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Ist die deutsche Autoindustrie für die Digitalisierung gerüstet?

Der VW-Skandal war zuletzt das bestimmende Thema. Dabei steht die gesamte Branche vor gewaltigen Umbrüchen: Zur diesjährigen Detroit Motor Show aber werden die Zeichen des Wandels offenbar.

Wir Hersteller müssen uns in rasantem Tempo neu erfinden

Dr. Karl-Thomas Neumann
  • Digitalisierung und Vernetzung stellen die Branche vor Herausforderungen
  • Branchenfremde Wettbewerber stehen bereits in den Startlöchern
  • Opel reagiert mit OnStar, Carsharing-Plattform und Mitfahrdienst

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Treffpunkt Las Vegas: Wie sehr sich die Zeiten in der Automobilindustrie geändert haben, zeigte sich zu Jahresbeginn auf der Consumer Electronics Show (CES). Waren dort früher die Hersteller von Unterhaltungselektronik weitgehend unter sich, so begrüßen sie heute reihenweise illustre Gäste aus der Fahrzeugbranche. Und diese Gäste sind nicht nur brave Zuschauer, sie präsentieren auch Produkte und Konzepte. „Detroit strikes back at Silicon Valley“ titelten US-Medien. So gab unser Mutterkonzern General Motors zur Messe bekannt, 500 Millionen Dollar in den amerikanischen Fahrdienstvermittler Lyft zu investieren. Das gemeinsame Ziel: Die Mobilität der Zukunft entwickeln – in diesem Fall digitale, selbstfahrende und vernetzte Autos. Und unsere Konzernchefin Mary Barra stellte in ihrer Rede in Las Vegas gleich das passende Produkt vor: Den Chevrolet Bolt, ein erschwingliches Elektroauto mit einer Reichweite von mehr als 300 Kilometern.

Die Zukunft verlangt Mobilitätskonzerne

Las Vegas zeigt einmal mehr: Die Automobilindustrie befindet sich mitten im größten Umbruch ihrer Geschichte. Digitalisierung und Vernetzung stellen die Branche vor riesige Herausforderungen. Wir Hersteller müssen uns in rasantem Tempo neu erfinden. Denn Urbanisierung und technologischer Fortschritt machen neue Lösungsansätze notwendig, wenn es um die Mobilität der Zukunft geht. Es reicht künftig nicht mehr aus, überzeugende Fahrzeuge zu entwickeln und anzubieten. Wer in einer ohnehin schon extrem wettbewerbsintensiven Branche bestehen will, muss sich vom reinen Fahrzeughersteller zum Mobilitätskonzern wandeln.

Dazu muss man jedoch überzeugende Antworten auf die grundlegenden Veränderungen der Mobilität haben und auf Trends eingehen. Stichwort „Sharing Economy“. Immer mehr Menschen geht es nicht mehr darum, zwangsläufig besitzen zu müssen; es geht ihnen eher um das sinnvolle Nutzen eines Gutes. Wer hätte von ein paar Jahren schon gedacht, dass es im Trend liegen wird, die eigene Wohnung zu vermieten, wenn sie nicht gebraucht wird?

Für Opel heißt das: Car-Sharing-Plattformen wie CarUnity und Mitfahrdienste wie Flinc gehören inzwischen zum Portfolio. Mit solchen modernen, innovativen Dienstleistungen können wir junge Menschen früh an die Marke heranführen. Es ist ein Publikum, das zwar mobil sein möchte, aber oft kein eigenes Auto hat. Zumindest noch nicht. So vergrößert man seine Reichweite bei den Autokäufern von morgen.

Das Auto wird zum modernen Internetcafé

Auch werden Autos immer stärker zu fahrenden Internet-Knoten, die sich intensiv vernetzen. Wir sind im Bereich Konnektivität mit unserem persönlichen Online- und Service-Assistenten OnStar Vorreiter. Mit dem Marktstart des neuen Astra gibt es OnStar für alle Opel-Pkw-Modelle. Auf Knopfdruck verbindet OnStar den Opel-Fahrer direkt mit einem Mitarbeiter im Call-Center. Das System verfügt über eine automatische Unfallhilfe, kann die Fahrzeugposition ermitteln und sofort Hilfe schicken, wenn man selbst nicht mehr dazu in der Lage ist; zudem verfügt es über Diagnose- und Remote-Funktionen per Smartphone. Außerdem arbeitet es als WLAN-Hotspot und macht die Fahrzeuge so zum mobilen Internetcafé.

Durch solche Innovationen erschließen wir nicht nur einen neuen Kundenkreis - es ergeben sich für uns ganz neue Geschäftsmodelle. Denken Sie beispielsweise nur an die Möglichkeit, dass wir dank OnStar dem Fahrer Gutscheine eines auf seiner Route liegenden Restaurants direkt ins Auto schicken können. Oder an spezielle, günstige Versicherungsangebote für vorausschauende Fahrer. Da gibt es ganz viele spannende Ideen. Ganz wichtig ist uns dabei das Thema Datenschutz. Um es klipp und klar zu sagen: Die Daten gehören dem Kunden. Ohne seine Zustimmung passiert nichts damit. Auch die Lokalisierung des Autos hat der Kunde selbst in der Hand. Wir haben eigens für Europa eine Privat-Taste eingebaut, mit der man die Lokalisierung deaktivieren kann. Transparenz ist da ganz wichtig.

Die Herausforderung kann eine Chance sein

Der Wandel hin zum vernetzten Mobilitätsdienstleister ist ohne Alternative und wer den Trend verpasst, kann in arge Probleme geraten. Neue Wettbewerber aus Branchen, die früher nichts mit dem Auto zu tun hatten, stehen in den Startlöchern, um etablierten Anbietern das angestammte Terrain streitig zu machen. Allerdings: Die Automobilindustrie ist wettbewerbserprobt, sie hat schon oft bewiesen, dass sie Herausforderungen als Chance sehen kann. In einem Marktsegment mit technologisch vergleichbaren Angeboten bieten sich neue, vielversprechende Möglichkeiten zur Differenzierung.

Wir stehen erst am Anfang einer spannenden und komplexen Entwicklung. Wo genau die Reise hinführen wird, ist noch nicht absehbar. Sicher ist aber eins: Wir sind gerüstet. Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, sich intensiv mit der Mobilität der Zukunft auseinanderzusetzen und die sich eröffnenden Chancen zu nutzen.

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Dr. Karl-Thomas Neumann
© Opel Group
Dr. Karl-Thomas Neumann

Vorsitzender der Geschäftsführung, Opel Group GmbH

für Automobilbranche, Technologie, Disruption

Dr. Karl-Thomas Neumann (Jg. 1961) führt seit 2013 den Automobilhersteller Opel und ist darüber hinaus Executive Vice President & President Europe sowie Mitglied des Executive Committee von General Motors. Zuvor war er für die Volkswagen AG tätig, wo er von September 2010 bis August 2012 CEO und Vice President der Volkswagen Group China in Peking war. Davor hatte er weitere Management-Positionen bei Volkswagen inne. Von 2004 bis 2009 war Neumann Mitglied des Vorstandes beim Automobil-Zulieferer Continental AG.

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