Carbon Farming und integrierte Energiesysteme – Landwirtschaft als Schlüssel zur Klimaneutralität
Um die Ziele des EU Green Deal zu erreichen, bedarf es auch geeigneter Bewirtschaftungsmethoden in der Landwirtschaft. Im Interview spricht Sören Piot de Courcelles darüber, wie sich durch Carbon Farming das Klima schützen und gleichzeitig die Bodenfruchtbarkeit steigern lässt.
Herr Piot de Courcelles, im Fokus des Green Deal und der deutschen Klimaziele steht auch die Landwirtschaft. Welche Herausforderungen und Chancen sind damit verbunden?
Sie verursacht rund elf Prozent der Treibhausgasemissionen und bietet zugleich ein großes Potenzial für die Bindung von Kohlenstoff im Boden (BMEL, 2023). Carbon Farming – also die gezielte Speicherung von Kohlenstoff durch Humusaufbau, Agroforstsysteme oder den Einsatz von Pflanzenkohle – ist deshalb weit mehr als ein ökologisches Schlagwort. Es handelt sich dabei um die gangbare Brücke zwischen der Dekarbonisierung unserer Agrarwirtschaft und der Realität landwirtschaftlicher Betriebe.
Inwiefern ist das Thema in den politischen Rahmen und die Praxis eingebunden?
Auf europäischer Ebene ist Carbon Farming Teil des EU Green Deals. Mit dem Carbon Removal Certification Framework arbeitet die EU derzeit an einem Standard, um CO₂-Bindung messbar und handelbar zu machen (Europäische Kommission, 2022). In Deutschland ist der Ansatz im Klimaschutzplan 2050 verankert, der für den Agrarsektor bis 2030 eine Minderung um rund ein Drittel vorsieht (BMU, 2016).
Welche konkreten Praxisprogramme existieren bereits?
Das Bayer Carbon Program etwa testet auf Pilotbetrieben in mehreren EU-Ländern, wie Landwirtinnen und Landwirte für Humusaufbau, Zwischenfruchtanbau oder reduzierte Bodenbearbeitung vergütet werden können (Bayer, 2021).
Was sind die Vorteile und Co-Benefits dieser regenerativen Maßnahmen?
Die Literatur zeigt, dass regenerative Maßnahmen wie Humusaufbau nicht nur Kohlenstoff im Boden speichern, sondern gleichzeitig Bodenfruchtbarkeit und Wasserhaltevermögen verbessern (Lal, 2020). Für Sonderkulturen wie den Weinbau ist dies besonders relevant: Reben reagieren empfindlich auf extreme Wetterereignisse, steigende Temperaturen und Wassermangel (Schultz, 2016). Carbon Farming erhöht hier die Resilienz, indem es die organische Substanz im Boden stärkt und Erosion mindert (Blanco-Canqui & Lal, 2008).
Neben Carbon Farming gewinnt die Integration erneuerbarer Energiesysteme in der Landwirtschaft an Bedeutung. Können Sie etwas zum Thema erneuerbare Energiesysteme und 360-Grad-Ansätze sagen?
Photovoltaik, insbesondere in Form von Agri-Photovoltaik, ermöglicht die kombinierte Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für Energie- und Nahrungsmittelproduktion. Studien zeigen, dass solche Systeme nicht nur Strom bereitstellen, sondern auch die Wasserverdunstung reduzieren, Mikroklimata verbessern und Kulturen wie Reben zusätzlich schützen (Fraunhofer ISE, 2022; Dinesh & Pearce, 2016).
Noch dringlicher ist jedoch die Nutzung von Bestandsgebäuden und deren Dachflächen. Gerade in typischen Gebäudekomplexen mit Hallen, Ställen oder Lagern liegen enorme ungenutzte Potenziale. Die direkte Verwendung von PV-Strom im Eigenverbrauch senkt Emissionen, reduziert Energiekosten und erhöht die Unabhängigkeit von volatilen Märkten (Weselek et al., 2019; IEA, 2021).
Welche Rolle spielt dabei das Energie-Qualitätsmanagement?
Damit diese Systeme effizient wirken, braucht es ein konsequentes Energie-Qualitätsmanagement: Technologien, die Lastspitzen glätten, Eigenverbrauch intelligent steuern und Stromspeicher einbinden. Untersuchungen zeigen, dass Lastmanagement und Speicherintegration die Eigenverbrauchsquote von PV-Anlagen um bis zu 30 Prozent steigern können (Müller et al., 2020).
Insgesamt führt dies zu einem integrierten CO₂-Einsparungsansatz: Carbon Farming zur Bindung von CO₂ im Boden, Photovoltaik auf Dachflächen und Agri-Photovoltaik auf Feldern zur direkten Emissionsvermeidung, ergänzt durch intelligentes Energiemanagement zur optimalen Nutzung. Dieses Zusammenspiel stellt einen zukunftsfähigen Ansatz dar – ökologisch wirksam, ökonomisch tragfähig und technologisch umsetzbar.
