Der Corona-Schock: Wie gehen Menschen in aller Welt mit der Angst um?

In den USA und vor allem in New York steigt die Zahl der Infizierten und der Toten, noch schlimmer könnte es ärmere, schutzlosere Länder treffen. Wie erleben Menschen rund um den Globus die Bedrohung?

Wir dürfen uns hier in New York auf keinen Fall infizieren

Klaus Weinmaier
  • Ich bin Österreicher und erlebe New York in der Krise
  • Corona spaltet die amerikanische Gesellschaft noch mehr als sonst
  • Für Trump zählt nur die Wiederwahl

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Die Baustelle, an der einer der vielen schicken neuen Wohntürme am East River entsteht, steht still. Der Fußballplatz liegt verwaist da, niemand trainiert, kein Spiel findet mehr statt. Wäre auch schwer möglich, denn die Tore wurden entfernt. Auf dem Franklin D. Roosevelt East River Drive, der immer überlasteten Autobahn an der Ostseite Manhattans, fahren nur wenige Autos. Die Straßen und Gehsteige im sonst immer lebendigen Hipsterbezirk Williamsburg in Brooklyn sind nahezu auto- und menschenleer.

Aus dem Fenster unseres Apartments im 35. Stock direkt am Ufer des East River können wir in Echtzeit beobachten, wie die Coronakrise die Stadt mehr und mehr lähmt. Wir, das sind meine Frau Anita und ich. Wir sind Anfang 2019 nach New York übersiedelt. Wir kommen aus Österreich, meine Frau hat hier einen Job an einer Universität angenommen, an den das Visum für uns beide gebunden ist. Ich arbeite für ein österreichisches Start-up und betreibe eine Innovations- und Medienberatung.

Die Sirenen der Rettungsfahrzeuge sind jetzt viel öfter zu hören

Wir lieben das Leben in dieser vibrierenden Metropole, auch wenn es mitunter sehr anstrengend und fordernd sein kann. Aber jetzt ist New York tatsächlich „on pause“, seit Gouverneur Andrew Cuomo am 22. März einen Zehn-Punkte-Plan erlassen hat. Seither mussten alle „non-essential businesses“, also alle Geschäfte bis auf Lebensmittelläden, Apotheken und Drogeriemärkte, im gesamten Staat New York schließen. Schulen und Universitäten wurden dichtgemacht und die New Yorker zur Heimarbeit und zum „social distancing“ verpflichtet.

Nur die Sirenen der Rettungsfahrzeuge sind jetzt viel öfter zu hören. Derzeit rückt die Feuerwehr täglich zu über 6000 medizinischen Einsätzen aus und arbeitet eigentlich schon über den Grenzen ihrer Kapazität. Bilder von Leichen, die mit Gabelstaplern in Kühllaster verladen werden, gehen um die Welt. Dieses apokalyptische Szenario, das auch in internationalen Medien verbreitet wird, sehen wir selbst nur im Fernsehen. Berichte über überfüllte Krankenhäuser und völlig überlastete, schlecht ausgerüstete Ärzte und Pfleger lesen wir jeden Tag. Es fehlt nicht nur an Schutzkleidung, sondern vor allem an Beatmungsgeräten, die Gouverneur Cuomo und Bürgermeister Bill de Blasio von der Regierung in Washington vergeblich einfordern. „Ich glaube nicht, dass New York wirklich so viele Geräte benötigt“, war noch bis vor Kurzem die Reaktion des US-Präsidenten. Das war eine nicht gerade hilfreiche Aktion.

Präsident Trump berücksichtigt New York nicht ausreichend

Donald Trump mag seine eigene Heimatstadt nicht, da ihn die New Yorker nie akzeptiert und die Menschen, die hier das Sagen haben, nie respektiert haben. Für den Narzissten Trump ist das Grund genug, bei der Verteilung von Hilfsmaterial New York und seinen Vertreter Cuomo nicht ausreichend zu berücksichtigen. Trump benachteiligt auch andere Staaten und Gouverneure, wenn die ihm nicht passen, so wie die Demokratin Gretchen Whitmer in Michigan.

Das sind nur zwei Beispiele für das, gelinde ausgedrückt, erratische Verhalten von Trump und seinem Team in diesen Tagen. Nach anfänglichem Leugnen der Krise wurden Maßnahmen dann zu spät eingeleitet. Die Auswirkungen sind fatal: Die Zahl der Infizierten steigt weiter rasant, im Gegensatz zu ebenfalls schwer getroffenen Ländern wie Italien oder Spanien ist in den USA noch kein Abflachen der Kurve zu beobachten. Am vergangenen Sonntag sind landesweit schon mehr als 8500 Tote zu beklagen, offiziell wird mit bis zu 240.000 Opfern gerechnet. Allein in New York werden nach Einschätzung der Stadtverwaltung bis zu 16.000 Menschen an Covid-19 sterben.

