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„Klar dürfen Sie Fehler machen, aber seien Sie dann bitte schlauer“

Kaum eine Kultur wird sich von so vielen Unternehmen auf die Fahne geschrieben wie die Fehlerkultur. Doch oft fehlt es schon an den Rahmenbedingungen, um aus Fehlentscheidungen lernen zu können.

Wie wir Piloten Entscheidungen treffen

Philip Keil
  • Es braucht Mut, die innere Stimme über rationale Argumente zu stellen
  • Wenn unsere Pläne im Leben nicht aufgehen, erweitert das unseren Horizont
  • Nicht Fehlentscheidungen führen zum Crash, nur das Fehlen einer Entscheidung

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Als Pilot kann ich nicht mal eben rechts ranfahren, wenn in 13 Kilometern Höhe ein Plan nicht funktioniert, sondern ich muss eine schnelle Entscheidung treffen. Egal wie gut der Plan ist – weder im Cockpit noch im Leben verläuft immer alles so, wie wir es uns vorgenommen haben. Das sind die Momente, in denen es außerhalb unserer Komfortzone spannend wird. Rückblickend wachsen wir während dieser vermeintlichen Rückschläge am meisten, und zwar ohne es zu merken.

Für die echten Herausforderungen gibt es keinen Autopiloten

In der Luftfahrt bezeichnen wir unerwartete Situationen, die schnelle Entscheidungen erfordern, als „Decision Point“. Meinen hatte ich am 24. Februar 2009 in der Wüste von Ägypten, gerade mal 150 Meter über Grund. Eine sogenannte Windscherung direkt nach dem Start nahm uns den Auftrieb und drückte uns gnadenlos zu Boden. Meine „Decision Time“: gerade einmal zwei Sekunden. Meine einzige Chance: ein Kamikaze-Manöver, was bedeutete, die Nase des Flugzeugs mit aller Gewalt nach unten zu drücken, erst kurz vor dem Erdboden wieder nach oben zu ziehen und dann zu hoffen. Erst kurz vor den Sanddünen der Wüste war der Auftrieb wieder da. Ich zog die Maschine nach oben, und knapp 200 Menschen an Bord bekamen ein zweites Leben geschenkt.

In solchen Momenten braucht man Vertrauen und eine innere Sicherheit, Herausforderungen gewachsen zu sein. Piloten erlangen diese, indem sie sich im Flugsimulator regelmäßig Stresssituationen aussetzen und lernen, außerhalb der eigenen Komfortzone und im Team ruhig und fokussiert zu bleiben.

Bauch oder Kopf? Rational oder intuitiv?

Fälschlicherweise vermuten viele Menschen, dass Piloten rein rational entscheiden und für alles Checklisten oder Berechnungen haben, also Zahlen, Daten und Fakten. Doch die schwierigen Entscheidungen gehen am Boden wie in der Luft weit über das Rationale hinaus. Hier braucht es unseren inneren Kompass: unsere Intuition.

Ein Kompass zeigt kein „richtig“ oder „falsch“ an, sondern lediglich eine Richtung. Intuition speist sich aus unserer Lebenserfahrung und stellt einen wichtigen Faktor für weitreichende private und berufliche Entscheidungen dar. Wir alle haben diese innere Stimme, aber wir brauchen Mut, ihr Gehör zu schenken.

Nicht der Fehler ist das Problem, sondern die Fehlerkette

Wenn mich Unternehmen einladen, um einen Vortrag über positive Fehlerkultur zu halten, kommen danach oft Teilnehmer auf mich zu und sagen: „Sie haben leicht reden. Aber bei Ihnen im Cockpit dürfen auch keine Fehler passieren.“ Doch das ist ein Irrglaube.

Fliegen ist nur deshalb so sicher, weil das gesamte System darauf ausgelegt ist, Fehler zu verzeihen. Es gibt Redundanzen, Warnsysteme und gegenseitige Kontrollen, die Fehler bei der Bedienung schnell anzeigen. Ein einziger Fehler ist niemals das Problem, sondern immer eine Fehlerkette. Es kommt darauf an, ob Fehler ignoriert oder toleriert werden. An dieser Stelle macht gute Teamarbeit den Unterschied.

Besser eine Fehlentscheidung als gar keine Entscheidung

Aus der Analyse zahlreicher Flugzeugabstürze der vergangenen Jahrzehnte weiß man, dass meist das Fehlen einer Handlung zum Absturz führte. Große Entscheidungen zu treffen geht unweigerlich mit Veränderung einher. Je erfolgreicher wir sind und je besser es uns geht, umso größer ist die unbewusste Angst vor Verlust. „Wer nichts macht, macht nichts falsch“, so die Logik. Doch genau diese Haltung führt irgendwann zur Unzufriedenheit.

Im Cockpit waren jahrelanges Training der Crews vonnöten, um Tunnelblick und Zögern in heiklen Situationen zu eliminieren. Wer Fehler macht und sie nicht verteufelt, lernt aus ihnen. Nicht unsere Fehler entscheiden über unsere Zukunft, sondern unsere Ziele und dass wir immer wieder andere oder neue Wege finden, diese zu erreichen.


Philip Keil ist ein Speaker der XING New Work Session in Zürich. Am 25. September treffen sich Vorreiter, Gründer, CEOs und New Worker um über flexible Arbeitszeitmodelle, flache Hierarchien und agile Steuerungsinstrumente zu diskutieren.

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Philip Keil
© Philip Keil
Philip Keil

Pilot und Keynotespeaker

Als der damalige Abiturient (Jg. 1981) während eines Urlaubs einen Piloten kennenlernt, ist Philip Keil sein Berufsziel klar: Er will Flugzeuge steuern. 2002 beginnt er seine Ausbildung zum Verkehrspiloten bei der Lufthansa. Keil fliegt bereits fünf Jahre, als er 2009 in eine besondere Situation kommt und ein Flugzeug vor dem Absturz bewahren muss. Seither erforscht er die Ursachen für menschliches Versagen und überträgt das „Crew Resource Management“ aus der Luftfahrt auf die Unternehmenswelt.

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