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Nachhaltigkeit oder Greenwashing: Wie ernst meinen es Firmen wirklich?

Faire Löhne, Öko-Standards und ein grünes Gewissen: Kapitalmarktorientierte Unternehmen müssen seit diesem Jahr einen Nachhaltigkeitsbericht verfassen. Über Sinn und Unsinn streiten die Experten.

Wir müssen Nachhaltigkeitsberichte als Chance begreifen

Andreas Zamostny
  • Kapitalmarktorientierte Firmen müssen seit 2017 über Nachhaltigkeit berichten
  • Die Komplexität und die Veröffentlichungsfrist sind eine echte Herausforderung
  • Nachhaltiges Handeln steigert langfristig auch den Wert eines Unternehmens

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Nun ist sie also da, die Berichtspflicht zur Nachhaltigkeit. Am 9. März 2017 wurde das Gesetz zur Stärkung der nichtfinanziellen Berichterstattung der Unternehmen in ihren Lage- und Konzernlageberichten, kurz das CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz, offiziell im Bundestag verabschiedet. Und bis auf die echten Nachhaltigkeitsprofis hat es wohl kaum einer mitbekommen. Die Auswirkungen sind dennoch für viele Unternehmen enorm. So gilt es, ab dem Jahr 2018 über Themen wie Energienutzung und Emissionen, Produktsicherheit, Antikorruption, Diversität und Arbeitnehmerbelange zu berichten. Auch die Achtung der Menschenrechte – sogar entlang der Lieferketten – ist ein relevantes Thema, zu dem sich die Unternehmen äußern müssen. Direkt betroffen von der neuen Regelung sind kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern und über 40 Millionen Euro Umsatz.

Was lange währt, wird endlich gut? Ja, lange hat es gedauert, seit im Oktober 2014 die entsprechende EU-Richtlinie in Kraft trat. Und noch ist der Prozess nicht zu Ende: 20 der 28 Mitgliedsstaaten haben ein vergleichbares nationales Gesetz verabschiedet. Ist das neue Gesetz auch gut? Hier scheiden sich die Geister. Geht es den einen nicht weit genug, sehen andere die Berichtspflicht als lästige zusätzliche Formalie, die das ohnehin schon komplexe Corporate Reporting weiter kompliziert.

Knappe Veröffentlichungsfrist kann kontraproduktiv sein

Eine Veränderung jedoch ist tatsächlich eine Überraschung: Anders als im Referentenentwurf liegt die Frist zur Veröffentlichung nun bei vier Monaten nach dem Bilanzstichtag. Gut so, werden die einen sagen, denn dann liegen die Zahlen zur Nachhaltigkeit auch nahezu zeitgleich mit dem Geschäftsbericht vor. Doch die kurze Frist ist in Wahrheit ein Bärendienst für die Nachhaltigkeitsprofis in den Unternehmen. Denn wer schon einmal so einen Bericht erstellt hat, weiß, wie komplex das Thema ist und dass vor allem die valide Erhebung der entsprechenden Daten oft sehr viel schwieriger ist als bei der etablierten Finanzberichterstattung. Gerade die Erstberichterstatter werden es hier schwer haben, ein ordentliches Berichtswesen einzuführen. Und auch für berichtserfahrene Unternehmen ist die Fristverkürzung nicht einfach zu stemmen.

Denn es geht darum, in den wesentlichen Handlungsfeldern Transparenz herzustellen – mit Zielen und Maßnahmen sowie Kennzahlen, die auch tatsächlich zur Steuerung genutzt werden. Und so ist es weder Zufall noch Bequemlichkeit, dass Unternehmen oft erst in der zweiten Jahreshälfte nach dem Bilanzstichtag ihre Berichte veröffentlichen. Ja, das kann man schneller machen. Aber ist damit tatsächlich etwas erreicht?

Wertsteigerung durch nachhaltiges Handeln

Für Berater und Agenturen ist das neue Gesetz jedenfalls eine Steilvorlage und für Unternehmen nicht nur Herausforderung, sondern auch Chance. Letzteres allerdings nur dann, wenn die Unternehmen sich der Aufgabe verantwortungsvoll stellen und sich seriöse Unterstützung an die Seite holen. Profis sind gefragt.

Aber natürlich gibt es aktuell auch alternative Angebote, wie Unternehmen sich der „lästigen Pflicht“ entbinden können. Nicht alle tragen zu einer tatsächlich nachhaltigen Entwicklung in den Unternehmen bei, bergen erhebliche Risiken, wenn Aussagen zu leichtfertig getroffen und seitens der Medien und Öffentlichkeit kritisch hinterfragt werden – und verfehlen zudem den vom Gesetzgeber beabsichtigten Zweck der neuen Regeln. Mit wenigen Klicks zum Nachhaltigkeitsbericht, noch dazu nach nahezu jedem Standard – all das trägt nicht zu mehr Nachhaltigkeit bei, sondern beflügelt einzig und allein das Geschäftsmodell des entsprechenden Anbieters. Wer Nachhaltigkeitsreporting ernsthaft betreibt, weiß, dass es vor allem auf Substanz und Prozesse ankommt – und dass der Teufel oft im Detail steckt. Ressourcenmanagement ist mehr, als nur einmal im Jahr in den Keller zu gehen und die Strom- und Wasserzähler abzulesen. Und Nachhaltigkeitsberichterstattung heißt eben nicht, nur einmal im Jahr ein paar mehr oder weniger beliebige Kennzahlen zusammenzustellen.

Wer das tut, erledigt vielleicht eine lästige Pflicht – und selbst das darf aus professioneller Sicht angezweifelt werden. Vor allem aber vergibt er die große Chance, durch ein solides Reporting den Grundstein für ein Nachhaltigkeitsmanagement zu legen, das seinen Namen verdient. Nur so führt nachhaltiges Handeln auch zu nachhaltiger Wertsteigerung – und nur so ist dem Sinn des neuen Gesetzes auch entsprochen.

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Andreas Zamostny
© Andreas Zamostny
Andreas Zamostny

Nachhaltigkeitsexperte, Schlange & Co. GmbH

Andreas Zamostny (Jg. 1974) ist Mitgründer und Geschäftsführer der Schlange & Co. GmbH – kurz: S&C. Als Experte für Nachhaltigkeit und Corporate Responsibility (CR) mit mehr als 17 Jahren Praxiserfahrung begleitet er Unternehmen bei Strategieentwicklung und Implementierung, bei Risikoanalysen von Lieferketten, bei der Wirkungsmessung sowie bei der Erstellung von glaubwürdigen CR-Berichten. S&C hat Standorte in Hamburg und New York und ist international tätig.

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