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Wirtschaftswunder China – Sind wir zu naiv gewesen?

Für China galt sehr lange nur „höher, schneller, weiter“. Doch auf einmal lahmt die Konjunktur; die Nervosität bei Exporteuren und Anlegern steigt. Was können wir von China künftig noch erwarten?

Der Wirtschaftsriese wackelt

Dr. Sandra Heep

Programmleiterin, Mercator Institute for China Studies

Dr. Sandra Heep
  • China durchläuft keine konjunkturelle, sondern eine strukturelle Krise
  • Reformen treffen auf großen politischen Widerstand
  • China wird über Jahre hinweg ein unbeständiger wirtschaftlicher Partner sein

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Der Motor der Weltwirtschaft ist ins Stottern geraten. Dass sich Chinas Wachstum verlangsamt, ist zwar nicht überraschend, trifft seine engsten wirtschaftlichen Partner deshalb aber nicht weniger schmerzlich. Chinas sinkende Nachfrage erschüttert nicht nur die wirtschaftlichen Grundlagen von Rohstoffexporteuren wie Australien, Brasilien und Angola. Auch die deutsche Automobilindustrie und der Maschinenbau bekommen Chinas Wachstumseinbruch empfindlich zu spüren.

Das bisherige Wachstumsmodell hat ausgedient

Wer dabei auf eine baldige Trendwende setzt, ist auf dem Holzweg. Denn China durchläuft keine konjunkturelle, sondern eine strukturelle Krise. Das bisherige Wachstumsmodell ist an seine Grenzen gestoßen: Exzessive Investitionen haben zu hoher Verschuldung und Überkapazitäten geführt. Gleichzeitig schwächen steigende Löhne die Konkurrenzfähigkeit des Exportsektors. Die Fundamente für ein neues Modell, das den Binnenkonsum, den Dienstleistungssektor und die Innovationsfähigkeit von Unternehmen stärkt, sind aber noch lange nicht gelegt.

Zwar verfügt China nach wie vor über großes Wachstumspotenzial. Doch das kann nur freigesetzt werden, wenn die Kommunistische Partei den Mut für die tief greifenden Strukturreformen aufbringt, die sie vor zwei Jahren in Aussicht gestellt hat. Ringt sie sich dazu durch, das Finanzsystem zu entpolitisieren, mehr Raum für Privatunternehmen zuzulassen und die Weichen für ein kreativitätsförderndes Bildungssystem zu schaffen, wird das der Wirtschaft neuen Schwung verleihen. Allerdings stoßen derlei Reformen auf erheblichen politischen Widerstand, da sie unweigerlich mit einer Einschränkung der Macht der Kommunistischen Partei über Wirtschaft und Gesellschaft einhergingen.

Die deutsche Wirtschaft sollte sich der Wahrheit stellen

Doch der Übergang zu einem neuen Wachstumsmodell wird die Partei auch unabhängig von ihrem Reformwillen vor große Herausforderungen stellen, da sich ein weiterer Wachstumseinbruch zumindest vorübergehend nur schwerlich verhindern lassen wird. Der damit verbundene Anstieg der Arbeitslosigkeit wäre aber nicht nur wirtschaftlich problematisch, sondern auch politisch brisant. Denn er würde die Legitimität des Regimes gefährden, die seit Jahrzehnten vor allem darauf beruht, dass die Partei für einen wachsenden Wohlstand der Bevölkerung sorgt. Und so besteht das Risiko, dass sich die Regierung immer wieder zu Stimulusmaßnahmen hinreißen lässt, um die wirtschaftlichen Probleme kurzfristig zu lindern und so politische Verwerfungen zu verhindern. Strukturreformen würden damit in immer weitere Ferne rücken, und Chinas Wirtschaft liefe Gefahr, nach japanischem Vorbild in eine lange Phase der Stagnation abzurutschen.

Zwar ist nicht ausgeschlossen, dass es der Regierung aller Hindernisse zum Trotz gelingen wird, China in eine moderne Volkswirtschaft zu verwandeln. Doch ist völlig klar, dass der Reformprozess nicht geradlinig verlaufen, sondern vielmehr durch Verzögerungen, Widersprüche und Rückschläge gekennzeichnet sein wird. China wird daher über Jahre hinweg ein wackliger wirtschaftlicher Partner bleiben. Die deutsche Wirtschaft sollte davor nicht länger die Augen verschließen.

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Dr. Sandra Heep
© MERICS
Dr. Sandra Heep

Programmleiterin, Mercator Institute for China Studies

Dr. Sandra Heep (Jg. 1979) leitet das Programm „Wirtschaftspolitik und Finanzsystem“ am Mercator Institute for China Studies in Berlin. Zuvor lehrte und forschte sie am Institut für Sinologie der Universität Freiburg. An der Universität Trier promovierte sie über Chinas Rolle in der globalen Finanzarchitektur. Während der Promotion war sie Gastwissenschaftlerin an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Beijing. Ihre Forschungsschwer-punkte sind wirtschaftliche Reformen und Haushaltspolitik.

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