ALTERSVORSORGE SPEZIAL: So machen wir die Alterssicherung zukunftsfest

Die Coronakrise hat die finanziellen Pläne vieler Menschen für den eigenen Ruhestand auf den Kopf gestellt. Zeit, einmal grundsätzlich zu fragen: Wie funktioniert private Altersvorsorge jetzt richtig?

Warum ich vom Bundestag ein Altersvorsorgedepot fordere

Dr. Gerald Baumann
  • Versicherungen sind teuer, unflexibel – aber das beliebteste Vorsorgeprodukt
  • Das liegt daran, dass sie als Einzige das Geld bis zur Rente schützen können
  • Wir benötigen ein flexibles Altersvorsorgedepot mit den gleichen Rechten

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Es gibt in Deutschland viele Ungerechtigkeiten gegenüber jedem, der privat für sein Alter vorsorgen will oder muss. Ausgerechnet eine der größten fällt in der Debatte regelmäßig unter den Tisch: Wer so vorsorgt, wie es der Großteil aller Experten empfiehlt – inklusive „Finanztip“, den Verbraucherzentralen und Stiftung Warentest –, dessen Rücklagen stehen sofort im Feuer, sobald es einmal beruflich nicht gut läuft. Es wird höchste Zeit, das zu ändern!

Das grundsätzliche Problem ist, dass zur privaten Vorsorge nur teure und komplizierte Finanzprodukte wie zum Beispiel Riester- oder Rürup-Versicherungen gesetzlich vorgesehen und geschützt sind. Sei es Haftung, Unterhaltspflichten, Hartz IV oder die Privatinsolvenz: Eine kleine Gruppe privilegierter Finanzprodukte darf in all diesen Fällen nicht angetastet werden. Dies erfolgt mit der Begründung, dass das Geld explizit für die Altersvorsorge gedacht ist und vorher nicht angetastet werden darf, selbst von der sparenden Person nicht.

Der Schutz gilt nicht für das, was die meisten Experten empfehlen

Ein solcher Schutz ist extrem sinnvoll, bewahrt er doch die Sozialsysteme im schlimmsten Fall davor, dass jemand ihnen während seiner gesamten Rentenzeit auf der Tasche liegt. Nur leider gilt er ausgerechnet für die Form der Altersvorsorge nicht, die seit inzwischen Jahrzehnten fast alle unabhängigen Stellen empfehlen, nämlich ein eigenes Wertpapier-Portfolio aus Aktien und Anleihen plus Tagesgeld. Idealerweise breit gestreut durch Investitionen in börsengehandelte Indexfonds, kurz ETFs.

Die Argumente für ein solches Portfolio liegen auf der Hand und sind wissenschaftlich erwiesen: Auf lange Sicht bringt es nicht nur eine bessere Rendite als klassische Vorsorgearten wie zum Beispiel Lebensversicherungen. Zusätzlich spart man im Vergleich zu Riester, Rürup und anderen Versicherungen so viele Gebühren, dass allein dadurch die künftige Rente noch einmal spürbar erhöht wird.

Meine Petition an den Bundestag

Ich habe mich deshalb mit einer Petition an den Bundestag gewendet: Es muss möglich sein, ein Depot bei einer Bank einzurichten, das dezidiert nur für die Altersvorsorge gedacht ist. Ich verzichte bei diesem Depot gern auf die Möglichkeit, vor meinem Renteneintritt Geld zu entnehmen. Im Gegenzug muss das Geld aber geschützt sein.

Das wäre keine Sonderbehandlung, im Gegenteil. Die meisten der bisher geschützten Produkte bekommen zusätzlich noch Steuerprivilegien oder gar explizit staatliche Zuschüsse. Das alles fordere ich gar nicht. Ich möchte nur verhindern, dass ich einem Versicherer unnötig hohe Gebühren überweisen muss für einen Vertrag, der nur eine unterdurchschnittliche Rendite oder wahrscheinlicher nur einen Kapitalerhalt bringt. Ich möchte mein Geld so ansparen und vermehren, wie es unabhängige Finanzexperten empfehlen. Ohne Sorge, dass meine Altersvorsorge verpufft, sollte im Leben irgendetwas schiefgehen.

Versicherungen zur Altersvorsorge sind anachronistisch

Stattdessen treibt die einseitige Bevorzugung von Versicherungen nach wie vor Millionen Anleger in diese Vorsorgeform. Das ist im Jahr 2020 völlig anachronistisch. So gut wie niemand kann mehr davon ausgehen, dass er sein Leben lang in gleicher Weise beschäftigt bleibt. Den Effekt sehen wir millionenfach, zum Beispiel in stillgelegten Riester-Verträgen.

Die Einzigen, die von diesem System profitieren, sind die großen Versicherer. Sie haben ein Argument, das nach wie vor Millionen Kunden in ihre Arme treibt, trotz hoher Gebühren und niedriger Renditen: das Versprechen, dass das für die Altersvorsorge gedachte Geld in jedem Fall bis zur Rente sicher ist. Es wird Zeit, diese Ungleichbehandlung zu beenden.

Ich habe Kinder. Insbesondere ihre Generation ist dringend auf ein Altersvorsorgedepot angewiesen. Seit zehn Jahren gibt es nun Nullzinsen. Nach Abzug von Gebühren bleibt bei Versicherungen selbst mit staatlicher Förderung nur noch der Kapitalerhalt übrig. Alle Prognosen gehen davon aus, dass diese Situation noch lange anhält. So wird die junge Generation keine Vorsorge aufbauen können.

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Dr. Gerald Baumann
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Dr. Gerald Baumann

Geschäftsführer, Dr. Baumann Consulting GmbH

Dr. Gerald Baumann (Jg. 1968) ist seit 2008 Geschäftsführer der IT-Consulting-Firma Dr. Baumann Consulting GmbH. Zuvor war er zunächst Consultant bei der Systor GmbH & Co. KG in Köln (ehemals Schumann AG) sowie freiberuflicher IT-Consultant. Im Jahr 1997 promovierte er im Fach Physik an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg. Am 25. Juni 2020 hat er eine Petition zum Thema Altersvorsorgedepot beim Deutschen Bundestag eingereicht.

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