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Transparente Gehälter – Erhöhen sie die Fairness oder den Frust?

Wer verdient wieviel? Ein neues Gesetz gibt Angestellten das Recht zu erfahren, wie ihre Kollegen bezahlt werden. Doch in vielen Unternehmen sind transparente Gehälter nach wie vor ein Tabu-Thema.

Waldemar Zeiler
  • Eine moderne, gleichberechtigte Gesellschaft braucht transparente Gehälter
  • Die Umsetzung scheitert allerdings oft am Vertrauen
  • Wer sich an Gehaltstransparenz herantraut, sollte New Work schon zelebrieren

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Kaum etwas ist uns Deutschen so unangenehm, wie über Geld zu sprechen. Und trotzdem war uns von Anfang an klar, dass wir das Thema auf unsere Agenda setzen, für mich gab es keine Wahl. Das Ziel: Jeder von uns, und damit meine ich wirklich jeden Mitarbeiter, sollte in der Lage sein, unternehmerisch zu handeln, aber das geht nun mal schwer, wenn man nicht alle Zahlen kennt, keine Ahnung hat, wie viel Budget eigentlich zur Verfügung steht, wer wie viel arbeitet und vor allem, was wir uns leisten können und wollen. Also haben wir uns zusammengesetzt, an einem Sommertag 2016, und über Geld geredet.

Heute, gut anderthalb Jahre später, muss ich mir eingestehen, dass wir etwas naiv waren. So ein bisschen New Work und Transparenz wird ja wohl nicht schwer sein, dachte ich damals, aber wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich einiges anders machen. Es läuft schließlich selten gut, wenn man alle Ventile auf einmal aufdreht, schon gar nicht beim Thema Gehalt und auch nicht bei uns. Denn auch wenn unsere Mitarbeiter oder Mitunternehmer vergleichsweise jung, weltoffen und tolerant sind – das Thema Geld ist auch bei uns ein schwieriges.

Wer gute Argumente vorbringt, bekommt auch mehr Gehalt

Damals aber schien alles so einfach zu sein. Für ein paar Tage hatten wir ein Haus auf dem Land gemietet, in dem wir uns als kleines Team relativ schnell einig wurden, dass wir das Thema Gehaltstransparenz zu unserem machen wollten. Wir, das waren zehn Mitarbeiter, ein kleines Budget und jede Menge Elan. Wir arbeiteten noch nicht profitabel und machten uns dennoch zur Aufgabe, faire Gehälter zu definieren, die möglichst alle zufriedenstellen sollten. Nach und nach notierten wir also unsere Gehaltsvorstellungen auf einem Blatt Papier, das wir dann zur gemeinsamen Diskussion an die Wand hängten. Zwischen 200 und 500 Euro netto mehr im Monat, das waren die Forderungen unserer Mitarbeiter, gut begründet mit Argumenten wie Bafög-Rückzahlungen oder einem nachhaltigen Lebensstil. Für uns als Unternehmen ergaben sich dadurch aufsummiert rund 2000 Euro Mehrausgaben, was ich für durchaus tragbar hielt. Wir erhöhten also die Gehälter, im Gegenzug hängten sich alle unfassbar rein.

Nur ein paar Monate später aber, als wir endlich profitabel waren und fast doppelt so viele Mitarbeiter hatten, ging unser Plan vom einfachen Geldverteilen nicht mehr auf. Wenn auf einmal mehr Kohle da ist, steigt die Angst, dass jemand unser System ausnutzen könnte, und außerdem holt man irgendwann Externe ins Haus, die oft einfach mehr kosten als im Unternehmen herangewachsene Mitarbeiter. Plötzlich waren da krasse Gehaltsunterschiede und teilweise Unverständnis unserer kreativen Köpfe, die ihr Schaffen nicht nur in rationalen Zahlen bewertet sehen wollten. Dessen künstlerischer Wert, hieß es damals, ließe sich schließlich nicht so einfach mit Mitteln der BWL bemessen.

Es gibt keine Alternative zu transparenten Gehältern

Wir mussten uns also echt was einfallen lassen, um den magischen Haussegen wieder in die Horizontale zu bringen und den Einhorn-Flurfunk abzustellen. Zugegeben: Ein Patenrezept haben wir bis heute nicht gefunden, aber wir bemühen uns redlich. Anhaltend sprechen wir mit Unternehmen, die Ähnliches durchmachen, haben einen Gehaltsrat gewählt, der die Gelder verteilt, und verbessern nun auch endlich unsere interne Kommunikation, der wir, vielleicht unserer jugendlichen Naivität geschuldet, anfangs einfach keine Bedeutung beigemessen haben und die uns im Nachgang teilweise auf die Füße gefallen ist.

Was ich jedem mit auf den Weg geben würde, der sich traut, transparente Gehälter umzusetzen? Erst mal alles andere ausprobieren, was das Konzept New Work zu bieten hat, Vertrauen gewinnen und die Mitarbeiter in vielen Gesprächen langsam an das Thema heranführen. Denn so offen, wie viele dafür sind, so mies ist oft die Stimmung, wenn erst einmal bekannt ist, wer wirklich wie viel verdient, da sind wir keine Ausnahme. Trotzdem ist mir auch heute noch klar: Es gibt keine Alternative zu transparenten Gehältern und damit auch einer gerechten Bezahlung von Frauen.


XING Gehaltsstudie 2018:

Wer verdient was? XING hat in einer großen Umfrage mehr als 12.000 aktive Mitglieder zum Thema Gehalt befragt. Im Fokus waren dabei besonders Fach- und Führungskräfte und ihre Meinungen zu aktuellen Themen wie Gehaltstransparenz und einer Gehaltsobergrenze. Die Studie zeigt die durchschnittlichen Gehälter nach Branche und Tätigkeitsfeld, Region, Unternehmensgröße und Alter der Befragten. Hier geht es zur kompletten XING Gehaltsstudie 2018.


Veröffentlicht:

Waldemar Zeiler
© einhorn
Waldemar Zeiler

Gründer und Geschäftsführer, einhorn

für unfuck the economy & Scheitern

Waldemar Zeiler ist Mitgründer und Geschäftsführer des Unternehmens einhorn, das er 2015 zusammen mit Philip Siefer gründete und das vegane sowie fair gehandelte Kondome herstellt. Während einer Auszeit in Südamerika arbeitete er erstmals an Ideen für nachhaltige Projekte und entwickelte 2014 mit Philip Siefer die Initiative Entrepreneur’s Pledge.

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