Minimalismus als Lebensstil: Ist weniger mehr?

Verzicht ist derzeit in unserer Gesellschaft gefragt wie nie. Immer mehr Menschen verweigern den Konsum – ein Lebensstil, der weit über die Reduzierung von Materiellem hinausgeht.

Wer minimalistisch lebt, ist maximal zufrieden

Joachim Klöckner

Coach und Minimalist

Joachim Klöckner
  • Seit 1986 reduzierte ich meinen Besitz Schritt für Schritt
  • Es geht dabei nicht nur darum, wenige Dinge zu haben
  • Man konzentriert sich so auf die entscheidenden Sachen

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Es war an einem Abend im frühen Mai 1986, als es schneite – zumindest sah es erst mal so aus. Doch es war Fallout aus Tschernobyl. Ich entschied mich daraufhin, aktiv zu werden und meinen maschinenbautechnischen Hintergrund zu nutzen, um Energieberater für Unternehmen zu werden. Es wurden dann auch gut 20 Jahre in dem Beruf, zuletzt als Ausbilder junger Menschen.

Parallel dazu optimierte ich auch mein Leben, baute und machte zuerst vieles selbst – und letztlich wurden die Dinge, die ich besaß, immer weniger; seit zwei Jahrzehnten geht das Umziehen mit nicht mehr als einem Handgepäck. Die ersten Jahre nach ’86 war ich sehr ideologisch unterwegs, dann pragmatisch und in den letzten Jahren sehr menschlich, nachdem ich begriffen hatte, dass es im Leben nicht um Technik geht, sondern um Menschen.

Ballast sollte abgeworfen werden

Heute werde ich öfters gefragt: Was ist Minimalismus eigentlich? Geht es nur um wenige Dinge? Meine Antwort ist ein Beispiel: Wenn Menschen etwas gut machen wollen, fokussieren sie sich auf diese Aufgabe und räumen alles weg, was stört. Und jetzt übertragen Sie dies auf Ihr Leben, und Sie kommen ganz allein in die Richtung: Weg mit dem Ballast! Mir bringt dies ein leichtes, freudiges und erfolgreiches Sein, in dem ich Zeit fürs Wohlfühlen habe. Und diesem Wohlfühlen gebe ich Überschriften: „Wohlwollendes Begegnen“ für Oxytocin, “Win-win-win-Kooperation“ für Serotonin und „Erfolgreiches Selbstsein“ für Dopamin. Es setzt aktives Tun voraus, um diese Neurotransmitter zu spüren. Nicht umsonst heißt es im Volksmund dazu: Du bist deines Glückes Schmied. Und diese Stoffe heißen Glückshormone.

Bei dem Kultursymposium des Goethe-Instituts hatte mein Beitrag den Titel „Kauf dich glücklich“. Ist ironisch gemeint und hat doch auch eine Wahrheit. Wir spüren Wohlfühlen, wenn wir shoppen – für circa acht Sekunden. Für viele kommt der Frust spätestens beim Auspacken. Es ist keine Lösung, um uns langfristig wohlzufühlen, es werden keine Glückshormone freigesetzt. Und fehlen diese Stoffe länger, entsteht Depression.

Ein tiefes Verlangen nach mehr Wohlwollen

Schauen wir uns noch mal die Aktivitäten zum Wohlfühlen an – etwa am wachsenden Wunsch nach flachen Hierarchien. Wenn Mitarbeiter sich dafür aussprechen, dann steht dahinter das Verlangen nach wohlwollendem Begegnen, nach mehr kollegialem Mitarbeiter (Win-win-Kooperation) und mehr Raum für individuelles Gestalten der Arbeit (Erfolgreiches Selbstsein). Das gilt heute, das galt aber auch schon früher: Wenn ich mir die Forderungen der Französischen Revolution anschaue, stecken hinter „Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit“ die gleichen tiefen Wünsche.

Mir ist total klar, weshalb Depression „die“ Volkskrankheit ist. Die Verlagerung von Wohlfühlen aus dem aktiven Tun in letztlich passives Handeln wie Konsumieren oder Abarbeiten funktioniert nicht. Es geht nur mit Selbst-aktiv-Sein, und der Motor dafür ist Neugier. Was ist jetzt win-win-win? Es ist: Ich sorge für mich, ich sorge für dich, und ich sorge für das Ganze. Und dies ist die Einladung an Sie.

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Joachim Klöckner
© Fernando Gómez
Joachim Klöckner

Coach und Minimalist

Joachim Klöckner war viele Jahre lang ein Durchschnittskonsument. Im Tschernobyl-Jahr 1986 wollte er etwas für die Zukunft tun und arbeitete die nächsten 15 Jahre als Energieberater für Unternehmen. Anfangs erfrischendes Neuland, welches letzlich im Verordnungs- und Regulierungsaufwand unterging. Schließlich entdeckte er die Lebensweise des Minimalismus für sich und reduzierte seinen Konsum und seinen Hausstand. Heute besitzt er noch die Füllmenge eines Rucksackes.

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