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Trend #4 – Work-Life-Separation: Sorry, Chef, das muss echt warten!

Die Generation Z fordert weniger Stress und mehr Leben. Arbeitgeber werden stärker darauf achten müssen, dass Feierabend und Wochenende frei bleiben. Ist die Trennung überhaupt sinnvoll und notwendig?

Work-Life-Blending wird schnell zur Mogelpackung

Prof. Dr. Christian Scholz

BWL-Professor und Autor, Universität des Saarlandes

Prof. Dr. Christian Scholz
  • Der Ansatz verspricht Lebensqualität, aber am Ende steht das Gegenteil
  • Unternehmen bekommen immer mehr Zugriff auf die Zeit der Angestellten
  • Das ist kein Fortschritt, sondern Verzicht auf hart erkämpfte Rechte

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Egal ob eine dienstlich Mail kurz vor dem Einschlafen oder Arbeit auf Abruf: Work-Life-Blending ist eine auf maximale Mitarbeiterflexibilität ausgerichtete Arbeitsphilosophie, die berufliche Arbeit mit privatem Leben vermischt.

Vor allem jedoch ist sie eine Mogelpackung, denn was drinnen steckt, entspricht nicht dem, was angekündigt wird: Mitarbeiter werden ins Work-Life-Blending gelockt, indem man ihnen Flexibilität und Lebensqualität verspricht. Am Ende stehen aber böses Erwachen und das Gegenteil.

Denn Systeme und Strukturen, die Mitarbeitern Freiheit gewähren, schaffen gleichzeitig Gestaltungsoptionen für Unternehmen. Wenn das Wochenende zur Regelarbeitszeit wird und die tägliche Höchstarbeitszeit bei zwölf Stunden liegt, dann vergrößert dies den Spielraum der Unternehmen.

Work-Life-Blender wollen uns wie dumme Lemminge konvertieren

Die wenigsten Menschen können selbstbestimmt „blenden“, also Arbeit und Freizeit nach ihren (!) Wünschen vermischen. Die meisten Menschen sind „verblendet“, also dem Work-Life-Blending der Unternehmen ausgeliefert. Deshalb überrascht es nicht, dass viele Arbeitnehmer ein solche Arrangement als belastend und als Problem für das Privatleben empfinden.

Die Personalberatung van Rundstad veröffentlichte den Befund, wonach „73 Prozent befürchten, dass viele Berufstätige durch das Work-Life-Blending nicht mehr richtig abschalten können“ und kam dann zu folgender Schlussfolgerung: „Die Mehrzahl der Deutschen bewertet die Verschmelzung von Arbeit und Freizeit noch kritisch.“

Wichtiger als dieser exemplarische Befund – der niemanden überrascht – ist die damit verbundene Manipulation: Die Nobelpreisträger Richard Thaler und Cass Sunstein nennen das „Nudging“, weil man Verhalten und Einstellungen durch scheinbare Kleinigkeiten fremdsteuert. Obiger Satz – der stellvertretend für die gesamte Rhetorik der Work-Life-Blender steht – arbeitet mit dem unscheinbaren Wort „noch“: Es suggeriert die Irrelevanz unserer Ablehnung des Konzepts, weil es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir alle freiwillig wie kleine dumme Lemminge zum Work-Life-Blending konvertieren und nicht mehr über Bedrohungen wie Nicht-Abschalten oder Verlust des Privatlebens nachdenken.

Wir dürfen uns nicht zu Maschinen mit einem An- und Ausschalter degradieren lassen

Selbst die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung und die „Initiative Neue Qualität der Arbeit“ (INQA) diskutieren überwiegend, wie man im Work-Life-Blending überlebt. So geht es beim INQA-Programm „Management ständiger Erreichbarkeit (MASTER)“ nicht darum, ob wir die ständige Erreichbarkeit überhaupt wollen oder brauchen: Work-Life-Blending ist als Teil der angeblich modernen Arbeitswelt gesetzt.

