Probleme beim Einloggen

Wie steht es um den Ausbau der Stromnetze in Deutschland?

Nach dem „Netzgipfel“ am 20. September versprach Wirtschaftsminister Peter Altmaier vereinfachte Genehmigungsverfahren für Stromtrassen. Wo stehen wir beim Netzausbau? Wie viel davon brauchen wir?

Wir brauchen Stromspeicher, keine Stromautobahnen

Siegfried Lemke

Vorstandsmitglied, Bundesverband der Bürgerinitiativen gegen SuedLink

Siegfried Lemke
  • Das Wirtschaftsministerium lädt zum Bürgerdialog – und hört dann nicht zu
  • Die Energiewende ist Ausrede für überdimensionierte Ausbaupläne im Stromnetz
  • Eine nachhaltige Lösung wären lokale Netze und leistungsfähige Speicher

5.223 Reaktionen

Seit Wirtschaftsminister Peter Altmaier den Ausbau der Stromnetze zur Chefsache erklärt hat, wird immer deutlicher, dass die Bürgermeinung letztendlich nur dann gehört wird, wenn sie mit den Ansichten von Bundesnetzagentur, Übertragungsnetzbetreibern und Ministerium übereinstimmt. Doch vielerorts herrscht Angst vor überdimensionierten Transitstromleitungen, die nicht nur das Wohnumfeld und die Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigen, sondern auch einen massiven Eingriff in Natur und Umwelt bedeuten würden. Die Politik und die Konzerne lassen die Menschen allein. Wir nicht.

Die Stromautobahnen (Hochspannungs-Gleichstromübertragungsleitungen) SuedLink, Süd-Ost-Link und Ultranet sind erst der Anfang eines geplanten Netzausbaus, der alle bisherigen Maßstäbe sprengen würde. Der Bundesverband der Bürgerinitiativen gegen SuedLink (BBgS) hat in den vergangenen Jahren immer wieder vor den Risiken eines überdimensionierten, vor allem aber nicht zielführenden Netzausbaus gewarnt. Die erneuerbaren Energien werden zu 97 Prozent vor Ort in den Verteilnetzen eingespeist und transportiert, sie brauchen die gigantischen Leitungen quer durch das Land nicht. Deshalb sollte unser Augenmerk auf ein starkes regionales und dezentrales Stromsystem gerichtet bleiben. Gleiches gilt für die Sektoren Wärme und Mobilität. Nur wenn wir all diese Sektoren erneuerbar machen (Sektorenkopplung), kann die Energiewende gelingen.

Wir brauchen keine Hunderte Kilometer langen Stromautobahnen

Für eine echte Energiewende brauchen wir lokale Speicher und keine Hunderte Kilometer langen Stromautobahnen, die nicht in unser vernetztes Stromübertragungssystem passen. Unabhängige Energieexperten wie Frau Prof. Claudia Kemfert vom DIW Berlin erklären, dass das vorhandene Übertragungsnetz vom Kohlestrom verstopft wird. Neben unseren Klimaverpflichtungen also noch ein weiterer Grund für einen raschen Ausstieg aus der Kohleverstromung.

Um das Netz stabil zu halten, brauchen wir wegen der fluktuierenden Einspeisung erneuerbarer Energien auch Langzeitspeicher. Ein erprobtes Verfahren ist zum Beispiel Power to Gas (PtG). Aus überschüssigem Windstrom entsteht Wasserstoff. Entsprechend weiterverarbeitet, kann er in unterirdischen Speichern monatelang gelagert oder im vorhandenen Erdgasnetz transportiert werden. Bei Bedarf kann er in wärmekraftgekoppelten Anlagen wieder verstromt werden.

Im vergangenen Jahr hat auch der Bundesrechnungshof der Regierung eine mangelnde Planung der Energiewende bescheinigt. Sie sei nicht zielführend und kostentreibend. Was nützen zum Beispiel tolle Projekte wie der wasserstoffbetriebene Brennstoffzellenzug für den Nahverkehr, der jüngst in Niedersachsen vorgestellt wurde, wenn der Wasserstoff aus Holland importiert werden muss?

Es ist unverantwortlich, die Energiewende als Spielball zu benutzen

Am 17. September gab es einen Gesprächstermin für Bürgerinitiativen im Bundeswirtschaftsministerium. Doch auch das war nur eine von vielen Alibiveranstaltungen, welche die Beteiligten in der Stromnetzdiskussion nicht weiterbringen. In unserer aktuellen gemeinsamen Pressemitteilung mit den Aktionsbündnissen gegen Süd-Ost-Link und Ultranet erklären wir, warum wir an dem Termin nicht teilgenommen haben. Konstruktive Auseinandersetzungen sehen anders aus.

Unter einem zielführenden Dialog verstehen wir nicht das kompromisslose Durchsetzen der eigenen Meinung um jeden Preis, sondern die Möglichkeit, gemeinsam eine Lösung zu finden. In diesem Fall für einen Netzausbau, der dem Auftrag der Versorgungssicherheit in Deutschland gerecht wird und nicht Gefahr läuft, vor allem den wirtschaftlichen Interessen von Großkonzernen, Übertragungsnetzbetreibern und Lobbyverbänden zu dienen. Die Energiewende als Spielball zu missbrauchen ist unverantwortlich.

Veröffentlicht:

Siegfried Lemke
© Lemke
Siegfried Lemke

Vorstandsmitglied, Bundesverband der Bürgerinitiativen gegen SuedLink

Siegfried Lemke (Jg. 1947) ist seit 2016 im Sprecherkreis des Bundesverbands der Bürgerinitiativen gegen SuedLink (BBgS) tätig. Der Ingenieur der Elektrotechnik arbeitete zunächst bei der Deutschen Bundespost und später als Berufsschullehrer. Er ist Gründungsmitglied der Grünen Isernhagen. Während seiner Mitgliedschaft im Gemeinderat Isernhagen war er Vorsitzender des Umweltschutz-Ausschusses. Seit mehr als zehn Jahren ist Lemke Aufsichtsratsmitglied bei den Gemeindewerken Isernhagen.

Mehr anzeigen

Werden Sie kostenlos XING Mitglied, um regelmäßig Klartext-Debatten zu aktuellen Themen zu lesen.

Als XING Mitglied gehören Sie zu einer Gemeinschaft von über 14 Mio. Berufstätigen allein im deutschsprachigen Raum. Sie erhalten zudem ein kostenloses Profil und den Zugang zu spannenden News, Jobs, Gruppen und Events.

Mehr erfahren