Tag der Workaholics: Wie viel Arbeit ist zu viel?

Der 5. Juli ist der Tag der Workaholics. Allerdings ist Arbeitssucht keine offiziell anerkannte Krankheit. Wie merke ich trotzdem, ob ich betroffen bin? Und welche Rolle spielt mein Umfeld?

Dem Workaholic-Hamsterrad können wir nur gemeinsam entkommen

Elly Oldenbourg
  • Wir werden überschwemmt mit Tipps zu Selbstoptimierung und Work-Life-Balance
  • Das hat seine Berechtigung, packt aber die Probleme nicht bei der Wurzel
  • Wir brauchen eine Debatte über den Wert und die Definition von Arbeit

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Der 5. Juli ist ein kurioser Tag. Es ist der „Tag der Workaholics“. Ein Tag, der Menschen gewidmet ist, die ihre meiste wache Zeit mit Arbeit verbringen und dazu tendieren, andere Beschäftigungen im Leben zu ignorieren. Phasenweise kennen wir das sicherlich alle. Ob es einen Feiertag dafür braucht, weiß ich nicht, es scheint mir aber eine super Gelegenheit, über den Stellenwert von Arbeit in unserem Leben und in unserer Gesellschaft nachzudenken.

Auf den ersten Blick mag das Problem gar nicht so drängend erscheinen. Konzepte wie New Work zusammen mit der Digitalisierung, die uns immer mehr Routineaufgaben abzunehmen scheint, versprechen uns schon seit mindestens zehn Jahren eine bessere Work-Life-Balance. Hinzu kommen die Generationen Y und Z, die laut vieler Experten besonders viel Wert auf ein ausgeglichenes Berufs- und Privatleben legen.

Auf den zweiten Blick erlebe ich die Realität bei vielen meiner Mitmenschen und mir selbst aber ganz anders. Überfüllte E-Mail-Postfächer und volle Kalender sind auch im Jahr 2020 oftmals noch die Regel. Von der vermeintlichen Vereinbarkeit von Karriere, Familie und gar Selbstverwirklichung – natürlich für beide Geschlechter gleichermaßen – sind wir noch weit entfernt. Der Kern unseres Problems: Wir sind immer noch viel zu häufig der Meinung, dass nur wichtig und erfolgreich ist, wer auch beschäftigt ist. Das hat seine Wurzeln in dem System, in dem wir leben, in seiner Definition von Arbeit und in der Art, wie sie entlohnt wird.

Die Welt kann nicht darauf warten, dass sich jede/r selbst rettet

Wir können so viel über New Work, Work-Life-Balance oder Workplace-Wellbeing reden, wie wir möchten – den Kern des Workaholic-Problems werden wir damit nicht zu packen kriegen. Denn diese Konzepte wirken nur innerhalb einer privilegierten Blase.

Wir müssen uns stattdessen fragen: Wie können wir dafür sorgen, dass alle Berufe genug Raum lassen, um körperlich und mental gesund zu bleiben? Dass jeder Mensch die Chance und die Zeit hat, sich außerhalb seiner Arbeit zu engagieren? Dass Dinge wie Care-Arbeit - ob bezahlt oder unbezahlt, ob an anderen Menschen oder an sich selbst - nicht mehr wahlweise als privater Luxus oder optimierbare Verhandlungsmasse, sondern als wichtiger gesellschaftlicher Dienst empfunden werden?

Die Welt kann nicht darauf warten, dass wir alle genug verdienen, um selbstständig sagen zu können: „Es reicht, ich reduziere meine Arbeitszeit.“ Wir müssen heute damit beginnen, andere Forderungen zu stellen. An uns selbst, an unsere Arbeitgeber, an unsere Partner und Familien, an die Politik. Und bei unseren Forderungen auch immer diejenigen mit im Blick haben, die keinen Anzug tragen oder nicht den ganzen Tag in Zoom-Meetings verbringen.

Warum misstrauen wir ungewöhnlichen Lebensläufen, statt sie zu feiern?

Dazu brauchen wir auch auf der Makroebene ein neues Anreizsystem, politisch wie wirtschaftlich. Noch immer ist unsere finanzielle Sicherheit im Alter zum Beispiel daran geknüpft, ein möglichst ununterbrochenes Angestelltenverhältnis gehabt zu haben.

Zeitgemäße Arbeits- und Familienmodelle werden immer noch benachteiligt, genauso wie Selbstständige gegenüber Angestellten. Auch Umwege in Lebensläufen sind ungern gesehen, beziehungsweise öffnen geradlinige Vitae immer noch häufig die besten Türöffner in Entscheidungs- und Machtpositionen, in der Politik wie in der Wirtschaft. Ist doch klar, dass Personen mit den immer gleichen Vitae in den immer gleichen Gremien zu den immer gleichen Ergebnissen kommen. Wie sollen da, um ein Schlagwort zu bedienen, diverse und inklusive Teams entstehen, die Lösungen für eine diverse und inklusive Welt entwickeln?

Warum ist es im Jahr 2020 immer noch nicht möglich, dass Pausen im Erwerbsleben als normal gelten? Wir sind alle Menschen mit sich wandelnden Interessen, Rückschlägen, Krankheiten, diversen Lebensphasen oder einfach dem Wunsch, uns gesellschaftlich zu engagieren.

Doch unser aktuelles Arbeits- und Anreizsystem produziert oft Menschen, die sich gefühlt zwischen ökonomischer Sicherheit und seelischem Wohlbefinden entscheiden müssen. Nicht umsonst sind Burnoutraten hoch, boomt die Mindfulness-Szene und finden Coachingpraxen so viel Zulauf. Und wer sich Zeit für gesellschaftliches Engagement, persönliche Weiterentwicklung oder seine seelische Stabilität nimmt, bezahlt dafür oft ökonomisch.

Wie könnte ein besseres System aussehen? Es geht nicht darum, einfach stumpf umzuverteilen. Es geht um neue Anreize. Dafür müssen ein mutiger Staat und eine moderne Wirtschaft die Rahmenbedingungen setzen. Da kommen wir nur hin mit vielfältigen Arbeits- und Lebensentwürfen.

Zu guter Letzt möchte ich allen, die innerlich mit den Augen rollen und diese Gedanken als „Lala-Land-Utopie“ abtun, noch eine kleine Szene mit auf den Weg geben: Bei einem Treffen zwischen Bill Gates und Warren Buffet, die ja nun wirklich nicht als Pioniere modernen Arbeitens gelten, priesen die beiden sich gegenseitig für eine der wichtigsten Erkenntnisse aus ihren Berufsleben: “It’s not a proxy of your seriousness that you’ve filled every minute in your schedule.” (Es ist kein Zeichen für deine Wichtigkeit, wenn du jede Minute deines Tages verplant hast).

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Elly Oldenbourg
© Xenia Bluhm
Elly Oldenbourg

Industry Partner Lead bei Google, Autorin, Speakerin

Elly Oldenbourg ist Teil der Generation Y mit multikulturellem Hintergrund, Mutter und seit 16 Jahren im Marketing und Vertrieb von internationalen Unternehmen tätig. Seit mehr als acht Jahren arbeitet sie als Managerin bei Google, drei davon in Teilzeit und im Jobshare. Nebenberuflich ist sie Gastgeberin von Salons, Autorin oder Speakerin zu Themen wie New Work.

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