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Arbeitswelt im Umbruch: Wie wollen wir künftig arbeiten?

Weg von der starren 40-Stunden-Woche: Die Jobs der Zukunft müssen flexibler werden - das fordern Arbeitnehmer wie führende Vertreter der Wirtschaft. Doch was würde das in der Praxis bedeuten?

Wir brauchen mehr Teilzeitmanager! Zu Hause wie im Büro …

Jan Thomas Otte
  • Nur jeder zehnte Mann arbeitet bisher in Teilzeit, wenige für die Familie
  • Karriere „machen“, sich gleichzeitig als Familienmensch kümmern, warum nicht?
  • Manager können ein modernes Familienmodell fördern – siehe Skandinavien

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„Und, arbeitest du (auch) Teilzeit?“ Diese Frage löst bei vielen Beklemmungen aus. Teilzeit? Ja, genau das meine ich. Es würde uns besser gehen mit einer 30-Stunden-Woche, 80 Prozent für alle, Mann und Frau. Ich kann mir kaum vorstellen, dass wir in der Zeit nicht das erledigen können, was wir sonst nur in 40 Stunden zu schaffen vorgeben. Mein erstes Jahr als 80-Prozent-Manager hat es mir gezeigt, und ich könnte noch weiter reduzieren, wenn es nach mir ginge.

Meine Ideen dagegen, die Kreativität, das Potenzial – das sollte auch bei Teilzeit stets bis zu 100 Prozent verfügbar sein. Mehr Nettoarbeitszeit hat was. Sie entlastet das Budget vom Arbeitgeber ebenso wie vom Kunden. Sie schafft mehr Freiheiten, weniger Stress und mehr Lebensqualität für alle Beteiligten. Auch für den Arbeitgeber, der mehr als die Summe seiner Full-Time-Equivalent-Flexibilität und Ideenreichtum bekommt. Geld ist ohnehin nicht alles, war es noch nie. Ja, dann …

Selbstvergleich mit der Peergroup: ein bisschen mehr Geld, eine Karrierestufe höher

Wenn ich mich vergleiche mit gleichaltrigen Kollegen, die 100 Prozent arbeiten und (noch) keine Kinder haben, sind es eigentlich nur drei Sachen, die anders wären. Nun. Ich hätte weniger Hüftgold – vorausgesetzt, ich würde tatsächlich „Feierabend“ machen und täglich Sport treiben, mich selbst optimieren. Und ich würde beruflich vielleicht, aber eben auch nur vielleicht, eine Karrierestufe höher sein mit entsprechend höherem Gehalt. Verkürzt gesagt: weniger Hüftgold, mehr Geld, ein bisschen mehr Karriere – alles unter Vorbehalt. Manchmal macht mich das neidisch. Möchte ich auch tauschen? Nein. Wie geht es euch damit?

Als ich überlegte, nach einer längeren Elternzeit (insgesamt zwei Jahre) mit zwei Kindern wieder in der Unternehmensberatung einzusteigen, erklärte ich meinem damaligen Chef – ich schätze ihn sehr –, was für ein signifikantes „Skillset“ ich mir aufgebaut hatte mit Kindern, Erfolgsfaktoren: Mit wenigen Stunden Schlaf auskommen, belastbar sein, humorvoll, ein notorischer Optimist. Dinge anpacken, nicht so viel rumjammern, in großen Zusammenhängen denken und gleichzeitig kurzfristig handlungsfähig sein. Schlagfertig in der Rhetorik, verhandlungssicher auftretend, besonders effizient. Das Minimaxprinzip beherzigen, die Paretoregel (80/20) beherrschend, hoch und runter, aus dem FF.

Wir sollten nach Skandinavien schauen

Mein Chef antwortete mir prompt: „Gute Sache, dein Family-first-Approach! Das ist das, was wirklich wichtig ist. Ich bin noch nicht ganz dazu gekommen, also muss ich von dir lernen …“ Kundenprojekte zu managen sei ein Kinderspiel im Vergleich zum – wortwörtlich: Kinderprogramm zu Hause, so der Managing Director. Völlig einverstanden! Als ich dann später kündigte, ich wollte garantiert eine Teilzeitstelle, fügte er noch hinzu: „Alles Gute, mein Freund.“

Nur jeder zehnte Mann im Alter zwischen 20 und 64 Jahren arbeitet in Deutschland Teilzeit. So war das im Jahr 2015 gemäß Statistischem Bundesamt: immerhin 1.817.300 in Teilzeit arbeitende Männer (neun Prozent aller Erwerbstätigen). Damit belegte Deutschland Platz acht im Vergleich mit anderen europäischen Ländern – die Niederlande waren mit 22 Prozent auf Platz eins, gefolgt von den skandinavischen Ländern. Hauptgrund für Teilzeit? Nicht die Familie. Meist ging es um eine Aus- oder berufliche Fortbildung oder die Tatsache, keinen Vollzeitjob gefunden zu haben – je über 20 Prozent gaben das an! Also, die Männer, die bewusst für Familie Teilzeit arbeiten, rangieren bei drei, vielleicht vier Prozentpunkten. Auf Managementpositionen bestimmt nahezu im Promillebereich. Ich finde, das ist verschenktes Potenzial!

