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Internationaler Tag der Honigbiene: Müssen sie aus Profitgier sterben?

Am Samstag, den 18. August, ist internationaler Tag der Honigbiene. Trotz aller Bemühungen verlieren Imker jedes Jahr ganze Bienenvölker. Ist es der Mensch selbst, der die Biene tötet?

Der größte Feind der Honigbienen ist die Imkerei selbst

Torben Schiffer

wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Würzburg

Torben Schiffer
  • Viele Imker glauben, die größte Bedrohung ihrer Bienen ist die Varroamilbe
  • Die Milbe wird jedoch erst zur Gefahr, wenn Bienen ohnehin geschwächt sind
  • Würden die Tiere artgerecht gehalten, könnten wir Entwarnung geben

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Die größte Bedrohung der Honigbiene, so heißt es, ist die sogenannte Varroamilbe. Dabei ist es maßgeblich die nicht artgerechte Haltung und Behandlung durch uns Imker, die die Milben gefährlich macht. Auslöser dafür ist auch unser Hunger nach Honig.

Es stimmt: Die blutsaugenden Milben schwächen die Bienen nicht nur, sie infizieren sie auch mit Krankheiten. Jedes Jahr beklagen Imker Völkerverluste von teilweise mehr als einem Drittel ihres Völkerbestands – obwohl sie ihre Bienen aufwendig mit Ameisensäure behandelt haben. Immer wieder ist deshalb vom Bienensterben die Rede. Und nichts scheint zu helfen – auch die Säurebehandlung schützt längst nicht mehr vor großen Verlusten. Dennoch wird immer weiter gesprüht. Nach dem Motto: Viel hilft viel. Die Bienen sterben trotzdem.

Niemand kommt auf die Idee, dass die eingesetzten Mittel ein Teil des Problems sind. Doch dieses Problem fängt bereits viel früher an: bei der Haltung der Bienen. Ich kenne viele Imker, die sich dieses Hobby aus idealistischen Gründen ausgesucht haben. Sie wollten den Bienen dabei helfen, zu überleben. Doch häufig erreichen sie das Gegenteil. In ihrer Ausbildung lernen Imker, wie sie so viel Honig wie möglich produzieren, aber nicht, wie sie Bienen artgerecht halten. Beides hat nichts miteinander zu tun. Wir halten Bienen heute als reine Melkkühe. Und genau das wird unseren Honigbienen zum Verhängnis – nicht die Varroamilbe. Ich erkläre Ihnen, wieso.

Wir nehmen der Biene das Einzige, was sie gesund macht

Das erste Problem ist die Behausung der Bienen. Unsere Honigbienen leben in Kästen aus Styropor – oder in Holzkästen ohne Isolierung, meist werden Gitterböden verwendet. Die Bienen müssen, um den Winter überleben zu können, Wärme produzieren. Sie verbrauchen dabei nicht nur extrem viel Energie, sondern sie schwitzen und atmen Wasser aus. Die Luftfeuchtigkeit in dem Bienenstock steigt. In den kalten Ecken der Kästen beginnt es, auf den Waben zu schimmeln. Sobald der Schimmel dort zu sehen ist, ist er auch auf jeder anderen Wabe nachweisbar. Die Bienen öffnen diese mit ihren Mundwerkzeugen und infizieren sich. Das Einzige, das ihnen bei einer solchen Infektion helfen könnte, ist der Honig. Denn er wirkt nahrhaft, antibakteriell und antimykotisch, also auch bei Pilzerkrankungen. Doch den nehmen wir den Bienen weg und ersetzen ihn durch Zuckerwasser. Honig enthält Vitamine, Proteine, Aminosäuren und Mineralstoffe – genau die Baustoffe, die für die Zellerneuerung notwendig wären. Zuckerwasser enthält nichts davon. Auf diese Weise verhindern wir, dass die Bienen gesunden können.

