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Wie viel Empathie tut uns im Berufsleben gut?

Anteilnahme und Einfühlsamkeit gelten als Erfolgsfaktoren für die Karriere. Unzählige Studien belegen die Vorteile des Mitgefühls – doch mehren sich auch kritischere Sichtweisen.

Prof. Dr. Myriam Bechtoldt
  • Mitfühlende Menschen verdienen weniger Geld, weil sie weniger einfordern
  • Empathie droht ins Mitleid zu kippen, wenn es dem Gegenüber schlecht geht
  • Emotionale Intelligenz wird im Hinblick auf Erfolg im Job häufig überschätzt

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Lange Zeit fristete sie ein Nischendasein – in der Wissenschaft, vor allem aber auch in der Wirtschaft. Empathie galt als ein zu vernachlässigender Faktor in der Arbeitswelt, entscheidender waren Führungsstärke und Durchsetzungsfähigkeit. Mitte der 90er-Jahre erst, als Daniel Goleman seinen Bestseller „Emotional Intelligence“ veröffentlichte, wurde die Öffentlichkeit auf die Bedeutung der Fähigkeit, sich in sein Gegenüber hineinfühlen zu können, aufmerksam. Seitdem gilt das Credo: Wer besonders empathisch ist, kann ein besserer und damit auch erfolgreicherer Kollege oder Chef sein.

Was allerdings auch wahr ist: Empathie zahlt sich nicht immer aus, und zwar wortwörtlich in finanzieller Hinsicht. So gibt es Hinweise darauf, dass von Natur aus kooperative Personen, die häufig auch empathisch sind, zwar einerseits bei ihren Kollegen und Vorgesetzten äußerst beliebt sind; andererseits verdienen sie weniger als Menschen mit einer weniger mitfühlenden Persönlichkeitsstruktur, weil sie weniger für sich selbst einfordern.

Es müssen Lösungen aufgezeigt werden

Zudem droht Empathie ins Mitleid zu kippen, wenn es dem Gegenüber schlecht geht – und das hilft niemandem. In einer Studie habe ich die Zufriedenheit von Patienten mit Psychotherapeuten untersucht. Am wenigsten zufrieden waren die Patienten mit denjenigen Therapeuten, die sich selbst als sehr empathisch beschrieben. Nach Meinung der Patienten halfen diese Therapeuten ihnen nicht bei der Bewältigung ihrer Probleme.

Überträgt man diese Erkenntnisse auf die berufliche Beziehung zwischen Führungskraft und Arbeitnehmer, resultiert daraus: Kein Mitarbeiter möchte Mitleid von seinem Chef, sondern professionelle Unterstützung. Natürlich erwartet man ein grundsätzliches Verständnis für die eigene Situation – empfängt man jedoch nicht mehr als Mitleidsbekundungen, überwiegt die Enttäuschung darüber, dass keine Lösung aufgezeigt wurde.

Empathie erschwert Entscheidungen

Ein weiterer Nachteil, unter dem sehr empathische Menschen leiden können: Sie fühlen sich schneller überfordert und gestresst. Wer als Führungskraft permanent damit beschäftigt ist, in die Gefühlszustände anderer einzutauchen, stößt bald an seine Grenzen und erschwert sich eigene Entscheidungen. Insbesondere Vorstände großer Konzerne müssen auch Beschlüsse fassen, die ihrem Mitgefühl mit anderen konträr entgegenstehen. Allerdings ist auch zutreffend, dass je höher die Position, desto geringer die Empathie: Das Erleben von Macht mindert das Mitgefühl gegenüber Personen, die in der Hierarchie weiter unten angeordnet sind.

Insgesamt wird die Bedeutung emotionaler Aspekte für Erfolg im Job im Vergleich zu anderen Qualitäten häufig überschätzt. Natürlich ist es für Führungskräfte enorm wichtig, Gefühle und Stimmungen wahrzunehmen. Dennoch sind Faktoren wie klassische Intelligenz und Fachwissen auch heute noch wichtiger für das berufliche Fortkommen – emotionale Intelligenz wird insgesamt zu hoch gehandelt.

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Prof. Dr. Myriam Bechtoldt
© Frankfurt School
Prof. Dr. Myriam Bechtoldt

Organisationspsychologin, Frankfurt School of Finance & Management

Prof. Dr. Myriam Bechtoldt lehrt im Bereich Organizational Behavior an der Frankfurt School of Finance & Management. Nach ihrer Promotion war sie Assistant Professor an der Universiteit van Amsterdam und Gastwissenschaftlerin an der Sungkyunkwan University in Seoul. Sie habilitierte 2011 an der Goethe-Universität Frankfurt. Ihre Forschungsinteressen beziehen sich auf Emotionen am Arbeitsplatz, insbesondere auf emotionale Intelligenz und Emotionsarbeit im Dienstleistungsbereich.

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