Problems logging in

Vertrauen in der Arbeitswelt – mehr Schein als Sein?

Der Europäische Gerichtshof will, dass Arbeitgeber in der EU künftig Arbeitszeiten lückenlos registrieren. Schützt die Zeiterfassung die Arbeitnehmer oder ist sie ein Rückschlag für New Work?

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg
  • New Work und Zeiterfassung, das muss kein Widerspruch sein
  • Die Erfassung der Arbeitszeit kann vor allem bei Projektarbeiten helfen
  • Intelligente digitale Tools bewahren vor aufgeblasener Bürokratie

8,964 responses

Neue Vorstellungen von Arbeit, ein anderes Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und aufgeweichte Strukturen nagen an der alten, verkrusteten Ordnung: New Work setzt den Paradigmenwechsel, der bereits seit den 80er-Jahren die postmoderne Gesellschaft verändert, konsequent fort. Die Zeit der Untergebenen, die dankbar für den Job und den Lohn sind, geht zu Ende. Gleichzeitig sind nun alle EU-Arbeitgeber dazu angehalten, die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter zu erfassen. New Work und Stechuhr – ein Widerspruch?

Arbeit im digitalen Zeitalter – Flexibilität ist von beiden Seiten gefragt

Hierarchie hin, Status her – diese Einordnungen werden überflüssig, wenn die Identitäts- und Sinnsuche nicht nur einem ausgewählten Kreis vorbehalten bleibt, sondern zum kollektiven Metatrend wird. Das Verhältnis zwischen Unternehmen und Mitarbeitern wird sich grundlegend ändern, wie dynamische Start-ups schon heute zeigen. Das sieht man auch in meinem Team von GetYourWings. Wir haben uns mit allen auf klare Regeln geeinigt, die für alle gelten – für den Vorgesetzten genauso wie für den Mitarbeiter.

Wer an Hierarchien klebt und diese einfordert, statt selbst Verantwortung zu übernehmen, Informationen zu teilen und Dinge zu bewegen, kann nicht mitwachsen. Das haben die vergangenen Jahre gezeigt. So gibt es in meinem Team für jedes Projekt eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter, die oder der den Hut aufhat. Wir entscheiden gemeinsam, wer für die Leitung qualifiziert ist und die zeitlichen Ressourcen hat. Je nach Projektverlauf und Gesamtentwicklung kann sich das im Verlauf der Projektarbeit auch verändern. Auch ein Praktikant mit exzellentem Know-how zur Avatar-Entwicklung kann ein Projekt leiten, in dem ihm erfahrene, deutlich ältere Mitarbeiter zuarbeiten.

Kurz: Wir verfolgen hierarchielose Strukturen. Und dennoch setzen wir auf Arbeitszeiterfassung. Wie passt das zusammen? Fakt ist:

Arbeit hat sich bereits verändert: Homeoffice, flexible Arbeitszeitgestaltung und Vertrauensarbeitszeit schaffen den Freiraum, auf den viele Arbeitnehmer zu Recht Wert legen. Wie passt nun die alte Stechuhr in diese neue Arbeitswelt? Ganz nüchtern betrachtet: Auch in der digitalen Welt muss Arbeit auf ein gesundes Maß begrenzt werden. Das ist nicht immer einfach – vor allem bei Projekten mit engen Deadlines. Hier kann das Erfassen der tatsächlichen Arbeitszeit durchaus helfen, bestimmten Krankheiten vorzubeugen, einen angemessenen Rahmen zu wahren und die Gesundheit der Arbeitnehmer zu schützen – sofern sie nicht zum Bürokratiemonster aufgeblasen wird. Doch im digitalen Zeitalter gibt es auch für diese Anforderung praktische digitale Tools.

Wir arbeiten mit der sogenannten Vertrauensarbeitszeit. Jeder und jede MitarbeiterIn hat Zugriff auf einen allgemeinen digitalen Kalender. Hier trägt jeder seine Arbeitszeiten nach Absprache mit seinen Projektverantwortlichen oder Teams vier Wochen im Voraus ein und aktualisiert diese entsprechend der tatsächlichen Arbeitszeit. Das gibt jedem Mitarbeiter Verantwortung, schafft Transparenz und Klarheit. Denn nicht nur der Arbeitgeber sollte Verantwortung tragen. Dieses Vorgehen ist eine bewährte Praxis in meinem Start-up, denn die Projektarbeit wird zunehmen, darüber sind sich die einschlägigen Experten einig.

