Corona crasht Kultur - wie es für Kreative und Künstler weitergeht

Großveranstaltungen wie Konzerte und Kunstmessen bleiben abgesagt, Clubs geschlossen. Kann die Kreativ- und Kulturszene die Krise trotzdem überstehen?

Sabrina Apitz und Melanie Seifart
  • Die Kultur- und Kreativbranche leidet besonders stark unter der Krise
  • Hinter Künstler*innen stehen keine Konzerne, das Finanzpolster ist meist dünn
  • Doch es gibt eine Reihe bewährter Tipps und Hilfsangebote für Kreative

5,016 responses

Die Covid-19-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen stellen die Kultur- und Kreativbranche vor enorme Herausforderungen. Für viele Akteure ist ungewiss, wie sie die nächsten Wochen und Monate finanziell überbrücken können – auch da einige Finanzierungstöpfe bereits ausgeschöpft sind. Wir von Kreativ Kultur Berlin, dem Beratungszentrum der landeseigenen Gesellschaft Kulturprojekte Berlin GmbH, stehen Berliner Künstler*innen und Kreativen in dieser Zeit mit kostenfreien Einzelberatungen zur Seite und geben in Webinaren und Workshops Überblick über aktuelle Unterstützungsmaßnahmen. An dieser Stelle geben wir zehn praktische Tipps für Kultur- und Kreativschaffende.

1. Die laufenden betrieblichen Kosten über Soforthilfen decken

Die Deckung laufender Betriebskosten, zum Beispiel die Miete eines Veranstaltungsraums, laufende Kredite oder Leasingverträge, können über die Corona-Soforthilfe des Bundes oder länderspezifische Soforthilfen beantragt werden.

2. Gehälter für Beschäftigte über Kurzarbeitergeld sichern

Unternehmen, die mindestens einen Arbeitnehmer oder eine Arbeitnehmerin beschäftigen, haben über die Bundesagentur für Arbeit die Möglichkeit, Kurzarbeitergeld rückwirkend ab dem 1. März zu beantragen – bis zu 80 Prozent des ausgefallenen Nettolohns werden nun übernommen (mit Kind bis zu 87 Prozent). Allerdings gibt es das Kurzarbeitergeld nicht für geringfügig Beschäftigte, Auszubildende oder WerkstudentInnen!

3. Kredite nur für Kreditwürdige

Die Kreditinstrumente der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) können Unternehmen und FreiberuflerInnen mit der notwendigen Liquidität versorgen, wenn sie aufgrund der Auswirkungen des Coronavirus in Liquiditätsschwierigkeiten geraten sind. Generell eignen sich Kredithilfen für UnternehmerInnen, die kreditwürdig sind. Art und Höhe der Sicherheiten vereinbaren Sie dabei jeweils mit Ihrer Bank. Jede Bank entscheidet nach eigenem Ermessen, ob sie Ihren Antrag unterstützt. Sie kommen für die meisten soloselbstständigen KünstlerInnen oder MusikerInnen aber nicht infrage und eignen sich auch nur für wenige kleinteilige Kreativunternehmen. Wenn Sie Kredite aufnehmen, stellen Sie sicher, dass Sie sie auch zurückzahlen können.

Die KfW steht für Fragen zur KfW-Coronahilfe zur Verfügung. Um seine Kreditwürdigkeit und andere unternehmensbezogene Fragen zu klären, besteht auch die Möglichkeit, einen Antrag auf Unterstützung durch eine Unternehmensberatung in Anspruch zu nehmen: Förderberechtigt sind hier auch kleine und mittlere Unternehmen sowie FreiberuflerInnen.

4. Auf der einen Seite Hilfen erhalten, auf der anderen: Kosten reduzieren

Bestehen durch die Auswirkungen des Coronavirus Zahlungsschwierigkeiten, reichen Sie Anträge zur Stundung oder Reduzierung der Kosten ein. Darunter fallen Steuerstundungen bei Ihrem zuständigen Finanzamt (Einkommen-, Umsatz-, Körperschaftsteuer) sowie die Stundung oder Ratenzahlung der Beiträge zur Künstlersozialkasse oder anderen Krankenkassen. Die Miete für ein Atelier oder Studio sollten Sie unbedingt über die Soforthilfe II des Bundes decken (siehe Punkt 1).

