Wirtschaft in Gefahr: Was Corona für unsere Unternehmen bedeutet

Händler sperren ihre Läden zu, Messen werden abgesagt, Hotels müssen schließen, Selbstständige verlieren Aufträge – die Epidemie trifft die Unternehmer mit voller Wucht. Wie überstehen sie die Krise?

Sechs Ratschläge, was Selbstständige jetzt machen sollten

Catharina Bruns
  • Die Ausweitung des Hilfspakets der Regierung ist richtig und notwendig
  • Trotzdem können wir uns als Selbstständige nicht nur auf den Staat verlassen
  • Jetzt heißt es: keine Panik, sondern mehr Unternehmertum

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Viele Selbstständige, Freiberufler/innen und alle, die anders arbeiten als die angestellte Norm es vorsieht, stehen derzeit vor besonders großen Herausforderungen. Das Land ist im Shutdown – die angeordnete Zwangspause bereitet vielen große existenzielle Sorgen.

Dass die Bundesregierung das umfassende Maßnahmenpaket vom 13. März noch einmal aufgestockt hat, war notwendig. Für das „Rettungspaket“ werden riesige Summen bewegt. Doch viele fühlen sich nicht gerettet, sondern mit dem Chaos der Mittelvergabe überfordert. Denn im Einzelfall wird es schnell kompliziert. Immerhin wurde erkannt, dass Erleichterung der Kurzarbeit und ein Kreditprogramm besonders Selbstständigen ohne Angestellte nicht besonders weiterhilft.

Die rasche Reaktion macht zuversichtlich, dass die Politik unsere Situation sieht – aber versteht sie unsere Lebensrealität?

Mit den jetzt geplanten Zuschüssen soll zügig sichergestellt werden, dass laufende Betriebsausgaben weiter bezahlt werden können. Unklar scheint, ob Selbstständige, die kaum laufende Betriebsausgaben haben, aber durch die enormen Ausfälle ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr decken können, in allen Bundesländern auch antragsberechtigt sind. Nicht ohne Grund wurde wohl auch der leichtere Zugang zur Grundsicherung beschlossen. Für einen festgelegten Zeitraum wird hier auf die Vermögensprüfung verzichtet. Aus Sicht der Bundesregierung ist damit allen geholfen. Tatsächlich offenbart das Chaos vieler Länder in der Frage der Förderfähigkeit das fehlende Verständnis für selbstständige Arbeitsmodelle, insbesondere in der Wissensgesellschaft.

Für uns Selbstständige geht es jetzt um Liquidität. Nicht nur für Betriebsausgaben, sondern auch, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Herabsetzen der laufenden Steuervorauszahlung und Stundung fälliger Steuerzahlungen kann nur der erste wichtiger Hebel sein, um Liquidität zu erhalten. Der Gesetzgeber ist aus meiner Sicht außerdem gefragt, jetzt die Mindestbemessungsgrenze zur Beitragsermittlung für Selbstständige in der gesetzlichen Krankenkasse zu reduzieren, und zwar auf die Geringfügigkeitsgrenze von 450 Euro. Und auch das Aussetzen von anderen Pflichtbeiträgen, wie etwa den Beitrag der IHK oder berufsständischen Kammern, wären denkbare Maßnahmen. Grundsätzlich muss über die Öffnung der freiwilligen Arbeitslosenversicherung mit fairen Beiträgen für Selbstständige nachgedacht werden.

Verlasst euch nicht auf den Staat

Wir Selbstständigen rufen nicht oft nach dem Staat. Unternehmerisches Risiko gehört zu unserem Lebensentwurf dazu. Das ist uns auch im Normalbetrieb immer bewusst. Wir wählen diesen Weg, weil wir selbstbestimmt und frei arbeiten wollen  –  mit allen Unsicherheiten und Herausforderungen.

Diese Krise ist nicht selbstverschuldet. Trotzdem müssen und können wir uns auch selbst helfen.

Was können wir selbst tun? Sechs Ratschläge an Selbstständige

Mein erster Rat an alle Selbstständigen: Bitte bleibt pragmatisch. Angst ist bekanntlich kein guter Ratgeber, und nur nach Rettung zu rufen, ohne kreativ zu werden, ist kein Indiz für unternehmerisches Denken und Handeln. Entrepreneurship heißt auch, mehr aus dem zu machen, was man hat, und das ist viel!