Empirische Studien, die seine dramatischen Gefahren für Menschen und langfristige kontraproduktive Effekte für Unternehmen belegen, werden ignoriert: Wir sollen vielmehr endlich lernen, mit den entstehenden Problemen zu leben und unsere masochistische Liebe zum Work-Life-Blending entdecken.

Es sieht nach Alternativlosigkeit aus, wenn kurzsichtige „Vordenker“ danach rufen, Mitarbeiter voll-flexibel nur zu beschäftigen, wenn man sie gerade braucht. Es ist aber weder alternativlos noch Fortschritt: Es ist ein Rückschritt in eine frühindustrielle Epoche, die Menschen zu Maschinen mit einem An-/Aus-Schalter degradiert.

Work-Life-Blending ist nicht alternativlos, sondern ein Unwort

Jeder Mitarbeiter, jeder Betriebsrat, jeder Gewerkschaftler, jeder Journalist und jeder Politiker, der die vergifteten Bausteine des Work-Life-Blending akzeptiert, drängt uns ein Stück in eine völlig andere Arbeitswelt, die wir nicht wollen und die wir auch nicht brauchen. Denn dass es Alternativen gibt, haben die letzten 100 Jahre genauso gezeigt wie es zum Glück viele kleinere und mittlere Unternehmen jeden Tag mit Erfolg aufs Neue belegen.

Wir sollten unseren Verzicht auf unternehmensseitiges Work-Life-Blending und unsere Forderung nach etwas mehr arbeitnehmerseitige Individualisierbarkeit dadurch bekräftigen, dass wir „Work-Life-Blending“ zum Unwort des Jahres nominieren.


15 Jahre XING

Vor 15 Jahren gab es weder soziale Medien noch Smartphones, agiles Arbeiten war hierzulande unbekannt. Unvorstellbar, was in den kommenden 15 Jahre alles Neues entstehen und wie sich unsere Arbeitswelt entwickeln wird! In welchen Berufen werden wir künftig überhaupt arbeiten – und wie? Wie verändert die künstliche Intelligenz den Recruiting-Prozess? Wird die Arbeitswelt von morgen gerechter sein – oder tiefer gespalten?

Zusammen mit dem Zukunftsforscher und Gründer des Trendbüros, Professor Peter Wippermann, hat XING 15 Trends untersucht, die Arbeitnehmer und Unternehmen betreffen und die Gesellschaft verändern werden. Unsere Prognosen basieren auf der wissenschaftlichen Expertise des Trendbüros, einer repräsentativen Umfrage unter den XING Mitgliedern und E-Recruiting-Kunden sowie aus unserer Erfahrung als Vorreiter beim Thema New Work.

Die 15 Trends lassen wir ab dem 5. November täglich auf XING diskutieren – hier auf XING Klartext, von unseren XING Insidern und im XING Talk. Alle Beiträge finden Sie gesammelt auf einer News-Seite.

  • In der Woche ab dem 5. November dreht sich alles darum, was sich für den einzelnen Arbeitnehmer ändert.
  • Ab dem 12. November diskutieren wir eine Woche lang die Folgen des Wandels für Unternehmen.
  • Eine Woche später, ab dem 19. November, thematisieren wir, wie sich unsere Gesellschaft verändern wird.

Bei Fragen, Feedback und Ideen erreichen Sie die Redaktion von XING News unter klartext@xing.com. Wir freuen uns auf spannende und hitzige Diskussionen!

Veröffentlicht:

Prof. Dr. Christian Scholz
© Sarah Mack
Prof. Dr. Christian Scholz

BWL-Professor und Autor, Universität des Saarlandes

Prof. Dr. Christian Scholz wurde 1986 an die Universität des Saarlandes berufen. Er publiziert in wissenschaftlichen Zeitschriften, schreibt aber auch Kolumnen in Zeitungen und bloggt seit 2006 als „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen zwei Lehrbücher zum Personalmanagement sowie die Trendstudien zum Darwiportunismus (2003) und zur „Generation Z“ (2014).

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