Arbeitnehmer gesucht: Wie lässt sich der Fachkräftemangel bekämpfen?

Weil in vielen Branchen gut ausgebildete Arbeitnehmer Mangelware sind, werden die Unternehmen immer kreativer. Wir stellen einige der innovativsten Lösungen vor.

Wir kümmern uns auch um Wohnungen für unsere Mitarbeiter

Martin Seiler
  • Allein in diesem Jahr suchen wir 22.000 neue Mitarbeiter
  • Bei der Personalgewinnung müssen wir daher richtig innovativ sein
  • Vier Punkte sind entscheidend, um als Arbeitgeber zu überzeugen

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Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hatten selten so gute Karten bei der Berufswahl wie heute. So schön das für sie ist: Für Arbeitgeber wird das zu einer echten Herausforderung, auch für uns als Deutsche Bahn.

Denn zum einen gilt, dass mögliche Jobeinsteiger nun höhere Ansprüche stellen. Je nach Region und Branche können sich viele Menschen in Deutschland fast aussuchen, für welches Unternehmen sie arbeiten wollen. Auch wenn manche Analysten eine konjunkturelle Schwächephase im Anmarsch sehen und auch wenn immer mal wieder Meldungen über die Ticker laufen, dass dieses oder jenes Unternehmen Stellen abbaue – grundsätzlich gilt: Der Arbeitsmarkt ist schon lange zum Bewerbermarkt geworden. Zum anderen ist die Konkurrenz zwischen den Arbeitgebern hart. Quasi alle benötigen Ingenieure, Elektroniker, Servicekräfte und generell technisch-digital befähigtes Fachpersonal.

Wir brauchen über 22.000 neue Kolleginnen und Kollegen in diesem Jahr

Wie also gewinne ich geeignete neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in genügender Anzahl auf diesem so umkämpften Markt? Für uns als Deutsche Bahn ist das keine philosophische Frage aus dem HR-Bereich, sondern eine geschäfts- und erfolgskritische Frage für das große Ganze. Ohne Gleisbauer gibt es keine Instandhaltung an den Strecken, ohne Lokführer keine Zugfahrten, ohne Disponenten keine Dienstpläne.

Mit unserer neuen Dachstrategie „Starke Schiene“ haben wir uns darauf festgelegt, dass wir unsere Kapazitäten erhöhen, um für unsere Kunden besser zu werden: mehr Fahrzeuge, mehr Infrastruktur und eben auch mehr Personal. Allein für 2019 reden wir da bei der Bahn von über 22.000 neuen Kolleginnen und Kollegen, an unterschiedlichsten Standorten und in 500 verschiedenen Berufen. Ich bin zwar sehr zuversichtlich, dass wir wie die Jahre zuvor genügend neue Mitarbeitende einstellen können. Aber damit das klappt, müssen wir uns jedes Jahr noch mehr anstrengen, noch mehr ins Zeug legen. Das heißt: Am Ball bleiben und sich immer wieder etwas Neues ausdenken. Wer sich beim Thema Personalgewinnung ausruht, hat eigentlich schon verloren.

Aus meiner Erfahrung sind vier Punkte entscheidend, um Bewerberinnen und Bewerber zu überzeugen:

1. Man muss auf sich aufmerksam machen

Niemand bewirbt sich bei einem Arbeitgeber, den er nicht kennt. Oder von dem er nicht weiß, dass dort das eigene Profil aktuell gesucht wird. Wir touren zum Beispiel gerade mit drei Wohnwagen durch 27 Städte, informieren in Fußgängerzonen und stellen auch direkt vor Ort ein.

2. Bewerben muss einfach, schnell und unkompliziert sein

Die DB hat im vergangenen Jahr etwa das Anschreiben für Azubis abgeschafft, weil es die größte Hürde im Bewerbungsprozess darstellte und gleichzeitig durch Google, Co-Autorenschaft von Eltern oder Freunden und „copy and paste“ letztlich am wenigsten Aussagekraft besitzt.