Teilzeit? „Niemals“ – Ausreden ohne Ende

Die ganzen Ausreden, nicht die Arbeitszeit zu reduzieren, kenne ich. Und bevor Widerspruch kommt, ich rede hier ausschließlich von Führungskräften, die monatlich genug Geld verdienen, und nicht von „einfachen“ Angestellten. Meine Schwester ist Arzthelferin, mein Schwager arbeitet als Gärtner. Sie müssen möglichst viele Prozente arbeiten, um die superteuer gewordenen Mieten zu bezahlen. Zurück zu den Führungskräften.

Beispielhafte Ausreden in der „C-Suite“:

  • „Vergiss es, kriege ich bei meinem Chef niemals durch – sind ohnehin schlecht besetzt.“

  • „Ich arbeite bei 60 oder 80 Prozent ja ohnehin weiter 100 Prozent und mehr.“

  • „Spinnst du, das ist das Ende meiner Karriere.“

  • „Weißt du eigentlich, wie viel Euro mehr im Monat mir da durch die Lappen gehen?“

  • „Reduzieren? Grundsätzlich gern, aber später, später!“

Wenn nur das eintrifft, dann … Ich kann’s nicht mehr hören, dieses Verlagern von Lebensqualität auf einen späteren Zeitpunkt, am besten den Renteneintritt. Wir brauchen mehr Mut und Männer, die – mit Verlaub – Eier in der Hose haben, und mit Eiern meine ich, kräftig anzupacken! Zu Hause, als Teilzeitmanager. Nur zum Vergleich: Zu Hause „arbeite“ ich schnell 100 Stunden und mehr, rund um die Uhr und am Wochenende. Beide Kinder haben in der Kita einen Ganztagsplatz von neun bis fünf. Im Büro sind es maximal 40 Stunden, ein paar Überstunden eingerechnet.

Klar, Einzelne allein können das System nicht ändern. Viele dagegen schon! In Schweden, Dänemark oder eben den Niederladen gelten Manager schnell als Loser, wenn sie es nicht schaffen, ihr Kind nachmittags um fünf von der Kita abzuholen. Da gibt es, berichten mir Kollegen aus dem hohen Norden, grundsätzlich keine Meetings am späten Nachmittag, wenn einer im Team kleine Kinder hat. In meinem Job als Manager mache ich es genauso, kein Meeting nach vier! Nur wenn es unbedingt sein muss, sich gar nicht verschieben lässt. Die Termine „mache“ ich …

Moderne Männer, die viel Zeit mit der Familie verbringen

Ob an der Schaukel am Spielplatz, beim Elternabend im Kindergarten, beim Anlegen der nächsten Pampers oder der verzweifelten Suche nach dem letzten Schnuller. Egal wo ich mich bewege, bin ich der einzige Mann. Zumindest fühle ich mich so wie der letzte (oder erste?) Mohikaner, mal mehr, mal weniger. Da geht doch noch was, kommt schon!

Wenn ich mit meinen Kindern am Wochenende allein unterwegs bin, meine Frau Dienst in der Klinik hat, so bin ich es satt, mich wie in einem Freiluftkino zu fühlen. Jeder Gang wird kommentiert. Da ist die Oma, die sich vorwurfsvoll zu mir rüberbeugt und unmissverständlich flüstert: „Du armer Kerl, wo ist denn deine Frau?“ Und es gibt Männer, die mich vorsichtshalber darauf hinweisen, dass ich mit meinen Kindern gerade in der ersten Klasse sitze, könnte ja sein, dass ich mich geirrt habe und mir so ein Ticket als Familienvater gar nicht leisten kann. Dabei fahre ich lieber mit öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B, was produktiver ist als eine Fahrt mit unserer Familienkutsche.

Freunde und Familie beschreiben mich als leidenschaftlichen Menschen. Es geht mir nicht darum, mich für meine Kinder aufzuopfern, ganz im Gegenteil! Ich mache das alles gern. Mir geht es auch nicht um das reine Spaßprinzip. Und ein Held bin ich ohnehin nicht, aber ein Suchender. Jemand, der einen Traum hat, eine Vision: dass es mehr moderne Männer gibt, die viel Zeit mit der Familie verbringen, Teilzeitmanager – zu Hause wie im Büro. Keine „Qualitytime“, die nur schlechtes Gewissen kompensiert, ich meine diese intensive Zeit. Kürzlich habe ich mich mit einem Kollegen, der ganz ähnlich denkt, unterhalten. Sein Fazit zu dieser Zeit, die zweifelsohne manchmal heftig und turbulent ist: „In ihrer Fülle, Dichte und Wirkung wunderschön!“

Veröffentlicht:

Jan Thomas Otte
© Jan Thomas Otte
Jan Thomas Otte

IT-Projektmanager, Karriereblogger und Coach

Der Wirtschaftsethiker, Diplomtheologe und Journalist arbeitet als IT-Projektmanager bei der Swisscom AG – in Teilzeit. Zuvor war er mehrere Jahre bei Accenture in der Managementberatung tätig – in Vollzeit. Freiberuflich bloggt Otte seine „Karriere Einsichten“ im Netz und berät Manager als Coach bei ihrem nächsten Schritt. Otte hat Theologie in Heidelberg studiert und in Princeton/USA ein postgraduales Masterstudium in Wirtschaftsethik abgeschlossen.

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