Zusätzlich wirken die vom Schimmel gebildeten Toxine immunsupressiv, das heißt, sie unterdrücken eine Reaktion des Immunsystems. Beißt die Varroamilbe die Bienen nun, überträgt sie Viren und Bakterien auf die geschwächte Biene. Zur Bekämpfung setzen Imker auch organische Säuren ein, zum Beispiel die Ameisensäure. Sie schädigt aber nicht nur die Varroamilbe, sondern auch jede einzelne Biene. Wenn die Bienenvölker dann sterben, wird stets der Milbe die Schuld zugewiesen, meist hat sie jedoch wenig damit zu tun.

Der Großteil der Milben könnte beim Schwärmen davongetragen werden

Das massenhafte Auftreten der Varroamilbe wird vor allem von der Honigwirtschaft, also vom Imker selbst, verursacht. Bei wild lebenden Honigbienen, die in Baumhöhlen leben, wird die Milbenpopulation durch natürliche Prozesse in Schach gehalten. Das Brutfeld ist aufgrund des begrenzten Raums meist viel kleiner als in menschlichen Beuten, sodass die Milben gar nicht so viele Nachkommen erzeugen können. Zudem wird ein Großteil der Milbenpopulation durch die jährlichen Schwärme mit hinausgetragen. Durch die nach dem Schwarm stattfindende Brutpause gestalten sich die Milben physiologisch um und werden zunächst unfruchtbar. Diese Unfruchtbarkeit wirkt auch noch etwa zwei Generationen über die Brutpause hinaus. In dieser Zeit vermindert sich die Milbenpopulation auf natürliche Art um etwa 1 Prozent pro Tag. Nach der etwa achtwöchigen Reproduktionspause haben die Varroamilben in der Regel nicht genügend Zeit, um eine Populationsgröße zu erreichen, die den Bienen gefährlich werden und zum Tod führen kann.

Die natürliche Isolierung der Baumhöhlen verhindern zudem, dass sich Wabenschimmel bildet. Um die Bienen herum entwickelt sich ein ganzes Ökosystem mit Hunderten von Insekten, Mikroorganismen und Milben – ja, auch der Varroamilbe. In der Imkerei wird dieses Ökosystem systematisch verhindert, indem man die Stöcke desinfiziert und Bienengemüll hinausfegt. Zu diesem stabilisierenden Ökosystem gehören auch die „Putzertiere“ der Bienen, die Bücherskorpione, welche ebenfalls die Varroamilben jagen und fressen. Weltweit sind diese ameisengroßen Pseudoskorpione in wild lebenden Bienenvölkern zu finden. Sie bekämpfen Bienenschädlinge und fressen sie. Leider haben wir durch die regelmäßig eingesetzten Chemikalien und die modernen, zu feuchten Stöcke die gesamte Mikrofauna mitsamt der Bücherskorpione flächendeckend ausgelöscht, ohne, dass etablierte Bienenforschungsinstitute oder Imker selbst überhaupt Notiz davon genommen haben. Als ich im Jahre 2006 meine Forschungen zum Bücherskorpion begann, waren die Tierchen bereits seit Jahrzehnten in Vergessenheit geraten. Aber nicht nur die Mikrofauna bekämpft die Varroamilben auch die Bienen selbst sind dazu durchaus in der Lage.

In meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Würzburg habe ich wild lebende Bienen untersucht. Der Milbenbefall war deutlich höher. Es fanden sich deutlich mehr tote Milben im Gemüll als in der Imkerei. Doch zeigten diese Milben Bissspuren. Sie wurden von den Bienen totgebissen. Es ist also möglich: Bienen sind resistent. Sie können sich gegen ihre Schädlinge wehren. Allerdings benötigen sie dafür naturorientierte Haltungsformen.