  • Stellt, was ihr könnt, online zur Verfügung: Schafft ein neues Angebot, gebt euer Fachwissen weiter, lasst euch dafür via Paypal oder Patreon bezahlen, seid online präsent oder bietet vorübergehend andere Services an, die ihr sonst vielleicht ausgelassen habt und die jetzt anderen helfen würden. Verkauft über Instagram, Facebook etc.
  • Seid umtriebig und resigniert nicht. Aus Krisen schlägt man kein Kapital, aber wenn man zur Beruhigung der Lage etwas beitragen kann, sollte man helfen, wo man kann. Auch wenn man nicht unmittelbar dafür bezahlt wird, ergeben sich neue Ideen und zukünftige Geschäftsbeziehungen.
  • Solidarisiert euch mit eurem Netzwerk: Wo kann man sich jetzt gegenseitig unterstützen? Welche Dienste und Services über Social-Media-Kanäle teilen?
  • Kümmert euch aktiv um fällige Einnahmen: Stellt eure (Teil-)Rechnungen jetzt, bittet eure Kund/innen um rasche Begleichung. Viele werden derzeit dafür Verständnis haben.
  • Prüft bei den eigenen Ausgaben, was man zurückstellen, sparen oder stunden kann.
  • Für alle, die über die Künstlersozialkasse versichert sind: Es besteht zu jeder Zeit die Möglichkeit zur Anpassung des geschätzten Jahresarbeitseinkommens. Dies funktioniert allerdings nur für zukünftige und gilt nicht für bereits gezahlte Beiträge. Hier geht’s zum Formular.

Wenn das alles nicht infrage kommt

Nutzt die Zeit, um euer Geschäftskonzept zu schärfen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unternehmerisch zu denken und etwas aus der Situation zu machen. Besonders wenn man solo arbeitet, kann man sich auch ohne großen Kapitalaufwand in neue Richtungen weiterentwickeln.

  • Schärft euer Geschäftskonzept, macht euch mit Prinzipien des Entrepreneurships vertraut.
  • Macht eure Website fit und optimiert sie auf Sichtbarkeit und Verkauf.
  • Akquiriert aktiv neue Kooperationspartner und bündelt, wo möglich, Kräfte.
  • Vernetzt euch in Onlinegruppen und über Social-Media-Kanäle, aber meidet negative Foren und Pöbler/innen. Sucht die Nähe zu potenziellen Kund/innen und Partnern.

Ob selbstständig oder nicht

  • Unterstützt die Selbstständigen, bei denen ihr ohnehin Kunden seid, und schaut, ob ihr euren Bedarf nicht auch über kleine Label und selbstständige Anbieter stillen könnt: Wenn Yogastunden, Theaterkarten, Gassiservice, Friseurtermin oder Catering schon gebucht sind, aber ausfallen  –  wenn ihr könnt, findet einen Weg und solidarisiert euch mit den Menschen, bei denen ihr auch sonst gern kauft.
  • Werdet kurzfristig alle zu Influencern: Nutzt eure Social-Media-Accounts und euer privates Netzwerk, um auf die Arbeit von diesen Anbieter*innen hinzuweisen und sie sichtbar zu machen.
  • Zahlt eure Rechnungen rasch. Viele Selbstständige warten trotz abgeschlossener Leistungen ewig auf fällige Zahlungen.
  • Unterstützt Künstler*innen und Kulturschaffende über die Plattform Patreon.

Keine Panik, sondern mehr Unternehmertum

Denkt größer, nicht kleiner in dieser herausfordernden Zeit. Diese Durststrecke wird nicht ewig dauern, und sobald das Virus im Griff und der Alltag zurück ist, können wir wieder durchstarten.

Wenn all das vorüber ist, dann gehen wir wieder feiern (Tanzlustbarkeiten!), machen Meet-ups und Konferenzen, gehen auf Konzerte und Veranstaltungen und wissen es vielleicht noch besser zu schätzen, was Kunst, Kultur, Community und die Möglichkeiten des Marktes bedeuten.

Bleibt besonnen und unternehmerisch! Es geht immer was!


Wir von der Kontist Stiftung haben unter www.selbstwasmachen.com eine Infoseite (Work in Progress!) mit Coronafakten, praktischen Hilfestellungen und Anlaufstellen für alle, die selbstständig und frei arbeiten, erstellt. Wir sind an der Seite der Selbstständigen und Freiberufler/innen und werden sie durch diese herausfordernde Zeit begleiten. Zu diesem Zweck bieten wir regelmäßig ein virtuelles Forum an.

Die Gespräche und Webinare werden live auch auf der Facebook-Seite der Kontist Stiftung und auf unserem Youtube-Kanal gestreamt, wo sie später auch als Aufzeichnung zu sehen sind.

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Catharina Bruns
© Bruns
Catharina Bruns

Unternehmerin, Autorin und Gründerin

for Entrepreneurship, Neues Arbeiten, Selbstständigkeit, Arbeitskultur

Catharina Bruns (Jg. 1979) ist Unternehmerin, Autorin und Gründerin von mehreren kreativen Unternehmen. Ihr Buch „work is not a job - Was Arbeit ist, entscheidest Du!“ ist ein Plädoyer für eine neue, unternehmerische Haltung zur Arbeit. Sie ist Co-Gründerin diverser Unternehmern, darunter „workisnotajob“, „Happy New Monday“, „hello handmade“ und viele mehr sowie Vorsitzende der Kontist Stiftung für Citizen Entrepreneurship.

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