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Baustellenfrust: Warum müssen wir immer länger auf Handwerker warten?

Der Fachkräftemangel in Deutschland nimmt immer drastischere Ausmaße an, vor allem im Handwerk. Bis zu zehn Wochen warten Verbraucher inzwischen auf einen Termin. Der Ärger wächst - auf allen Seiten.

Claus Michelsen
  • Auf Handwerker wartet man mancherorts länger als auf einen Facharzttermin
  • Grund ist der anhaltende Bauboom, ausgelöst durch langjährige Niedrigzinsen
  • Der Fachkräftemangel führt nun auch zu stark steigenden Preisen

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Die Baubranche und ganz besonders die Betriebe des Bauhandwerks haben derzeit alle Hände voll zu tun. Der Grund für die positive Entwicklung der Branche ist die Hausse am Immobilienmarkt – der Aufschwung geht mittlerweile in das neunte Jahr. Angefacht wird die Nachfrage durch die niedrigen Zinsen, die den Immobilienkauf, das Bauen und Sanieren so erschwinglich machen wie selten zuvor. Und auch die Wirtschaft brummt, sodass den privaten Haushalten und Unternehmen höhere Einkommen und Gewinne zur Verfügung stehen.

Für das Handwerk bedeuten steigende Neubauzahlen genauso wie höhere Umsätze mit Bestandsimmobilien mehr Aufträge. Denn typischerweise werden Handwerksleistungen dann nachgefragt, wenn Bewohner oder Eigentümer wechseln. Bei diesen Gelegenheiten werden nicht nur die üblichen Schönheitsreparaturen durchgeführt. Meist wird grundlegender modernisiert, beispielsweise ein neues Bad, eine neue Heizung oder eine neue Küche eingebaut. Die Unternehmen kommen kaum hinterher, die prall gefüllten Auftragsbücher abzuarbeiten. Die durchschnittliche Auftragsreichweite in der Bauwirtschaft – also wie lange ein Unternehmen im Vorhinein ausgelastet ist – hat sich von etwa zwei Monaten im Jahr 2010 auf aktuell knapp vier Monate verlängert. Diese Zahlen ermittelt der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes in seiner monatlichen Befragung der Handwerksbetriebe. Und so kommt es, dass man mancherorts länger auf den Handwerker wartet als auf einen Termin beim Facharzt.

Die Knappheit an Handwerkern bedingt steigende Preise

Der Druck geht aber nicht nur von der Nachfrage aus. Es verwundert, dass die Zahl der Handwerksbetriebe in den vergangenen Jahren gesunken ist. Und auch die Beschäftigung im Baugewerbe ist bei Weitem nicht so stark gestiegen wie die Nachfrage. Wahrscheinlich ist, dass vor allem Soloselbstständige den Weg in die Festanstellung gesucht haben. Es ist aber nicht der fehlende Wille der Betriebe, neue Mitarbeiter einzustellen. Die vom Ifo Institut befragten Unternehmen berichten mehrheitlich, dass die Personalgewinnung zu einem Problem geworden sei. Und auch die Bundesagentur für Arbeit meldete jüngst, dass in Deutschland flächendeckend Fachkräftemangel in der Baubranche herrsche. Offenbar ist es schwer, Nachwuchs für Tätigkeiten dort zu begeistern. Begannen im Jahr 2009 noch etwa 13.000 Menschen eine Ausbildung im Baugewerbe, waren dies im vergangenen Jahr nur noch 11.500 neue Lehrlinge. Dieses Problem wird sich aufgrund der Altersstruktur der Beschäftigten in den nächsten Jahren kaum ändern.

Die fehlenden Arbeitskräfte konnten in den vergangenen Jahren aus dem europäischen Ausland gewonnen werden. Die Knappheit am Arbeitsmarkt hat sich auch deshalb in nur recht moderaten Preissteigerungen bei Handwerkerrechnungen niedergeschlagen. Diese Zeiten sind allerdings vorbei. Die Baukonjunktur hat europaweit an Schwung gewonnen – die Konkurrenz um die Arbeitskräfte ist also höher, was sich in den jetzt deutlich höheren Lohnabschlüssen der Branche niederschlägt. Zudem steigen die Energie- und Rohstoffkosten, die auch für den Bau einen wichtigen Faktor darstellen. Bauherren spüren bereits die stark anziehenden Preise. So rechnen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute für dieses Jahr mit einer Steigerung um knapp vier Prozent.

Nach der langen Wartezeit auf den Handwerker dürften zukünftig also auch noch gepfefferte Rechnungen in das dann hoffentlich wenigstens schöne Heim flattern.


Diskutieren Sie mit, lieber Leserinnen und Leser: Haben Sie derzeit Ärger mit Handwerkern? Oder bekommen Sie einfach keinen Termin? Wir sind gespannt auf Ihre Erfahrungen und Erlebnisse!

Veröffentlicht:

Claus Michelsen
© privat
Claus Michelsen

Konjunktur- und Wohnungsmarktexperte, DIW Berlin

Dr. Claus Michelsen ist Konjunktur- und Wohnungsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Er beschäftigt sich dort mit den Entwicklungen in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Zudem ist er Experte für wohnungsmarktpolitische Fragen. Claus Michelsen ist promovierter Volkswirt, studierte Empirische Ökonomik und Politikberatung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Staatswissenschaften an der Universität Erfurt.

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