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Gleichberechtigung im Job und Alltag: Warum halten sich Rollenbilder?

Frauen und Männer sind nach wie vor nicht gleichberechtigt – weder im Arbeitsleben, noch in der Gesellschaft oder vor dem Gesetz. Wie fühlt es sich an, als Frau nicht ernst genommen zu werden?

Dr. Katarzyna Mol-Wolf
  • Es bleiben immer noch zu viele Frauen in Teilzeit und der Altersarmut stecken
  • Sie tragen im Schnitt nur 22,4 Prozent zum Haushaltseinkommen bei
  • Am Sonntag bestimmen wir mit, wie schnell sich das ändert

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Nur noch wenige Tage bis zur Wahl, bis zu unserer Chance, mit dem richtigen Kreuz die Politik in unserem Land aktiv zu beeinflussen. Als Chefredakteurin des Frauenmagazins „Emotion“ und Mutter einer fünfjährigen Tochter wünsche ich mir sehr, dass nur die Parteien zum Zug kommen, bei denen die Gleichberechtigung von Frauen nicht nur im Parteiprogramm, sondern auch im Herzen steht. Dafür müssen sich die Frauen in Deutschland des Gewichts ihrer Stimme bewusst werden. Auf dem Weg zur gleichberechtigten Teilhabe ist die Wahl der richtigen Partei eine wichtige Tat – aber bei Weitem nicht die einzige. Es wird Zeit, dass wir nicht mehr nur theoretisieren, reden, schimpfen, sondern endlich aktiv werden.

Denn noch immer gibt es zu viele Frauen, die zugunsten ihrer Familie auf eine Ausbildung verzichten, die nach langer, oft mehrfacher Erziehungszeit nicht in den Beruf, geschweige denn zu ihrem alten Gehaltsniveau zurückkommen oder die nach einer Trennung oder Scheidung am Existenzminimum leben. Laut einer OECD-Studie tragen Frauen in Deutschland nur 22,4 Prozent zum Haushaltseinkommen bei – obwohl ihre Erwerbstätigenquote inzwischen auf 70 Prozent gestiegen ist. Wir sind damit das Schlusslicht in Europa. Wir verdienen so wenig, weil wir vor allem schlecht bezahlte Jobs machen, in Teilzeit arbeiten und auch die meisten Minijobber stellen.

Frauen sollten sich solidarisieren, nicht übereinander urteilen

Dazu machen Frauen sich oft noch gegenseitig das Leben schwer, indem sie andere Frauen bewerten: ob die berufstätige Kollegin ihre Rolle als Mutter wohl gut meistert. Ob es richtig ist, dass sich die promovierte Diplomingenieurin für die Rolle als Hausfrau entschieden hat. Oder wie Frauen überhaupt glücklich werden können, die gar keine Kinder haben wollen. Dabei rauben uns solche Bewertungen nur Kraft und schmälern unser Selbstbewusstsein, das wir so dringend brauchen, um genau diese althergebrachten Stereotype zu überwinden, die uns von wahrer Gleichberechtigung fernhalten.

Daher hoffe ich nicht nur auf eine hohe Wahlbeteiligung, sondern darauf, dass wir endlich alle gemeinsam an der Veränderung dieser alten Rollenbilder arbeiten. Dass wir zum Beispiel unsere Kinder nicht mehr in die rosa und hellblauen Korsette der Geschlechterrollen stecken, sondern ihnen Wahlfreiheit zugestehen und damit die Entfaltung ihres vollen Potenzials.

„Cool“, „Crazy“ und „Wild Thing“ statt „Sweet“, „Princess“ und „Sooo cute“

Wenn ich an sechsjährige Jungen und Mädchen denke, wünsche ich mir, dass Mädchen genauso selbstverständlich mit Autos, Baggern und Elektrobaukästen spielen wie Jungen. Auf den orangefarbenen T-Shirts der Mädchen steht „Cool“, „Crazy“ oder „Wild Thing“ statt „Sweet“, „Princess“ oder „Sooo cute“. Sie wollen „Astronautin“, „Chirurgin“ oder „Automechanikerin“ werden. Und wenn sie später mal Familie haben, wollen Mädchen wie Jungen weiterhin arbeiten gehen, weil sie wissen: Das ist wichtig, um finanziell unabhängig zu sein. Sie wollen, dass sich beide Partner den Haushalt teilen, weil nirgends geschrieben steht, dass Frauen besser mit dem Putzlappen umgehen können und die Bolognese nur bei Mama schmeckt. Beide wollen viel Zeit mit ihren Kindern verbringen und dafür flexible Arbeitszeiten haben. Die Väter wollen genauso viele Monate Elternzeit nehmen wie die Mütter, denn außer dem Stillen können sie alles genauso gut und wollen endlich nicht mehr diskriminiert werden.

Sind wir von dieser Vision noch weit entfernt? Klingt doch alles ziemlich machbar. Aber solange sich die alten Rollenbilder nicht in unserer gesamten Gesellschaft verändert haben, werden Frauen und Mädchen stecken bleiben: in Teilzeit, in Altersarmut oder unter der gläsernen Decke. Wir, Männer und Frauen, müssen endlich verstehen, dass wir das nur selbst verändern können. Indem wir die entsprechenden Parteien wählen. Indem wir aktiv werden, unsere Meinung sagen. Indem wir unseren Kindern vorleben, dass sich Männer und Frauen Job und Familienarbeit gerecht teilen. Dass sich Frauen gegenseitig unterstützen und fördern. Dass wir Mädchen Physik und Mathe zutrauen und dass soziale Jungs echt coole Typen sind. Und indem wir unsere Kinder darin stärken, selbstständig ihren eigenen Weg zu gehen.

Denn wenn wir unsere Kinder in ihrer Wahlfreiheit stärken, haben wir eine echte Chance auf eine gleichberechtigte Gesellschaft, in der Männer und Frauen gut miteinander auskommen können. Ich möchte das gern noch selbst erleben.


Die Redaktion von „Emotion“ hat zur Bundestagswahl eine Aktion gestartet: #wasfrauenfordern. Hier können Sie sich beteiligen. Die Ergebnisse dieser Umfrage werden an die neue Bundesregierung übergeben.

Veröffentlicht:

Dr. Katarzyna Mol-Wolf
© Katarzyna Mol-Wolf
Dr. Katarzyna Mol-Wolf

Chefredakteurin, „Emotion“ und Herausgeberin, „Hohe Luft“

für Empowerment, Diversity & Vereinbarkeit

Dr. Katarzyna Mol-Wolf (Jg. 1974) ist Chefredakteurin des Frauenmagazins „Emotion“ sowie Herausgeberin und Geschäftsführerin der Philosophiezeitschrift „Hohe Luft“. Nachdem sie im Fach Jura promovierte, arbeitete Mol-Wolf ab 2006 bei Gruner + Jahr und beteiligt sich am Aufbau der „Emotion“. Im Jahr 2009 kauft sie als Verlagsleiterin des Unternehmens Inspiring Network die Zeitschrift. Über ihren bisherigen Werdegang veröffentlichte sie 2012 das Buch „Mit dem Herz in der Hand“.

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