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Organspende-Debatte: Sollten wir alle automatisch Spender sein?

Bundesgesundheitsminister Spahn will, dass jedem Verstorbenen Organe zu Transplantationszwecken entnommen werden dürfen. Was wiegt mehr: Das Recht auf Unversehrtheit oder das Überleben von Todkranken?

Wir brauchen die Widerspruchsregelung!

Lorena von Gordon

Organspende-Empfängerin

Lorena von Gordon
  • Eine neue Lunge hat mein Leben gerettet
  • Es ist keine Zumutung, sich mit dem Thema Organspende befassen zu müssen
  • Daher sollte jeder automatisch Organspender sein, außer er oder sie widerspricht

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Nach meiner Geburt sagten die Ärzte zu meiner Mutter: „Wenn Ihre Tochter 10 Jahre alt wird, haben Sie Glück.“ Die Mediziner hatten bei mir Mukoviszidose festgestellt, eine unheilbare, langsam fortschreitende Stoffwechselerkrankung. Dass ich heute 32 Jahre alt bin, verdanke ich auch meiner neuen Lunge, die mir vor drei Jahren transplantiert worden ist.

Es ging ganz plötzlich um mein Leben

Meine Kindheit und Jugend verliefen von meiner Krankheit zunächst relativ wenig beeinträchtigt, wenn man mal vom regelmäßigen Inhalieren und der Tabletteneinnahme absieht. Ich studierte, machte zwei Abschlüsse und fing an zu arbeiten. Aber dann verschlechterte sich mein Zustand unerwartet, mein Lungenvolumen sank bis auf 25 Prozent. In diesem Zustand können selbst zehn Treppenstufen eine gewaltige Anstrengung sein. Im Februar 2015 erklärten mir meine Ärzte: „Frau von Gordon, Sie sind austherapiert, wir können nichts mehr für Sie tun. Sie brauchen eine neue Lunge.“ Damals war mir klar, dass es nicht mehr um einen weiteren Therapieversuch ging, sondern um die letzte Möglichkeit, mein Leben zu retten.

Der befreiende Anruf kam am 27. Juli 2015: „Frau von Gordon, wir haben ein passendes Organ für Sie gefunden!“ Kurz darauf kam die OP. Und dann dieses Glücksgefühl: Aus der Narkose aufzuwachen und wieder richtig atmen zu können!

Worauf würden Sie hoffen, wenn Ihr Kind oder Ihr Ehepartner ein Organ bräuchten?

Einen Anruf wie den vom 27.Juli 2015 zu erhalten, das ist in Deutschland ein unfassbares Glück. Denn jeden Tag sterben Menschen, die auf der Warteliste für ein neues Organ stehen und vergeblich darauf warten. Laut Umfragen ist die Mehrheit der Menschen in Deutschland für Organspende – theoretisch. Theoretisch wird aber auch von Politikern und Ethikern seit langem darüber diskutiert, ob man Menschen überhaupt in Richtung Organspende dirigieren darf, selbst wenn sie jederzeit widersprechen könnten. Menschen, die auf ein neues Organ warten, haben jedoch keine Zeit mehr für Theorie – sie benötigen die Praxis: in diesem Fall die Widerspruchslösung. Wir brauchen diese Regelung, denn sie rettet Leben.

Als 27-Jährige wurde ich vor die Entscheidung gestellt, vor der alle potentiellen Organempfänger stehen: Möchte man sich auf die Warteliste setzen lassen und hoffen, dass rechtzeitig ein passendes Organ gefunden wird? Oder entscheidet man sich dagegen und hofft auf noch ein paar erträgliche Monate oder Tage bis zum Tod? Wofür würden Sie sich als 27-jährige junge Frau entscheiden? Worauf würden Sie hoffen, wenn Ihr Kind, Ihre Schwester oder Bruder, Ihr Ehepartner oder Freund, Ihr Vater oder Ihre Mutter vor der Frage „Leben oder Tod“ steht?

Ich respektiere die, die sich gut informiert dagegen entscheiden

Vielleicht ist vielen nicht bewusst, dass es sich bei den Betroffenen häufig auch um Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene handelt. Menschen, die sich nichts mehr wünschen, als ein Leben leben zu dürfen. Und für die sich nach einer Transplantation eine ganz neue Welt öffnet. Sie entdecken Dinge, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind: Sport machen zum Beispiel oder Tanzen gehen, ohne Schmerzen zu haben oder ohne das Gefühl, gleich zu ersticken.

Meine Botschaft ist einfach: Die Widerspruchslösung erhöht für Menschen in meiner Situation die Chance zu überleben. Mir ist wichtig zu betonen: Die Möglichkeit, einer Organspende zu widersprechen, bleibt bestehen. Und ich finde: Es gibt für potentielle Empfänger kein Recht auf ein Organ. Ich respektiere daher die Entscheidung derjenigen, die sich bewusst und gut informiert dagegen entscheiden. Aber sich zumindest einmal in seinem Leben mit diesem Thema auseinandersetzen zu müssen, halte ich nicht für eine Zumutung – sondern für eine Chance, den Wert des eigenen Lebens neu zu entdecken. Für mich wäre es im Übrigen ein Zeichen der Konsequenz, dass ein Gegner der Organspende dann auch selbst kein Spenderorgan annehmen würde.

Ich hoffe auf den Erfolg des Gesetzesvorstoßes von Herrn Minister Spahn und auf eine breite gesellschaftliche und parlamentarische Debatte, an deren Ende die Widerspruchslösung steht und verstetigte Informationskampagnen - und dies gleichzeitig und möglichst schnell. Denn der Gewinn des Handelns sind in diesem Fall Menschenleben.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Sollten Menschen in Ihren Augen qua Geburt Organspender sein? Oder sollten sie sich, wie derzeit der Fall, aktiv für die Spende ihrer Organe entscheiden müssen? Wir sind gespannt auf Ihre Kommentare!

Veröffentlicht:

Lorena von Gordon
© von Gordon
Lorena von Gordon

Organspende-Empfängerin

Lorena von Gordon, Jahrgang 1986, ist seit ihrer Geburt herausgefordert von der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose und lebt seit 2015 mit einer neuen Lunge. Ihrem Spender und dessen Familie sei sie unfassbar dankbar, sagt von Gordon. Dank des neuen Organs konnte sie ihre Berufstätigkeit als Personalreferentin wieder aufnehmen. Seit ihrer Transplantation engagiert sich von Gordon auch im Verein „Junge Helden“, der in Schulen und bei Messen über das Thema Organspende informiert.

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