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Arbeitnehmer 50 plus: Sind ältere Bewerber wirklich chancenlos?

Wer mit 50 Jahren arbeitslos wird, gilt als „schwer vermittelbar“. Schuld sei meist das Alter, sagen die Betroffen. Aber es gibt auch Firmen, die auf ältere Bewerber setzen – und Erfahrung schätzen.

Dieter Doetsch
  • Vor zehn Jahren startete unser Programm „Ausbildung 50+“
  • Nur arbeitslose Bewerber bekommen bei uns eine Chance
  • Unsere Kunden profitieren von der Seniorität unserer Azubis

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Die Prognosen zeichnen ein düsteres Bild vom Arbeitsmarkt der Zukunft: Deutschlands Wachstum drohe einzubrechen, wenn nicht genügend kompetente Arbeitskräfte gefunden würden, heißt es in einschlägigen Studien. Doch an einen Fachkräftemangel dachten wir nicht, als wir uns vor zehn Jahren für das Programm „Ausbildung 50+“ entschieden. Unserer Branche fehlt es schließlich nicht an Bewerbern – sondern an gleichaltrigen Ansprechpartnern. Unsere Kunden sind im Schnitt 45 Jahre und älter – und in deren Bedürfnisse kann sich ein Mitarbeiter um die 50 nun mal besser einfühlen als ein Kollege mit Anfang 20.

Wir beschlossen also ein Ausbildungsprogramm für ältere Arbeitnehmer zu starten – auch um den Mix im Unternehmen zu verbessern. Gemischte Teams arbeiten nachweislich produktiver, warum also darauf verzichten? Das Alter unserer Auszubildenden ist uns dementsprechend egal. Hauptsache, die Leistung stimmt.

Lücken im Lebenslauf sind generell kein Problem

Etwa 150 Bewerber haben wir jedes Jahr, die meisten sind zwischen 40 und 60 Jahre. Viele von ihnen waren jahrelang Hausfrauen, haben sich um die Kinder gekümmert, sind schon lange arbeitslos oder finden einfach keine neue Stelle. Wir suchen gezielt nach Biografien mit Brüchen, mit Ecken und Kanten. Und nach Menschen mit Lebenserfahrung, die einen späten Erfolg im Job verdient haben.

Sechs bis acht Bewerber dieser starten jedes Jahr in die Ausbildung zum Bankassistenten im Bereich Kundendialog oder Immobilienfinanzierung. Die Ausbildung dauert zwölf Monate, danach wird man durch die IHK geprüft. Anders als unsere jüngeren Auszubildenden verdienen unsere Azubis 50+ ihrer Lebenserfahrung und ihrem Standard entsprechend mehr: rund 1873 brutto pro Monat. Das mag wenig klingen für den ehemaligen Ingenieur, der lange arbeitslos war. Für Hausfrauen wiederum ist es vergleichsweise viel.

Ältere Banker sind gefragt

Während viele Firmen über ältere Mitarbeiter klagen oder sie sogar absichtlich aufs Abstellgleis befördern, profitieren wir von der Seniorität unserer Azubis. In den Seminaren sind sie aufmerksamer, wissbegieriger und hinterfragen alles. Das ist zwar anstrengend, aber im positivsten Sinne. Am Telefon sind unsere lebenserfahrenen Mitarbeiter zudem gelassener im Umgang mit schwierigen Kunden: Beschwerden bringen sie längst nicht so schnell aus der Ruhe.

Natürlich hapert es hier und da mit der Technik. Unsere älteren Kollegen überlegen dreimal, bevor sie einen Knopf drücken oder einen Button anklicken – Zeit, in der ihre jüngeren Kollegen schon längst geklickt hätten. Einiges dauert dadurch länger, geschieht aber auch überlegter. Und das kann schließlich nur zu unserem Vorteil sein.

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Dieter Doetsch
© ING DiBa
Dieter Doetsch

Leiter Aus- und Weiterbildung, ING DiBa

Dieter Doetsch (Jg. 1965) ist Leiter Aus- und Weiterbildung bei der ING DiBa. Nach seiner Qualifikation zum Betriebswirt an der Rheinischen Sparkassenakademie Düsseldorf, einer Ausbildung zum Personalfachkaufmann und einer Qualifikation zum Vertriebstrainer arbeitete er als Recruiter und Verhaltenstrainer bei der Sparkasse KölnBonn. Anschließend leitete er 8 Jahre die Abteilung Ausbildung. Seitdem verantwortet er die Rekrutierung und die Qualifikation aller Auszubildenden bei der ING DiBa.

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