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Fachkräftemangel – Mythos oder Mega-Problem?

Zu wenig junge Talente, zu wenig erfahrene Spezialisten: Das ist angeblich eine der größten Herausforderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Aber stimmt das überhaupt?

Wirtschaft 4.0 kann berufliche Bildung attraktiver machen

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser

Präsident, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser
  • Die Rahmenbedingungen erfordern eine Steigerung der Qualität dualer Ausbildung
  • Das Berufsbildungssystem muss flexibler gestaltet werden
  • Vor allem die Ausbildungsberufe sollten mehr als Basisberufe verstanden werden

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Kein Zweifel: Der Fachkräftemangel wird kommen. Aber er wird regional und berufsspezifisch höchst unterschiedlich ausfallen. In manchen Regionen oder Branchen ist er bereits da. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) geht davon aus, dass die größten Engpässe im kommenden Jahrzehnt im Gesundheits- und Pflegebereich sowie in den technischen Berufen entstehen werden. Alles wird dennoch davon abhängen, wie Deutschland in den kommenden Jahren mit den Themen Zuwanderung, Anerkennung von ausländischen Berufsqualifikationen und – ganz aktuell – der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt umgehen wird. Hier liegt ebenso Potenzial, das Fachkräfteproblem zumindest entschärfen zu können.

Um die duale Berufsausbildung weiter zu stärken, gibt es noch viele Stellschrauben, an denen anzusetzen ist. Zum Beispiel müssen wir die Durchlässigkeit zwischen den Teilsystemen der Bildung in Deutschland erhöhen. Die Partner der Allianz für Aus- und Weiterbildung 2015–2018 haben weitere Bereiche als Handlungsfelder für ein gemeinsames Vorgehen aller für die Berufsbildung Verantwortlichen identifiziert und beschrieben. Dazu gehört es, die Qualität dualer Ausbildung zu steigern und die berufliche Weiterbildung zu stärken.

Anschluss an die Hochschulen sicherstellen

Das Berufsbildungssystem wird sich vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des veränderten Bildungsverhaltens der jungen Menschen in der sich weiter internationalisierenden digitalen Wirtschaft und Gesellschaft entwickeln. Notwendigerweise müssen die systematische Berufsorientierung an allen Schulen flächendeckend umgesetzt und verstärkt Aus- und Fortbildung im Rahmen von Berufsfamilien integriert angeboten werden. Dabei ist die Anschlussfähigkeit zu den Angeboten der Hochschulen besonders wichtig. Außerdem wird das Berufsbildungssystem flexibler sein müssen – sowohl in Bezug auf die Menschen mit unterschiedlichem Bildungsstand, die qualifiziert werden, als auch in Bezug auf die Anerkennung des informellen wie des non-formalen Lernens.

Eine tiefgreifende Veränderung wird die berufliche Bildung durch Wirtschaft 4.0 erfahren: Wir stehen vor großen Herausforderungen, veränderten Tätigkeiten, neuen Qualifikationsanforderungen und einem rasanten Strukturwandel. Wirtschaft 4.0 ist vor allem die Chance, um die berufliche Bildung wieder attraktiver zu machen. Auf was genau wird es hier in Zukunft ankommen?

Betriebliche Bildungspläne regelmäßig überprüfen

Ausbildungsberufe müssen angesichts der Digitalisierung künftig noch mehr als Basisberufe verstanden werden, die kontinuierliches Weiterlernen ermöglichen. Berufliche Handlungsfähigkeit darf deshalb nicht als (kurzfristige) Beschäftigungsfähigkeit verstanden werden, sondern vor allem als Fähigkeit zum Weiterlernen und zum Problemlösen. Betriebe sollten Ausbildungsberufe auf betriebliche Passgenauigkeit hin prüfen; möglicherweise müssen vorhandene Berufe modernisiert oder auch neue Berufe entwickelt werden. Das heißt vor allem, dass betriebliche Bildungspläne regelmäßig zu überprüfen und zu aktualisieren sind.

Hinzu kommt: Betriebe müssen mehr in die Qualifizierung ihres Ausbildungspersonals investieren; Verbundausbildung und Zusatzqualifikationen müssen stärker genutzt werden. Die Aktualität von Berufen ist ferner häufiger zu hinterfragen; ein regelmäßiges Screening insbesondere der von der Digitalisierung der Arbeitswelt am meisten betroffenen Ausbildungsberufe ist wichtig und sollte in enger Kooperation zwischen Praxis, Politik und Wissenschaft erfolgen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, gilt es darüber hinaus, neue Zugangspotenziale zu erschließen, etwa Studienaussteiger und ausländische Fachkräfte. Außerdem sollte bei allen Beteiligten ein stärkeres Bewusstsein für IT-Sicherheit geschaffen werden.

Die neu entstehenden Freiräume bieten viele Chancen

Damit Wirtschaft 4.0 erfolgreich ist, müssen zudem die Beschäftigten von Beginn an beim Entwicklungsprozess mitgenommen werden. Aufgaben und Prozesse werden sich durch die Interaktion mit intelligenten Maschinen und die zunehmende Automation deutlich verändern. Das bietet bislang unbekannte Freiräume für die Organisation der Arbeit, zum Beispiel für Flexibilisierung, neue Arbeitszeitregelungen oder das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz. Zugleich muss sich aber auch die Aus- und Weiterbildung auf die neuen Anforderungen einstellen.

Wir sehen trotz eines sich insgesamt ändernden Fachkräftebedarfs, dass das Berufsbildungssystem nachhaltig und erfolgreich beschäftigungsfähige Fachkräfte hervorbringt, die sich auf wechselnde Anforderungen in der Arbeitswelt einstellen können. Derweil signalisieren Unternehmen einen zunehmenden Fachkräftebedarf gerade auf der mittleren Ebene und starten Initiativen, um die Berufsausbildung zu stärken. Insofern bedeutet Digitalisierung nicht automatisch zunehmende Akademisierung.

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Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser
© BIBB
Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser

Präsident, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser (Jg. 1959) ist seit dem 1. Mai 2011 Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Seinen beruflichen Werdegang startete er 1989 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpädagogik an der Universität zu Köln. Zwei Jahre später wechselte er zum Forschungsinstitut für Berufsbildung im Handwerk an der Universität zu Köln. 2004 übernahm er die Leitung der Abteilung „Berufliche Bildung“ beim Zentralverband des Deutschen Handwerks.

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