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Thema auf der #NWX19: Was New Work bewegen kann

Sind die bisherigen Strukturen noch die richtigen? Oder erfordert die neue Wissensverteilung nicht ganz neue Entscheidungsprozesse? Doch eine Universallösung gibt es nicht.

Wir brauchen ein neues Betriebssystem für die Arbeitswelt

Dr. Michael Trautmann
  • Alles beginnt mit Menschen, die in ihrer Arbeit einen höheren Sinn suchen
  • Innovative Organisationsformen erlauben ihnen, besser zusammenzuarbeiten
  • Neue Technologien und Tools sind der Turbo auf dem Weg hin zu New Work

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Die Suche des Menschen nach Sinnerfüllung und -stiftung fing vermutlich vor mehreren Tausend Jahren an. Nachweisbar waren es bereits die Stoiker, wie Seneca und Mark Aurel, die sich in der Antike mit dieser Frage beschäftigten.

Im vergangenen Jahrhundert war es Viktor E. Frankl („Man’s Search for Meaning“), der dazu schrieb. Eines der meistgelesenen Businessbücher aller Zeiten, „The Seven Habits of Highly Effective People“ („Die sieben Wege zur Effektivität“) von Stephen R. Covey, das vor einigen Monaten in der 50. Auflage erschien, ist der wohl bekannteste Beitrag dazu. Im 21. Jahrhundert ist es Simon Sinek, der uns mit seinen Büchern, seinem TED-Talk und der Aufforderung „Start With Why“ daran erinnert hat, wo wir mit der Suche anfangen sollen.

Der Sinn von Arbeit – ein machtvolles Instrument

Frithjof Bergmann, der Begründer der „New Work“-Bewegung, stellte als Erster die Forderung auf, dass wir den Begriff der Arbeit erneuern müssen. Seiner Ansicht nach hat Arbeit sowohl die Kraft, Menschen zu schwächen oder sogar zu töten, als auch ihnen nahezu unbegrenzt Energie zu verleihen. Es müsse schon verdammt guter Sex sein, so Bergmann sinngemäß, wenn er mit Arbeit, die uns wirklich, wirklich erfüllt, konkurrieren wolle.

Den aktuellen Zustand unserer Arbeitswelt nennt Bergmann dagegen die „Armut der Begierde“. Die Folgen: „Wir nennen es Apathie, Gleichgültigkeit, Langeweile, Zynismus, Entmutigung, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Depression.“ Doch es gebe Hoffnung, so Bergmann: Menschen, die das tun, was sie wirklich, wirklich wollen, und die einer zutiefst sinnvollen Arbeit nachgehen, könnten diesen Zustand überwinden.

Neue Organisationsformen für eine bessere Zusammenarbeit

Eine Veränderung unserer Arbeitswelt ist längst kein individueller, subjektiver Wunsch mehr, sondern wird immer mehr zu einer unternehmerischen und volkswirtschaftlichen Notwendigkeit.

So stellt Tony Hsieh, der Gründer von Zappos, dem US-amerikanischen Vorbild von Zalando, die Frage, wie es sein kann, dass Städte, die sich in ihrer Einwohnerzahl verdoppeln, um 15 Prozent bei Innovation und Produktivität zulegen, während sich Firmen, die auf die doppelte Mitarbeiterzahl wachsen, in beiden Kennzahlen verschlechtern.

Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass wir heute immer noch in unseren tayloristischen Prozessen gefangen sind, in denen wenige Menschen an der Spitze einer Firma stehen und die Arbeit in Prozessschritte zerlegen, um deren Befolgung dann zu beaufsichtigen.

Das wird einerseits der dramatisch komplexer werdenden Welt nicht mehr gerecht und führt zum anderen zu immer mehr gefühlten Konflikten zwischen privatem und beruflichem Leben. So dürfen dieselben Menschen, die im Privaten Investitionsentscheidungen in erheblichem Umfang treffen können (Autokauf, Immobilienkauf etc.), an ihrem Arbeitsplatz oft nicht einmal über den Einsatz von niedrigen dreistelligen Eurosummen verfügen.

Sinnvolleres Arbeiten – auch für Unternehmer relevant

Nicht nur aus Sicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist ein Richtungswechsel nötig, sondern auch aus der Unternehmensperspektive. Julia Jäkel, CEO des Medienhauses Gruner + Jahr, sieht sich beispielsweise mit einer Situation konfrontiert, in der neue Mitarbeiter, die ins Unternehmen kommen, zum Teil mehr über die relevanten Technologien der Zukunft wissen als die älteren Mitarbeiter (die in der klassischen Hierarchie oft höher stehen und damit mehr Einfluss auf Unternehmensentscheidungen nehmen können).