3. Die Beschäftigungsbedingungen müssen passen

Stichworte sind hier unter anderem faire Vergütung und gute Work-Life-Balance. Aber die Ansprüche und Wünsche der Mitarbeitenden verändern sich, es geht inzwischen auch um mehr Teilhabe, aktives Mitgestalten der Unternehmenszukunft oder konkrete Themen wie beispielsweise bezahlbarer Wohnraum. Bei der Bahn bieten wir deshalb zum Beispiel eine Wahlmöglichkeit zwischen mehr Geld oder mehr Urlaub an, um verschiedene Lebensphasen besser gestalten zu können. Und kürzlich haben wir die ersten Schritte unternommen, um in Metropolen wie München wieder Wohnungen für unsere Bahnerinnen und Bahner anbieten zu können.

Wir wollen gezielt dort Bedingungen verbessern, wo ein Mangel an verfügbaren oder bezahlbaren Angeboten herrscht. Wenn die DB in Ballungsräumen Fachkräfte einstellen will, darf das nicht daran scheitern, dass diese keine Wohnung finden. Für unsere Wohnungsoffensive arbeiten wir mit Immobiliendienstleistern zusammen, um uns Belegungsrechte in neu gebauten Wohnungen zu sichern. Außerdem mieten wir Wohnungen an und prüfen aktuell die Nutzung von DB-eigenen Flächen zur Bereitstellung von neuem Wohnraum.

4. Die Tätigkeit sollte sinnstiftend sein

Eine Entwicklung, die in meinen Augen immer stärker wird, ist die Suche nach Sinnhaftigkeit in der Arbeit. Gerade jüngere Bewerberinnen und Bewerber legen darauf viel Wert. Was mache ich da eigentlich und warum, wofür ist meine Arbeitsleistung gut? Diese Fragen muss man als Arbeitgeber beantworten können. Wir als DB können dies, womöglich sogar einfacher als andere Unternehmen: Wer bei der Deutschen Bahn arbeitet, gestaltet die Mobilität von morgen schon heute mit, leistet mit seiner Arbeit einen Beitrag zur grünen Verkehrswende, stärkt den Wirtschaftsstandort Deutschland und verbindet Menschen über Landesgrenzen hinweg miteinander.

Die Bahn ist sicher nicht perfekt, weder als Mobilitätsdienstleister noch als Arbeitgeber. Aber wir strengen uns an, immer besser zu werden, Tag für Tag, und wir sind auf einem guten Weg. Und auf diesem Weg werden wir weiterwachsen: In den nächsten Jahren sollen noch sage und schreibe 100.000 neue Kolleginnen und Kollegen zu uns stoßen. Ein umkämpfter Arbeitsmarkt, der demografische Wandel mit immer weniger jungen Arbeitenden, neue technologische Anforderungen im Zuge der Digitalisierung – nicht nur wir als Bahn, sondern die gesamte Wirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Doch wenn wir diese Situation als Chance begreifen, uns als Unternehmen richtig aufstellen und auf die Bedürfnisse und Vorschläge unserer Mitarbeitenden eingehen, dann können wir als Arbeitgeber langfristig nur gewinnen. Denn dann machen wir uns wirklich bereit für die Zukunft.


Martin Seiler ist auch Gast auf dem Panel “Fachkräftemangel in Deutschland”, das auf dem Wirtschaftsgipfel Deutschland am kommenden Samstag, den 28.September, stattfindet. XING richtet das Panel als Medienpartner des Wirtschaftsgipfels aus. Es gibt eine kleine Anzahl an Freikarten. Bei Interesse schreiben Sie uns bitte eine Mail an klartext@xing.com, wir verlosen die Tickets unter den ersten Nutzern.

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Martin Seiler
© Deutsche Bahn AG / Max Lautenschläger
Martin Seiler

Vorstand für Personal und Recht, Deutsche Bahn

Martin Seiler (Jg. 1964) ist seit dem 1. Januar 2018 Vorstand Personal und Recht der Deutschen Bahn AG. Seine Laufbahn begann Seiler 1980 bei der Deutschen Post. Nach Stationen unter anderem bei der Deutschen Postgewerkschaft übernahm er verschiedene Managementfunktionen bei der Deutschen Post in Bonn. 2010 wechselte er zur Deutschen Telekom, wo er 2015 Geschäftsführer Personal und Arbeitsdirektor für 70.000 Mitarbeiter der Telekom Deutschland sowie Sprecher der Geschäftsführung der Telekom-Ausbildung wurde.

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