Chips von STMicroelectronics: Der Umsatz im jüngsten Quartal ist um ein Viertel geschrumpft. - Foto: Bloomberg
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Autochip-Geschäft bricht ein – Aktien reagieren

Der Boom der Stromfahrzeuge ist vorerst vorbei, Europas führende Halbleiterkonzerne schrumpfen in ihrem wichtigsten Segment. Die Kurse an der Börse fallen auf breiter Front.

München. Die Kunden kaufen weniger Elektroautos als erwartet und setzen damit Europas führende Chiphersteller massiv unter Druck. So sind die Erlöse von STMicroelectronics (ST) im zweiten Quartal um ein Viertel eingebrochen.

Und ein Ende der Flaute ist nicht in Sicht: Der französisch-italienische Konzern rechnet für das laufende Quartal mit einem Umsatzminus von knapp 27 Prozent. Das teilte ST an diesem Donnerstag mit.

Konzernchef Jean-Marc Chery reduzierte die Umsatzprognose für das laufende Jahr deshalb erneut um mehr als eine Milliarde Dollar. Das Geschäft entwickele sich lange nicht so gut wie erhofft, warnte Chery: „Entgegen unseren Erwartungen haben sich die Aufträge im Industriebereich im Laufe des Quartals nicht verbessert, und die Nachfrage im Autogeschäft ist zurückgegangen.“

Die Anleger sind angesichts des schwachen Geschäftsverlaufs alarmiert. So ist der Kurs von ST am Donnerstag im frühen Handel in Paris um gut zwölf Prozent eingebrochen. Seit Jahresbeginn haben die Papiere mehr als ein Viertel an Wert verloren.

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Bei den Rivalen sieht es nicht viel besser aus. Der Aktienkurs des Dax-Konzerns Infineon lag am Donnerstagmorgen mit mehr als sechs Prozent im Minus. Im laufenden Jahr verloren die Aktien des größten deutschen Chipkonzerns bereits rund 18 Prozent.

Der niederländische Konkurrent NXP musste schon am Dienstag den größten Kursverlust an einem einzigen Tag seit vier Jahren hinnehmen. Dabei fielen die Aktien zeitweise mehr als neun Prozent. Auslöser des Kurssturzes waren Aussagen von Vorstandschef Kurt Sievers, der am Montagabend ein unerwartet schwaches Geschäft für das laufende Quartal prognostiziert hatte.

Elektroautos sind für die Chipfirmen hochattraktiv

Europas größte Chiphersteller leiden vor allem darunter, dass die Kunden weniger Elektroautos als erwartet kaufen. Die Stromfahrzeuge sind für die Halbleiterkonzerne ausgesprochen lukrativ. Infineon zufolge stecken in einem durchschnittlichen E-Auto Halbleiter im Wert von 1300 Dollar; das sind 550 Dollar mehr als in einem Wagen mit Verbrennungsmotor.

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Allerdings kommt die Mobilitätswende langsamer voran als erwartet. **So kündigte der US-Hersteller General Motors am Dienstag an, ein neues Werk für Elektrofahrzeuge in Detroit erst Mitte 2026 zu eröffnen.**Ursprünglich sollte die Produktion in der Fabrik Ende dieses Jahres starten. Der Konzern senkte kürzlich seine prognostizierte Elektroauto-Produktion für 2024 um 50.000 Einheiten auf 250.000.

Beim deutschen Premiumhersteller Mercedes sickerte jüngst durch, dass die Schwaben wieder mehr Geld für Modelle mit klassischen Triebwerken ausgeben, vor allem für Benziner. Der Kapitalstrom verschiebt sich dadurch bis weit ins nächste Jahrzehnt hinein weg von einem „Electric only“-Ansatz hin zu einem breiten Mix: aus Stromern, Plug-in-Hybriden und reinen Verbrennern.

Chips von NXP: Konzernchef Kurt Sievers glaubt, dass die schlimmste Phase vorbei ist. - Foto: Bloomberg
Chips von NXP: Konzernchef Kurt Sievers glaubt, dass die schlimmste Phase vorbei ist. - Foto: Bloomberg

Und beim Elektroauto-Pionier Tesla ist der Gewinn im zweiten Quartal um fast die Hälfte eingebrochen. Im Autogeschäft des US-Konzerns sank der Umsatz um sieben Prozent auf knapp 20 Milliarden Dollar. Tesla gehört zu den wichtigsten Kunden von ST.

Das alles lastet vor allem auf den europäischen Halbleiterkonzernen, denn sie sind führend bei Autochips. Infineon ist der weltgrößte Hersteller derartiger Halbleiter mit einem Marktanteil von 14 Prozent, so die Analysten von Techinsights. Es folgen NXP und STMicroelectronics. Zusammen beherrschen die Europäer mehr als ein Drittel des Marktes.

Vergangenes Jahr kletterte der Umsatz mit Autochips den Marktforschern zufolge noch um zwölf Prozent. Zum Vergleich: In der Branche insgesamt sind die Erlöse gut acht Prozent gesunken. Dieses Jahr entwickelt sich das Geschäft genau andersherum. Der Markt insgesamt wächst: Die Marktforscher von World Semiconductor Trade Statistics rechnen mit einem Plus von 16 Prozent. Bei Autochips sieht es nicht annähernd so gut aus.

Die Kunden hätten ihre Vorhersagen für Elektroautos zurückgenommen, sagte ST-Chef Chery am Donnerstag in einer Analystenkonferenz. In dem Konzern führt das zu hohen Leerstandskosten. So kommt es, dass der Gewinn im zweiten Quartal um fast zwei Drittel auf nur noch 353 Millionen Dollar geschrumpft ist. Falls die zum zweiten Mal in diesem Jahr reduzierte Prognose eintritt, wird ST dieses Jahr um gut ein Fünftel schrumpfen.

ST verhängt einen Einstellungsstopp

Nun wird bei ST kräftig gespart. Chery: „Wir haben einen Einstellungsstopp verhängt.“ Schon im zweiten Quartal hat der Konzern nur noch 528 Millionen Dollar investiert, halb so viel wie im Vorjahr.

Immerhin, NXP-Chef Sievers glaubt, dass die schwierigsten Zeiten vorbei sind – zumindest für seinen Konzern: „NXP hat die zyklische Talsohle in unseren Geschäftsbereichen erfolgreich überwunden.“

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