der StudiMed GmbH. Seit 2010 ist er gewähltes Mitglied der Vollversammlung der IHK Köln und außerdem als Geschäftsführer der Sustena Altenpflege, bei Doctis Consult und der Odessa Vermögensverwaltung tätig. Zuvor studierte er Rechtswissenschaften in Bonn und Gesundheitsökonomie an der Hochschule Fresenius Köln.

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