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Rezo und die Volksparteien: Scheitern sie an der Digitalisierung?

Nach einem Video des Youtubers Rezo forderte CDU-Chefin AKK Regeln für „Meinungsmache“ im Internet - und zeigte der jungen Generation damit ihr eigenes Unverständnis. Wie kann es nun weitergehen?

Wie die CDU jetzt vorgehen sollte

Martin Fuchs
  • Die CDU hat den Einfluss der Youtuber schlichtweg unterschätzt
  • Statt Influencer zu diskreditieren, sollte die CDU auf sie zugehen
  • In ihren jetzigen Strukturen ist die CDU auf Social Media nicht diskursfähig

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Was darf ein Youtuber? Was ist Meinungsmache? Und was Meinungsfreiheit? Rezo mit seinen knapp 900.000 Followern hat mit seinem Video „Die Zerstörung der CDU.“ eine politische Hilflosigkeit hervorgebracht, die die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer in den vergangenen Tagen nur zu deutlich veranschaulichte. Sie forderte Regeln für „Meinungsmache“ im Wahlkampf. Nun hagelt es – wenig überraschend – nicht enden wollende Kritik.

Was ist da passiert? Die Volksparteien und allen voran die CDU haben die junge Generation und den Einfluss der Youtuber schlichtweg unterschätzt. AKK verlor ihren Kopf und ließ sich zu Schnellschüssen hinreißen. Schnellschüsse, die sie nun schnell bereuen könnte. Denn nicht nur, dass die jungen Wähler aufgrund der politischen Inhalte kein Vertrauen mehr in die CDU haben, mit ihren Äußerungen verspielt AKK auch das Vertrauen der eigenen Kernzielgruppe und das des eigenen Nachwuchses, der Jungen Union.

Youtuber sollten sich der eigenen Meinungsmacht bewusst sein

Es stimmt, die Presse unterzieht sich selbst gesetzten Regelungen. Sie handelt nach journalistischen Qualitätskriterien, dem sogenannten Pressekodex. Rezo ist jedoch ein privater Youtuber und einer von 82 Millionen Bürgern, kein Pressevertreter. Solange er also keine Rechte anderer verletzt, kann er frei seine Meinung äußern, wie jeder andere Bürger auch. Was jedem Youtuber dennoch bewusst sein sollte, ist die eigene Meinungsmacht und die Verantwortung, die damit einhergeht.

Der CDU und AKK würde ich empfehlen, nun erst einmal die Füße stillzuhalten, sich eine Verschnaufpause zu gönnen und abzuwarten, bis die Gemüter sich beruhigt haben. Und dann sollten sie sich dringend mit den Positionen der jungen Generation auseinandersetzen – und diese ernst nehmen. Es ist notwendig, den Kontakt zu den Youtubern zu suchen und zu verstehen, warum dieser Protest existiert. Warum nicht kontinuierlich Hintergrundgespräche mit kritischen Youtubern führen, wie es mit Journalisten ja auch der Fall ist? Diese Influencer als Menschen kennenzulernen, sie einzuladen und zu erklären, was man macht – das wäre ein respektvoller Umgang.

Zwar hat Generalsekretär Paul Ziemiak ein Fehlverhalten seiner Partei eingestanden und Rezo für ein Gespräch angefragt. Doch da war es längst zu spät. Es dürfte nicht verwundern, dass Rezo nicht darauf reagiert hat. Statt einer PR-Aktion braucht es eine Anfrage und einen Austausch auf Augenhöhe. Und das heißt, auf Rezo zuzugehen und ihm anzubieten, sich dort zu treffen, wo er sich wohlfühlt.

Ein Diskurs auf Social Media ist bei den derzeitigen Strukturen unmöglich

An dem Handeln der CDU sieht man, wie schwierig es für Volksparteien ist, ihre Strukturen auf das Digitale zu adaptieren. Wenn man acht Stunden braucht, um einen Tweet freizugeben, dann funktioniert ein Diskurs über Social Media nicht. Volksparteien reagieren wie ein Tanker. Am besten und leider auch radikalsten wäre es daher, wenn diese alten Strukturen disruptiv zerschlagen und neue aufgebaut würden. Es muss ein kultureller Wandel stattfinden, bei dem allen Beteiligten klar wird, wie viel Potenzial in den digitalen Kommunikationsformen liegt.

Viele Menschen unter 25 haben das Gefühl, von Politikern nicht ernst genommen zu werden. Es geht ihnen nicht um zwei, drei Tweets in der heißen Wahlkampfphase oder um ein cooles Video. Es müssen längerfristige Prozesse her. Denn Social Media entfaltet seine ganze Wirksamkeit nach und nach, das heißt: Wichtiger als die Tage direkt vor den Wahlen sind die vier Jahre dazwischen. Da baut man Communitys und Vertrauen auf. Erfolgreiche Youtuber kennen das: Ihre Reichweite und ihre Bekanntheit waren auch nicht von heute auf morgen plötzlich da – sondern entwickelten sich durch viel Pflege und Arbeit über Jahre hinweg.

Man kann fast sagen: Am Youtuber als kommunikativem Vorbild geht für Politiker kein Weg vorbei.


Diskutieren Sie mit: Wie stehen Sie zu den Reaktionen und Äußerungen der CDU? Wird hier die Meinungsfreiheit infrage gestellt oder ist die Forderung von AKK nach Regeln gerechtfertigt?

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Martin Fuchs
© Martin Fuchs
Martin Fuchs

Politikberater, Blogger und Speaker

Der Experte für politische Kommunikation (Jg. 1979) berät Regierungen, Parlamente, Parteien, Politiker und Verwaltungen in digitaler Kommunikation. Zuvor hat Martin Fuchs als Politik- und Strategieberater in Brüssel und Berlin gearbeitet. Seit 2008 ist er zudem Lehrbeauftragter für Public Affairs an der Universität Passau und Dozent für Social Media und Politik an weiteren Hochschulen. Fuchs ist Gründer der Social-Media-Analyse- und Benchmarking-Plattform Pluragraph und bloggt unter hamburger-wahlbeobachter.de.

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