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Pauken in den Ferien – Muss das sein?

Eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt: 60 Prozent der Schüler lernen in den Ferien. Befürworter argumentieren, Lernlücken könnten so aufgeholt werden. Doch sind Ferienkurse sinnvoll oder kontraproduktiv?

Wer sechs Wochen durchbüffelt, startet schwach ins neue Jahr

Josef Kraus

Präsident, Deutscher Lehrerverband

Josef Kraus
  • Schulfreie Zeit muss Raum für neue Kraftquellen abseits der Schule bieten
  • Die Pflicht zu einer aktiven Erholung gilt auch für Schüler mit Lerndefiziten
  • Es sollten grundsätzliche Vorsätze für eine Verbesserung gefasst werden

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Schule ist Schule, und Ferien sind Ferien. So einfach ist das. Wenn Schüler und Eltern allerdings meinen, die Ferien seien vor allem zum Lernen von Schulischem da, dann ist etwas schiefgelaufen. Dann ist entweder das zurückliegende Schuljahr vergammelt worden und das schlechte Gewissen drückt, oder es ist da jemand mit seinem Ehrgeiz durchgeknallt. Ernsthaft: Vor allem die Sommerferien sind zum Entspannen da.

Das heißt nicht, dass man ausschließlich herumhängt, sondern dass man sich aktiv Zeit für Dinge nimmt, für die sonst keine Zeit ist und die abseits von Schule neue Kraftquellen erschließen: Rad fahren, schwimmen, wandern, reisen, Museen besuchen, basteln, knobeln, malen, musizieren, Freunde einladen und Freunde besuchen – und: lesen, lesen, lesen. Lesen: Das ist nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern es bringt indirekt viel späteren Nutzen. Wer nämlich belesen und sprachlich versiert ist, kommt in allen Bereichen des Lebens weiter. Gewiss darf man in den Ferien herumhängen, die Seele baumeln lassen, ausschlafen, herumdaddeln, aber eben nicht nur. Die Schule soll jedenfalls weit weg sein. Sie kommt früh genug wieder.

Sechs Wochen reichen nicht, um ein Jahr aufzuholen

Und was ist mit denen, die das zurückliegende Schuljahr gerade so eben knapp erfolgreich abgeschlossen haben oder gar sitzen geblieben sind? Das Recht, ja die Pflicht zur aktiven Erholung gilt auch für sie. Sie müssen erst einmal manchen Frust und manche Selbstzweifel wegstecken und sodann vor allem Kraft schöpfen. Da bringt es nichts, wenn man – völlig unrealistisch – meint, in sechs Wochen Sommerferien könnte man herausholen, was man über ein ganzes Schuljahr hinweg versäumt hat. Vor allem aber müssen ohne wochenlanges Herumgedruckse nachhaltig (!) Vorsätze gefasst werden, wie man in die kommende Klasse von Anbeginn besser startet. Dazu gehört in erster Linie ein Abschied von der Vorstellung, dass Schule nichts anderes sei als eine lästige Unterbrechung der Ferien. Nein, auch derjenige, der schulisch „wackelt“, hat ein Recht auf Ferien.

Wer dagegen meint, sechs Sommerwochen durchbüffeln zu müssen, der wird ausgepowert ins nächste Schuljahr gehen und dessen Kräfte werden bald erlahmen. Wenn das Gewissen dennoch zu sehr drückt, hier ein Kompromissvorschlag: Lasst die ersten vier Wochen alles Schulische im Abseits stehen. Nehmt euch dann für die letzten beiden Ferienwochen, vor allem wenn ihr etwa am Ende der Ferien eine Nachprüfung zu absolvieren habt, ein kleines Lernprogramm vor. Konzentriert euch dabei auf zwei bis drei Schulfächer, in denen ihr „schwächelt“, und bastelt daraus an Werktagen ein zwei- bis dreistündiges vormittägliches Nachhol- und Auffrischprogramm! Mehr nicht. Dann bleiben immer noch freie Nachmittage und freie Wochenenden. Und dann startet mit dauerhaft (!) guten Vorsätzen ins neue Schuljahr!

Veröffentlicht:

Josef Kraus
© Josef Kraus
Josef Kraus

Präsident, Deutscher Lehrerverband

Josef Kraus (Jg. 1949) ist ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL), Gymnasiallehrer und Diplom-Psychologe. Als Publizist veröffentlichte er außerdem mehrere Bücher, darunter: „Helikoptereltern – Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“.

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