Nur ein Umdenken der Imker kann die Biene retten

Wollen Imker etwas für ihre Bienen tun, müssen sie vom Nutztierbesitzer zum Halter werden. Bienen können überleben. Der erste Schritt ist, sie in eine isolierte, der Baumhöhle ähnlichen Behausung umzusiedeln. Der zweite Schritt liegt darin, ihnen nicht ihre wertvolle Nahrung zu klauen. Verzichtet man auf die Massenproduktion von Honig, kann man die Bienen zudem wieder schwärmen lassen. Um viel Honig zu produzieren, benötigen Imker einen großen Stock. Durch das Schwärmen formiert sich ein Bienenvolk jedoch zu mehreren kleineren Tochtervölkern. Zugunsten des Honigertrags versuchen Imker, das zu unterbinden.

Wenn wir alle umdenken, wenn Imker zu Bienenhaltern werden, wenn die Bienengesundheit und nicht der Honigertrag im Fokus stehen, können Bienen überleben. Wir können problemlos ohne oder mit sehr viel weniger Honig (über-)leben, ohne die Bestäubungsleistung der Bienen wäre jedoch unser gesamtes Ökosystem in Gefahr. Nur mit den Honigbienen haben wir auch Bestäuber, die unsere Nahrung sichern können.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Sind Sie selbst Imker oder kennen Sie jemanden der selbst imkert? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?


The biggest enemy of honey bees is beekeeping itself

Torben Schiffer Research Assistant, University of Würzburg

  • Many beekeepers believe the biggest threat to their bees is the Varroa mite
  • The mite, however, only becomes a danger if bees are already weak
  • If the bees were kept in an appropriate manner, we could give the all-clear

People say the biggest threat to the honeybee is the so-called Varroa mite. However, what actually makes the mite dangerous is the fact that we, the beekeepers, are failing to provide our bees with the right husbandry. And this is due to our appetite for honey.

It’s true that the blood-sucking Varroa mites not only weaken the bees, they also infect them with diseases. Every year, beekeepers sometimes lose more than a third of their colony, despite going to great lengths to treat them with formic acid. We often hear that the bees are dying out and all our countermeasures are in vain. We beekeepers continue to treat bees with formic acid, even though it’s no longer helping. We seem to be thinking along the lines of ‘the more the merrier’, which is a problem because the bees are still dying anyway.

It doesn’t seem to occur to anyone that the means used to prevent the bees from dying are a part of the problem. The root cause of the problem, however, is the way bees are kept. I know a lot of beekeepers who chose this hobby for idealistic reasons. Their aim was to help the bees survive, but they’re actually often having the opposite effect. During their training, beekeepers learn how to produce as much honey as possible, they’re not taught anything about natural bee husbandry. These two objectives are a world apart. Nowadays, we keep honey bees much like we house milking cows. And this is what’s causing the bees to die out, not the Varroa mite. Let me explain.

We take from the bees the very thing that ensures their health

The first problem are the hives where we keep the bees. Our honeybees live in boxes made of polystyrene - or in wooden boxes without any insulation, often with open mesh floors. The bees have to produce heat to survive the winter. Not only do they expend extreme amounts of energy in doing so, they also sweat and exhale water. The humidity in the hive rises, which leads to the formation of mould on the honeycomb in colder areas of the boxes. Once mould is present it can spread throughout the entire comb structure. The bees open sealed honeycomb cells with their mandibles and become infected. The only thing that could help them with such an infection is the honey because it’s not only nutritious, but also antibacterial and antifungal, making it a good remedy for fungal infections. But we take the honey away from the bees and replace it with sugar water. However, honey contains vitamins, proteins, amino acids and minerals, which the bees need for cell renewal. Sugar water contains none of these substances, so we’re essentially preventing the bees from being able to recover from disease.

In addition, the toxins produced by the mould are immunosuppressive. When a Varroa mite bites a bee, it transmits viruses and bacteria to the weakened bee. Beekeepers also use organic acids such as formic acid to combat Varroa mites, but this also hurts the bee. If a bee colony dies, people always blame the Varroa mite, but it’s seldom the cause of the colony dying out.

