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Genderspezifische Schulen: Lernen Mädchen ohne Jungs besser?

Reine Jungen- und Mädchenschulen gehören seit Jahrzehnten zur deutschen Bildungslandschaft. Die Idee dahinter: Getrennter Unterricht soll die Kinder individuell fördern. Doch das ist umstritten.

Reine Mädchenschulen verhindern angemessene Bildung

Hannelore Faulstich-Wieland

Erziehungswissenschaftlerin und Professorin, Universität Hamburg

Hannelore Faulstich-Wieland
  • Mädchen interessieren sich seit jeher weniger für Naturwissenschaften als Jungs
  • Sie deshalb getrennt von Jungs auf Mädchenschulen zu unterrichten ist falsch
  • Unsere Lehrer sind gefordert, Stereotype abzulegen und Mädchen zu motivieren

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Nachdem die Koedukation – der gemeinsame Unterricht von Mädchen und Jungen – in den 1970er/1980er-Jahren eine Selbstverständlichkeit geworden war, fiel auf, dass Mädchen und junge Frauen (weiterhin) vor allem naturwissenschaftliche Fächer in der Schule und ingenieurwissenschaftliche Studien an der Universität „mieden“. Eine Studie der Universität Dortmund glaubte damals (1988) aufzeigen zu können, dass dies nicht für Absolventinnen von Mädchengymnasien gelte. Unter anderem daraus nährte sich die Annahme, dass getrennter Unterricht, insbesondere in naturwissenschaftlichen Fächern, förderlich für Mädchen sei.

Tatsächlich findet sich im Wahlverhalten oder bei den Angaben von beliebten oder interessierenden Schulfächern eine Tendenz, dass weniger Mädchen als Jungen Naturwissenschaften oder Technik nennen. Bei den Naturwissenschaften gilt das aber primär für Physik – die im Übrigen auch unter den Jungen keineswegs zu den besonders beliebten Fächern zählt –, während Biologie schon eher zu einem „Mädchenfach“ geworden ist. In den ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen sind die Frauen ebenfalls noch immer deutlich unterrepräsentiert. Insofern bedeutet die Motivierung von Mädchen und Frauen für und ihre Förderung in diesen Bereichen nach wie vor eine pädagogisch relevante Aufgabe für die Schulen.

Wer Mädchen Desinteresse unterstellt, fördert genau diese Tendenz

Die zentrale Annahme, dass beides in monoedukativem Unterricht besser funktionieren kann, beruhte jedoch auf einem Bild, nach dem die Jungen sich im koedukativen Unterricht dominierend verhalten würden und die Mädchen nicht zum Zuge kommen lassen würden beziehungsweise diese sich nicht trauten, Fragen zu stellen oder ihre Beteiligung an Experimenten einzufordern. Zweifellos kann man solche Konstellationen beobachten – sie sind aber weder naturwüchsig noch unvermeidlich.

Zum einen kann man feststellen, dass Mädchen und junge Frauen mittlerweile sehr viel selbstbewusster geworden sind und keineswegs mehr ohne Weiteres eine Überlegenheit des männlichen Geschlechts akzeptieren. Zum anderen weiß man aus Forschungen, dass die Einstellung und Haltung der Lehrkräfte eine sehr viel zentralere Rolle spielt: Wenn sie Naturwissenschaft und Technik für „männlich“ halten, den Mädchen Desinteresse daran unterstellen oder sie dafür nicht für fähig halten, dann wirkt sich das wesentlich demotivierender aus als eine Hilfestellung, die von Mitschülern gegeben wird. Man weiß auch, dass es notwendig ist, naturwissenschaftliche Sachverhalte an ganz verschiedenen Beispielen zu verdeutlichen und entsprechende Erkenntnisse mit ganz unterschiedlichen methodisch-didaktischen Vorgehensweisen zu erläutern, weil Kinder individuelle Lernstrategien haben und nur bedingt auf ähnliche Erfahrungen zurückgreifen.

Wir brauchen mehr Pädagogen mit Genderkompetenz

Guter naturwissenschaftlicher Unterricht schöpft das breite Spektrum seiner Möglichkeiten aus. Dennoch erfordert seine koedukative Gestaltung zusätzlich Genderkompetenz bei den Lehrkräften: Sie müssen zunächst einmal sensibel sein für ihre eigenen Geschlechterbilder: Halten sie Naturwissenschaft und Technik für einen „eigentlich“ männlichen Bereich? Wenn ja, beeinflusst das ziemlich sicher ihre Interaktionen mit Schülern und Schülerinnen. Hier können kollegiale Hospitationen helfen, subtile Mechanismen der Reproduktion von Geschlechterstereotypen aufzuspüren. Weiterhin brauchen sie einen Blick dafür, ob sich in den Interaktionen der Jugendlichen untereinander oder in der Bewältigung zum Beispiel von experimentellen Aufgaben „geschlechtsspezifische“ Arbeitsteilungen einschleichen. Hier können klare Anweisungen helfen, die verhindern, dass etwa Mädchen auf das Protokollieren, Jungen auf das Präsentieren „festgelegt“ werden.

Für die meisten Lehrkräfte wie auch für die Schülerinnen und Schüler gilt wohl, dass sie solche Formen von Festlegungen oder von unterschiedlichem Verhalten mittlerweile für überholt halten und glauben, derartiges komme bei ihnen nicht mehr vor. Da sich „geschlechtsadäquates“ Verhalten jedoch im Allgemeinen „doxisch“, das heißt als nichtbewusstes, nichtreflektiertes, selbstverständliches Handeln zeigt, muss es erst durch gezieltes Beobachten überprüft werden. Lässt man sich darauf ein, finden sich überraschend viele Elemente von Geschlechtszuschreibungen. Zu solchen Beobachtungen sind bezogen auf den koedukativen Unterricht primär die Lehrkräfte aufgefordert. Sind sie bereit, sich dieser Aufgabe offen zu stellen, dann gewinnen sie an Genderkompetenz, und ihr Unterricht profitiert in der Weise, dass sowohl Mädchen wie Jungen mehr davon haben.

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Hannelore Faulstich-Wieland
© Hannelore Faulstich-Wieland
Hannelore Faulstich-Wieland

Erziehungswissenschaftlerin und Professorin, Universität Hamburg

Hannelore Faulstich-Wieland (Jg. 1948) ist Erziehungswissenschaftlerin und emeritierte Professorin der Universität Hamburg. Sie arbeitete unter anderem als stellvertretende wissenschaftliche Leiterin des Forschungsinstituts Frau und Gesellschaft in Hannover und als Universitätsprofessorin für Frauenforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen vor allem in der Koedukation, Geschlechterforschung, Sozialisation und Berufsorientierung.

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