Wir wollen auf keinen Fall auf das Gesundheitssystem hier angewiesen sein

Auch unser Leben hat sich dramatisch verändert. Wir haben uns entschieden, die Krise in New York durchzustehen, und sind nun in der dritten Woche unserer selbst gewählten „splendid isolation“ in unserem Zwei-Zimmer-Apartment. Unser oberstes Gebot lautet: Wir dürfen uns unter keinen Umständen infizieren, denn wir wollen nicht auf das Gesundheitssystem hier angewiesen sein. Wir haben über den Arbeitgeber meiner Frau eine sehr gute Versicherung, aber wer die Bilder aus den überfüllten Krankenhäusern und die Berichte über fehlende oder nicht funktionierende Beatmungsgeräte gesehen hat, kann sich gut vorstellen, warum wir eine Infektion unbedingt vermeiden wollen.

Das Leben zu zweit auf engem Raum bringt einige Herausforderungen mit sich. Wir teilen uns die zwei Zimmer der Wohnung so gut wie eben möglich auf, damit jeder den notwendigen Raum für Berufs- und Privatleben bekommt. Dabei sind wir uns unserer privilegierten Situation bewusst: Wir können beide unsere ziemlich krisensicheren Jobs von zu Hause aus erledigen und sind nicht gezwungen, die Wohnung zu verlassen. Wir gehen nicht mehr in Supermärkte einkaufen, sondern bestellen frisches Gemüse, Fleisch, Brot, aber auch Wein online. Alles andere haben wir schon davor gekauft und schon vor dem Höhepunkt der Krise unsere Vorräte ordentlich aufgestockt. Manchmal holen wir ein paar Flaschen Bier aus einem kleinen Deli um die Ecke, wo so gut wie nie Menschen sind. Wir spazieren nur mehr früh am Morgen oder spät am Abend durch die Nachbarschaft, um möglichst wenigen Menschen zu begegnen und das Infektionsrisiko gering zu halten.

Erstaunlich: Viele Amerikaner unterstützen den Kurs der Regierung

Wir können hier über Donald Trump nur staunen: Wie gewohnt weist er jede Verantwortung zurück, fabuliert vom besten Krisenmanagement der Welt, seine Einschaltquoten sind ihm wichtiger als fehlende Tests. Er attackiert die ungeliebten „linken“ Medien wie CNN oder MSNBC, denen er einfach Fake News unterstellt, wenn sie ihn mit unangenehmen Fragen konfrontieren. In dieser Krise wird noch deutlicher, wo die Prioritäten Trumps liegen: bei sich selbst und seiner Wiederwahl im November – wenn die Wahlen denn überhaupt stattfinden können.

Sein Handeln folgt neben seinen persönlichen vor allem den Interessen der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, da eine Rezession seine Wiederwahl gefährden könnte. Daher wollte Trump zu Ostern „volle Kirchen“ und die Amerikaner zurück bei der Arbeit sehen, hat dann aber nach Widerstand die Frist für den Lockdown bis 30. April verlängert. Wobei die Staaten eigenständig entscheiden, ob, in welcher Form und wann sie die Richtlinien der Regierung umsetzen.

Das Erstaunliche: Viele Amerikaner unterstützen den Kurs der Regierung, der sogenannte Job-Approval-Index weist Trump am 1. April eine Zustimmung von 47,6 Prozent bei einer Ablehnung von 50,3 Prozent aus. Das ist der beste Wert seiner gesamten Präsidentschaft. Diese Zahl spiegelt auch die Zerrissenheit des Landes wider. Der Graben zwischen Demokraten und Republikanern wird durch diese Krise vermutlich noch tiefer werden. So wird auch Social Distancing zu einem politischen Akt, der sich laut dem Magazin „The Atlantic“ zu einem Kulturkrieg mit unabsehbaren Folgen entwickelt. Vor allem ältere männliche Anhänger der Republikaner brechen die Sicherheitsregeln, schütteln sich demonstrativ die Hände und beklagen öffentlich den Hoax, also Schwindel, der von hysterischen Virologen verbreitet werde.