Most of the mites could be eradicated by swarming

The mass appearance of the Varroa mite is mainly attributable to the honey industry, i.e. the beekeepers. Honeybees living in tree hollows keep the mite population in check by way of natural processes. The breeding area is usually a lot smaller than in man-made hives due to the limited amount of space, meaning that the mites can’t produce as many offspring. In addition, the majority of the mite population is carried along by the annual swarms. Due to the brood break after swarming, the mites undergo physiological transformation and become infertile. This infertility affects up to two generations beyond the break. During this time, the mite population naturally decreases by about 1 per cent per day. Following the reproduction break, which lasts for around eight weeks, the Varroa mites are generally unable to reach populations that could put the bees at risk or lead to the collapse of colonies.

Furthermore, in a tree cavity the formation of mould on the honeycomb is prevented by the tree’s natural insulation. And the bee’s colony is surrounded by an entire ecosystem of hundreds of insects, microorganisms and mites, including Varroa mites. Beekeeping systematically prevents this ecosystem by disinfecting the hives and sweeping out the bees’ natural debris. Another aspect of this stabilising ecosystem are the “cleansing animals” of the bees, the house pesudoscorpions which also hunt and eat the Varroa mite. These ant-sized pseudoscorpions are found in wild bee colonies all over the world where they fight bee pests and eat them. Unfortunately, due to our regular use of chemicals in beekeeping, and the widespread adoption of totally unsuitable damp hives, we have effectively wiped out the entire microfauna along with the house pseudoscorpions, and this can be said for most of the beekeeping practised in the world today! The fact that neither established bee research institutes nor beekeepers have taken much note of these extraordinary facts beggars belief. When I began my research on house pseudoscorpions in 2006, they’d already been long forgotten about for decades. It’s not just the microfauna that combat Varroa mites, the bees are also perfectly capable of doing it themselves.

My work as a research assistant at the University of Würzburg involves examining wild bees. Mite infestations were significantly higher, yet there were far more dead mites in the hive debris than in the beekeeper hives. Upon closer inspection, the mites had bite marks and it turned out they had been bitten to death by the bees. This shows that the bees are resistant and in fact able to combat the mites. However, to do this they need us to adopt forms of bee husbandry that suit their natural habitat.

Only a fundamental “rethink” by beekeepers can save the bees

If beekeepers want to do something for their bees, they need to become guardians as opposed to owners. Bees can survive. The first step is to relocate them to isolated dwellings similar to a tree cavity. The second step is not to steal their valuable food. Foregoing the mass production of honey will enable the bees to swarm again. To produce a lot of honey, beekeepers need big hives. Swarming a bee colony will divide it into several smaller colonies, so beekeepers try to prevent this because they fear they’ll harvest less honey as a result.

If we all change our way of thinking, if beekeepers become bee guardians, if we learn to attach more importance to the health of the bees rather than the honey yield, our bees will survive. We can live with less or no honey, but the bees can’t. We need bees for pollination, otherwise our entire ecosystem, indeed our own survival, is at risk. Let’s start by giving them what they need.

Veröffentlicht:

Torben Schiffer
© Torben Schiffer
Torben Schiffer

wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Würzburg

Der Biologe arbeitet seit 2016 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Team Hobos an der Universität Würzburg. In den „Honey Bee Online Studies“ (Hobos) untersucht Torben Schiffer die klimatischen Unterschiede von Baumhöhlen und Beuten und deren Folgen auf die Bienengesundheit. Derzeit bereitet er sich auf die Promotion zum Thema Pseudoskorpione als Symbiont der Bienen vor. Schiffer setzt sich für eine artgerechte Haltung der Bienen ein und veröffentlicht regelmäßig Forschungsergebnisse zu diesem Thema.

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