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Bildung in Schulen: Brauchen wir noch eine Schreibschrift?

Lange war eine genormte Schreibschrift fester Teil jedes Lehrplans. Heute sind die Vorgaben je nach Bundesland sehr unterschiedlich. Ist das modern? Oder verlieren wir eine wichtige Kulturtechnik?

Wichtiger als Schreibschrift ist Kommunikationskompetenz

Steffen Haschler
  • Früher gab es eine klare Unterscheidung: Lesen, Schreiben, Rechnen
  • Aber moderne Kommunikationsmittel reißen Mauern zwischen den Disziplinen ein
  • Die Schulen müssen flexibel darauf reagieren, nicht im Alten verharren

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Ich kann es nicht mehr hören, wie gefühlt jedes Jahr ein neuer Heiliger Gral gefunden wird, der die Schülerinnen und Schüler von heute retten soll. Nur noch naturwissenschaftliche Bildung zählt? Programmiersprachen werden wichtiger als Fremdsprachen? Hinzu kommen Mantras wie „Das Erlernen einer Schreibschrift ist zwingend notwendig für unsere Kinder“.

Gerade beim Thema Handschrift wird die Auseinandersetzung oft mit geradezu religiösem Eifer geführt. Ich rufe dazu auf, pragmatischer zu werden. Wie wäre es, wenn wir akzeptieren würden, dass die Welt, in der wir leben, sich ständig verändert – und zwar nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft? Und dass es Aufgabe der Schulen ist, ihre eigene Arbeit und die vermittelten Inhalte immer wieder auf den Prüfstand zu stellen, ob sie diesen Veränderungen gerecht werden? Und wie wäre es außerdem, wenn wir ein wenig häufiger denen zuhören würden, die betroffen sind – nämlich unseren Schülerinnen und Schülern?

Handschrift ist nicht mehr essenziell für unsere Kommunikation

Im Fall der eigenen Handschrift kann niemand bestreiten, dass sich ihr Einsatzgebiet in den vergangenen 20 Jahren radikal verkleinert hat. Als ich zur Schule ging, verfassten wir jeden einzelnen Text von Hand – von Klausuren über Einkaufszettel bis hin zu kurzen Liebesbriefen, die wir heimlich in der Klasse herumgaben. Heute wird am Computer getippt, über die Tablettastatur gewischt oder die Diktierfunktion genutzt, um Sprache direkt in Text umzuwandeln.

Das heißt nicht, dass eine saubere Handschrift nutzlos ist. Sie hilft vielen von uns, Gedanken zu strukturieren, und ist eine sehr persönliche Ausdrucksweise. Aber sie ist eben nicht mehr essenziell für unsere Kommunikation. Angesichts dieser Realität erscheint es mir wenig sinnvoll, wenn wir unseren Kindern allerlei Arten von Handschriften in der Grundschule vermitteln, wie es in einigen Bundesländern der Fall ist.

Für die Handschrift muss wie für jeden schulischen Inhalt gelten: Es darf keine heiligen Kühe geben! Wir müssen immer wieder prüfen, welche Inhalte wir behalten und welche wir ersetzen sollten.

Da in der Welt, in die die jungen Menschen hineinwachsen, nicht nur Handschrift verwendet wird, müssen wir ihnen die anderen Möglichkeiten zeigen. Das kann sinnvollerweise nur auf Kosten bereits vorhandener Inhalte gehen.

Am Beispiel Handschrift zeigt sich an dieser Stelle die eigentliche Herausforderung der Digitalisierung in der Bildung.

Eine immer komplexer werdende Welt erfordert interdisziplinäres Handeln

Hinzu kommt, dass die alte Unterscheidung von vielen Kompetenzen, ja gar von manchen Fächern, in einer komplexer werdenden Welt immer weniger sinnvoll ist. Das gilt auch für den Dreiklang Lesen, Schreiben, Rechnen. Wir dürfen unsere Kinder nicht in eine Welt zwingen, in der sie voneinander unabhängig Kompetenzen in diesen drei künstlich getrennten Feldern aufbauen. Viel wichtiger ist es, dass sie eine umfassende Kommunikationskompetenz entwickeln.

Wann nutze ich ein Assistenzsystem, wann meine eigene Handschrift? Wie formuliere ich ein Problem so, dass es auch ein Computer versteht? Warum kann ein Emoji, das meine Freunde und ich täglich benutzen, jemandem anderen gegenüber missverständlich sein?

Wenn wir dafür einen Teil der Zeit opfern, die heute für das Unterrichten verschiedener Handschriften aufgewendet wird, ist das kein Beinbruch. Gerade dann, wenn wir ihnen die Vielfalt der heutigen Kommunikation zeigen, werden die Schülerinnen und Schüler selbst erkennen: Der Liebesbrief oder der Eintrag im Tagebuch fühlen sich trotz aller technischen Möglichkeiten anders an, wenn sie mit der Hand geschrieben sind.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Ist Schreibschrift nur noch etwas für Liebhaber? Oder sollte sie auch in Zukunft einen festen Platz in den Lehrplänen haben?

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Steffen Haschler
© Steffen Haschler
Steffen Haschler

Lehrer, Englisches Institut Heidelberg

Der Physiker und Mathematiker (Jg. 1980) wäre zu Beginn seines Studiums nie auf die Idee gekommen, Lehrer zu werden. Gemeinsam mit seinen Schülern entdeckt Steffen Haschler heute im überholten Bildungssystem die Welt. Dabei greift er gern auf Hackathons und fächerübergreifende Projekte zurück. In seiner Freizeit engagiert er sich zudem in mehreren ehrenamtlichen Projekten – unter anderem „Jugend hackt“ und „Chaos macht Schule“. Sein Ziel dabei: Die digitale Mündigkeit von Schülerinnen und Schülern stärken.

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