Millionen Amerikaner stehen ohne Krankenversicherung da

Dabei trifft die Krise viele Amerikaner hart. Vor allem Beschäftigte im Dienstleistungsgewerbe wie im Gastgewerbe stehen über Nacht ohne Einkommen da. Für Erkrankte gibt es anders als in westlichen Ländern meist kein Krankengeld, 30 Millionen Amerikaner unter 65 Jahren haben keine Krankenversicherung. Viele der sogenannten Small Businesses werden die Krise nicht überleben. Es wird geschätzt, dass ein Drittel der Restaurants und Bars in New York dauerhaft geschlossen bleiben werden. Ich kann mir gar nicht richtig vorstellen, wie die Stadt dann aussehen wird. Die Arbeitslosenrate ist landesweit auf 6,6 Millionen gestiegen – das ist ein Rekord in der US-Geschichte. In New York liegt die Zahl aktuell bei 366.403 Menschen ohne Beschäftigung. 70 Prozent der Amerikaner haben weniger als 1000 Dollar an Ersparnissen, knapp die Hälfte hat überhaupt kein Geld angespart. Dafür ist im statistischen Durchschnitt jeder US-Haushalt mit 137.879 Dollar verschuldet. Diese Kombination hat das Potenzial, dass diese Krise das soziale und wirtschaftliche Gefüge noch Jahrzehnte, nachdem sie ausgestanden ist, prägen wird.

Natürlich steuert auch Trump, wie viele andere Regierende dieser Welt, dagegen. Mit insgesamt über zwei Billionen US-Dollar sollen vor allem Einzelpersonen und kleine Unternehmen bis 500 Mitarbeiter mit Direktzahlungen, Arbeitslosengeld oder Mietunterstützungen aufgefangen werden. Allerdings sind diese Maßnahmen zeitlich begrenzt und helfen nur bedingt. So erhalten Personen mit weniger als 75.000 Dollar Jahreseinkommen einmalig 1200 Dollar. Die New Yorker zahlten 2017 durchschnittlich allein 1012 Dollar Miete im Monat, die Höhe von Hypotheken auf Häuser oder Wohnungen liegt im Schnitt bei 1513 Dollar. Im Staat New York gibt es erfreulicherweise noch zusätzliche Hilfen: Schüler erhalten trotz geschlossener Schulen weiterhin täglich freies Essen, jeder New Yorker kann sich drei kostenlose Mahlzeiten am Tag in mehr als 400 Ausgabestationen abholen. Mieter dürfen aufgrund ausständiger Mieten derzeit nicht gekündigt werden.

Manchmal könnte man an der Sturheit der New Yorker verzweifeln

Die Wochen vergehen zäh, hier bei uns in Williamsburg ist leider noch immer nicht allen klar, wie wichtig Social Distancing ist. Viele Menschen weichen an engen Gehwegen kaum aus oder stellen sich dicht an dicht in die Schlange im Supermarkt. Bei schönem Wetter beleben sich auch die sonst leeren Straßen und Parks, Menschen stehen in Gruppen, und es hat den Anschein, als gäbe es keine Krise da draußen. Besonders absurd wird es, wenn Menschenmassen das Einlaufen des Navy-Lazarettschiffes in den New Yorker Hafen bestaunen. Manchmal könnte ich an der Sturheit und Ignoranz der New Yorker verzweifeln.

Aber es gibt auch positive Seiten an dieser herausfordernden Situation. Wir treffen unsere Familien und Freunde fast täglich in Videochats und haben mehr Kontakt als vor der Krise. Es wird nicht nur geplaudert, sondern auch gemeinsam gekocht, gegessen oder gespielt. Besonders Kochen ist ein wichtiger Bestandteil unseres Alltags, wir essen jetzt besser und günstiger als im „normalen“ Leben. Und natürlich finden wir mehr Zeit zum Lesen als sonst, und Netflix und Co. helfen zusätzlich, wenn ein Tag mal besonders lang wird.

Jetzt gilt es, die Krise physisch wie psychisch möglichst unbeschadet zu überstehen. Wir werden weiterhin alles tun, um uns nicht anzustecken und gesund zu bleiben. Ich sagte ja schon: Wir lieben das Leben in dieser Stadt – mit allen Herausforderungen, die New York und die New Yorker mit sich bringen. Wir hoffen und sind zuversichtlich, dass sich hier und überall auf der Welt ein „new normal“ entwickeln wird und die Amerikaner die richtigen Lehren aus der Coronakrise ziehen werden. Eine gute Gelegenheit dafür wären die Präsidentschaftswahlen im November.


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Klaus Weinmaier
© Klaus Weinmaier
Klaus Weinmaier

Innovations- und Medienberater, New York

Klaus Weinmaier unterstützt mit seiner Innovations- und Medienberatung The Engagement Lab Unternehmen bei der Entwicklung digitaler Strategien und Produkte. Er ist COO des österreichisch-US-amerikanischen Start-ups Tonio und Mitbegründer des österreichischen Onlinemediums derstandard.at Weinmaier lebt nach Wien, Palo Alto, Hamburg und Zürich gemeinsam mit seiner Frau Anita Zielina seit 2019 in New York.

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