Wer in seinem Unternehmen die Struktur und Transparenz der Arbeitszeiterfassung mit den Freiheiten von New Work verbinden will, dem möchte ich einige Tipps für den Alltag mitgeben:

  • Die Erfassung der tatsächlichen Arbeitszeit sollte nicht zum pedantischen Minutenzählen werden. Was zählt, ist letztendlich nicht die Zeit, die etwas dauert, sondern das Ergebnis. Das kann anfangs mit Einarbeitungszeit länger dauern und später bei Routine in der Sache schneller erreicht werden.
  • Schaffen Sie nach Phasen mit hohem Arbeitsaufkommen und hoher Anspannung ausreichend zeitlichen Raum für den Ausgleich.
  • Sorgen Sie für regelmäßige Bewegungspausen und gesunde Ernährung, auch während der Arbeit. Krankenkassen bieten hier Einzelpersonen und Unternehmen oftmals kostenfreie Präsenz- und Onlineseminare sowie Kurse an, zum Beispiel zu Übungen für einen schmerzfreien Rücken.
  • Beziehen Sie Mitarbeiter in die Entwicklung neuer Arbeitsmodelle mit ein, das motiviert und stärkt die Mitarbeiterbindung, nimmt Mitarbeiter zugleich in die Verantwortung und vermeidet Modelle, die nur in der Theorie sinnvoll sind. Zum Beispiel wollten wir als Unternehmensleitung einigen MitarbeiterInnen entgegenkommen, die lange Anfahrtswege hatten, und ihnen Homeoffice ermöglichen. Bevor wir das entschieden, nahmen wir das Thema mit in die wöchentliche Mitarbeiterrunde. Die anderen MitarbeiterInnen fanden die Idee gar nicht gut. Sie monierten, dass dann der Informationsaustausch nicht optimal gewährleistet werden könne und die Zusammenarbeit im Team leide. Wir einigten uns dann auf eine kurze Testphase. Diese bestätigte die Befürchtung: Die MitarbeiterInen fühlten sich außen vor, bekamen verschiedene Details und Zusammenhänge nicht mit und behinderten mit ihren Fragen oftmals den Fortschritt des Projekts. In diesem Fall hoben wir unseren Vorschlag wieder auf.

Arbeitszeiterfassung muss nicht verkrustet sein, sie kann sich auch in die Neue Arbeit einfügen. Zentral erfasst vom Arbeitgeber oder von dem einzelnen Mitarbeiter selbst dokumentiert, beides ist möglich, solange es nachvollziehbar dargestellt wird. Intelligente digitale Tools können hier Effizienz, Zeitersparnis und Transparenz schaffen. Wichtig ist, dass sich die Erfassung optimal in die Arbeitsweise des Teams einfügt.


Diskutieren Sie mit: Wie schätzen Sie als Arbeitnehmer und Arbeitgeber die Pflicht zur Zeiterfassung ein?

Posted:

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg
© Anabel Ternès
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg

Unternehmerin und Social-Impact-Gründerin

for Digitalisierung & Gesundheit, Nachhaltigkeit & Arbeit 4.0, KI & Verantwortung, New Leadership

Anabel Ternès von Hattburg (Jg. 1972) ist Digitalunternehmerin, Social Entrepreneur und Autorin. Sie ist CEO von GetYourWings und Mitgründerin der Deutschen Initiative Gesunde Digitalisierung. Sie leitet das Internationale Institut für Nachhaltigkeitsmanagement, hält eine Professur für internationale BWL, ist in verschiedenen Beiräten und Vorständen aktiv, darunter im Vorstand des Bitkom-Arbeitskreises Arbeit 4.0, Leiterin des Unternehmernetzwerks der Konrad Adenauer Stiftung und Mentorin bei Startup-Teens.

Show more

Get a free XING profile and read regular "Klartext" articles.

As a XING member you'll be part of a community of over 14 million business professionals in German-speaking countries alone. You'll also be provided with a free profile along with access to interesting news, jobs, groups and events.

Learn more