Also stellt sich auch im Managementbereich immer öfter die Sinnfrage: Sind die bisherigen Strukturen noch die richtigen? Oder erfordert die neue Wissensverteilung nicht eine ganz neue Ausgestaltung von Entscheidungsprozessen und einen anderen Umgang miteinander?

Noch gibt es keine Universallösung für die neuen Herausforderungen. Konzepte wie Holocracy, die ohne Chefs, sondern mit einer starken Verfassung, neuen Organisationsstrukturen und klaren Meetingregeln (getrennt nach Governance, Strategy und Operations) arbeiten, haben sich noch nicht durchgesetzt. Und doch tut sich etwas, und zwar überall auf der Welt: Arbeitsformen wie Kaizen, Lean Management, agiles Arbeiten oder Design-Thinking sind die bisher sichtbarsten Treiber für die Erneuerung der Arbeitsorganisationen.

Jedes Unternehmen muss für sich herausarbeiten, welche dieser Arbeitsformen in welchem Kontext geeignet sind und welche nicht. Beispiele wie der chinesische Konzern Haier, der nach einer erfolgreichen Reorganisation nun aus mehr als 4000 autonomen Teams besteht, machen Mut, Althergebrachtes infrage zu stellen und Neues auszuprobieren.

Technologie ist der Turbo für New Work

Für Frithjof Bergmann war Anfang der 8oer-Jahre die erste große Entlassungswelle in der US-amerikanischen Automobilstadt Flint/Michigan das Zeichen dafür, dass Technologie einer der Treiber für New Work sein würde. Mit dem von ihm so benannten „Personal Fabricator“ hatte er früh eine Vision davon, was mithilfe von 3-D-Druckern einmal möglich sein würde: Jeder Mensch könnte seine Rolle als Arbeitnehmer und Konsument verlassen und zum selbstbestimmten Produzenten werden. Hier sah und sieht Bergmann den Schlüssel, wie das von ihm stark kritisierte Lohnarbeitssystem und die damit verbundene starke Abhängigkeit der Menschen überwunden werden können. Mit den Themen Machine-Learning, Blockchain, Robotics oder selbstfahrenden Autos entwickeln wir heute erste Ideen, was in Zukunft möglich sein wird. Alle diese Technologien werden einen Einfluss auf die Arbeit haben. Es werden Arbeitsplätze und Berufe verschwinden, und es werden neue entstehen.

New Work ist also viel, viel mehr als Tischtennisplatten, bunte Wände und Sofas. In dem ursprünglichen, von Bergmann definierten Begriff „New Work“ steckt das Potenzial, unsere gesamte heutige Vorstellung von Arbeit in ganz neue Bereiche weiterzuentwickeln und auszudehnen.

Diese Weiterentwicklung beginnt damit, dass wir uns auf unterschiedlichen Ebenen – Gesellschaft, Unternehmen und Individuum – mit der Frage nach dem Sinn beschäftigen. Es führt uns dann zu einer Neuausrichtung unserer Organisationen und unserer Prozesse. Tools und Technologien können uns dabei helfen.

Und dann spricht auch nichts gegen Tischtennisplatten, bunte Wände und Sofas. Oder wie sehen Sie das?


NWX

Michael Trautmann ist Speaker auf der New Work Experience (NWX) am 7. März. Die NWX ist die größte Konferenz im deutschsprachigen Raum zum Wandel der Arbeitswelt. Sie bietet eine Bühne für Entscheider, die sich mit Themen von New Work über Unternehmenskultur, bis hin zu neuen Formen der Unternehmensführung auseinandersetzen. Zahlreiche Top-Speaker und hochrangige Pioniere der New-Work-Bewegung vermitteln praktische Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse. Die NWX wird von XING ausgerichtet und findet mittlerweile zum dritten Mal statt. Veranstaltungsort ist die Hamburger Elbphilharmonie. Weitere Informationen finden Sie unter https://newworkexperience.xing.com

Veröffentlicht:

Dr. Michael Trautmann
© Trautmann
Dr. Michael Trautmann

Chairman, Upsolut Sports GmbH

für Marketing, Werbung und "New Work"

Nach Stationen als Consultant, Werber und Chief Marketing Officer einer Automarke ist Michael Trautmann seit 2004 Unternehmer. Er hat die Thjnk AG, früher Kempertrautmann, und die Upsolut Sports GmbH mitgegründet und ist in beiden Firmen Chairman. Seit 2017 arbeitt Trautmann an dem Buch- und Podcast-Projekt #OnTheWayToNewWork.

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