5. Aktuell gefördertes Projekt? Den Dialog mit den Förderern suchen

Bei einem vorzeitigen Abbruch von geförderten Kulturprojekten und Veranstaltungen prüfen die meisten Förderer jeweils im Einzelfall, ob auf die Rückforderung bereits verausgabter Fördermittel verzichtet werden kann. Am besten nehmen Sie direkt Kontakt mit den Förderern auf.

6. Augen offen halten: Es tauchen immer wieder neue Förderprogramme auf

Einige Förderer prüfen aktuell, ob sie ihre Mittel umwidmen und bestehende Förderprogramme so anpassen können, dass die Maßnahmen sowohl Kultureinrichtungen als auch in Not geratenen Einzelpersonen zugutekommen, so zum Beispiel Close Distance: Seeking New Cultural Formats der Prohelvetia Stiftung oder auch das Programm Rapid Response For A Better Digital Future von Eyebeam.

7. Auftrag abgesagt? So gehen Sie strategisch vor

Ob vonseiten des/der AuftraggeberIn ein Ausfallhonorar zu erwarten ist, hängt von den individuellen Vertragsbedingungen ab. Übrigens: Auch mündlich oder per SMS/WhatsApp geschlossene Vereinbarungen sind wirksam. Folgende Punkte sollten geprüft oder/und umgesetzt werden:

  • Sofern in einem Projekt bereits Teilleistungen erbracht wurden, besteht zumindest anteilig Anspruch auf das Honorar.
  • Können Sie die Erledigung des Auftrags verschieben und dabei schon jetzt um eine Teilzahlung bitten?
  • Vereinbaren Sie einen Ersatzauftrag für die Zeit nach der Krise.
  • Dokumentieren Sie Absagen ausführlich, um für einen Antrag auf Unterstützung wegen einer Notlage genügend Nachweise zu haben.
  • Achten Sie beim Abschluss von neuen Verträgen unbedingt darauf, dass es Regelungen über Ausfallhonorare gibt.

8. Sich weiterentwickeln

Nutzen Sie die auftragsfreie Zeit für die Entwicklung und das Marketing neuer Ideen oder für die Erledigung aufgeschobener Arbeiten. Sollten Sie sich für eine Weiterbildung entscheiden, könnten Sie diese auch durch die Bildungsprämie fördern lassen. Zudem bieten viele Bundesländer eigene Förderprogramme zum Thema Weiterbildung an.

9. Vertretung auf professioneller Ebene suchen

Jetzt ist die Zeit, mit entsprechenden Branchenvertretungen in Kontakt zu treten. Viele Verbände, Gewerkschaften und Initiativen bieten auf kulturpolitischer Ebene eine Vertretung an. Sie analysieren die Situation und kämpfen um unkomplizierte Soforthilfen – die Ihnen unter Umständen auch längerfristig über die nächsten Monate hinweghelfen können.

10. Thinking outside the Box

Ob Digitales Wochenende der Museen, Online-Residencies, virtuelle Ausstellungsräume oder auch bemalte Balkone – vieles ist derzeit möglich. Ein kluger Kopf hat einmal gesagt: „Never waste a good crisis!“ Nutzen Sie die Krise, überdenken Sie Gewohntes, wagen Sie Neues.


Liebe XING Nutzerinnen und Nutzer,

aufgrund der Coronakrise und der damit verbundenen oft unübersichtlichen Faktenlage kommt es im Kommentarbereich derzeit gelegentlich zur Verbreitung von Falschinformationen. Um dem entgegenzuwirken, behalten wir uns das Recht vor, Kommentare, die Links zu weiterführenden Websites enthalten oder falsche Tatsachenbehauptungen aufstellen, ohne Stellungnahme zu löschen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Posted:

Sabrina Apitz und Melanie Seifart
© Sabrina Apitz und Jens Thomas
Sabrina Apitz und Melanie Seifart

Beraterinnen für Kulturförderung und Kreativwirtschaft

Sabrina Apitz und Melanie Seifart arbeiten für Kreativ Kultur Berlin, das Berliner Beratungszentrum für Kulturförderung und Kreativwirtschaft der Kulturprojekte Berlin GmbH. Apitz verantwortet das Beratungsangebot des Kulturförderpunkts Berlin für Kunst- und Kulturschaffende. Seifart verantwortet das Beratungsangebot der Kreativwirtschaftsberatung Berlin, Anlaufstelle für Selbständige der Berliner Kreativwirtschaft.

Show more

Get a free XING profile and read regular "Klartext" articles.

As a XING member you'll be part of a community of over 18 million business professionals in German-speaking countries alone. You'll also be provided with a free profile along with access to interesting news, jobs, groups and events.

Learn more