Welche Risiken und Herausforderungen sind mit Carbon Farming verbunden?
Es ist kein Allheilmittel. Die genaue Messbarkeit von Kohlenstoffbindung, die Dauerhaftigkeit der Speicherung und die Kosten von Monitoring-Systemen sind zentrale Herausforderungen (Smith et al., 2020). Auch im Energiesektor gilt: Ohne geeignete Regulierung und Investitionsanreize bleiben viele Potenziale ungenutzt (IEA, 2021). Zertifikate müssen robust gestaltet sein, um glaubwürdige Klimawirkung zu entfalten (Schneider et al., 2019).
Welche nachhaltigen Unternehmensvorteile, und welche gesellschaftliche Wirkung ist mit dem Thema verbunden?
Für Betriebe eröffnet die Kombination von Carbon Farming und erneuerbaren Energiesystemen neue Einkommensströme, ergänzt die klassischen Erlöse aus Produktion und Direktvermarktung und stärkt die Versorgungssicherheit. Für Politik und Gesellschaft ist sie ein Beispiel dafür, wie Klimaschutz marktwirtschaftlich tragfähig und praktisch umsetzbar werden kann.
Für Sie ist Carbon Farming keine theoretische Debatte, sondern eine praktische Notwendigkeit. Welche persönliche Verbindung haben Sie zu diesem Thema?
Ich bin in einem Weinbaubetrieb groß geworden – einer Sonderkultur, die besonders sensibel auf den Klimawandel reagiert. Schon heute kämpfen Winzerinnen und Winzer mit Spätfrösten, Trockenstress oder neu auftretenden Schädlingen, die direkt mit steigenden Temperaturen zusammenhängen (Schultz & Jones, 2010). Der Weinbau ist so etwas wie ein Frühwarnsystem der Landwirtschaft: Veränderungen, die anderswo erst in Jahrzehnten sichtbar werden, treffen Reben bereits jetzt.
In der Kombination mit erneuerbaren Energiesystemen sehe ich den entscheidenden Schritt: Wenn Betriebe Dachflächen für Photovoltaik nutzen, mit Energiemanagement ihren Eigenverbrauch optimieren und Carbon Farming als CO₂-Senke einsetzen, entsteht ein ganzheitliches System. Darin liegt die Chance, Landwirtschaft zu einem aktiven Teil der Lösung zu machen – durch den Spagat zwischen ökologischer Verantwortung und wirtschaftlicher Tragfähigkeit.
Ihre berufliche Laufbahn begann 2016 als Junior Communications Manager bei NWC Communications im Bereich „Automotive & Consumer Goods“. Was war dort Ihre Aufgabe?
Dort betreute ich namhafte Kunden wie Aldi Süd – mit der maßgeblichen Verantwortung für die Kommunikation der Weinwelt –, um meinen Studienabschluss sowie meine familiäre Expertise im Bereich Weinbau zu nutzen.
2017 wechselten Sie zur Roch Services GmbH, dem europäischen Marktführer für Standsicherheitsprüfungen. Welche Verbindung gab es hier zu den Sustainable Development Goals, vor allem SDG 11 (Städte und Kommunen)?
Das dort eingesetzte, patentierte Verfahren ermöglicht es, mittels hydraulisch gesteuerter Belastungsprüfungen die Standsicherheit von Masten und vergleichbaren Systemen zerstörungsfrei und nachhaltig zu überprüfen. Damit wird Kommunen, Versorgern und Unternehmen eine kosteneffiziente Alternative zum pauschalen Austausch intakter Masten geboten – ein wichtiger Schritt in Richtung nachhaltiger Infrastruktur. Die Zeit bei Roch Services war für mich der Grundstein im Bereich Nachhaltigkeit und Technologie.
Wie ging es danach beruflich weiter?
2018 gründete ich gemeinsam mit meinem damaligen Chef und Mentor Mathias Roch die Kommunikationsberatung MRG Communications, die sich als erste deutsche Agentur auf die Kryptowirtschaft und Blockchain-Technologie spezialisierte. Zusätzlich brachte auch mein ehemaliger Universitätsprofessor Prof. Dr. Thomas Garms als weiterer Partner der Agentur seine verlegerische Erfahrung ein, und im Rahmen unserer Partnerschaft verantwortete ich im von ihm herausgegebenen Materialist Magazine das Ressort Wirtschaft & Digitales. Parallel war ich Head of Marketing bei der Kurant GmbH, wo ich den Markteintritt und Ausbau von Europas größtem Betreiber und Vertreiber von Cryptocurrency-ATMs begleitete.
2021 entschied ich mich, meine Anteile an MRG Communications zu verkaufen. Der Grund lag nicht in fehlender Perspektive, sondern in familiärer Verantwortung: Die plötzliche schwere Erkrankung meiner Mutter machte es notwendig, dass ich so schnell wie möglich in unser Familienunternehmen eintrat und als nächste Generation das Ruder übernahm. Von 2023 bis 2025 übernahm ich deshalb Verantwortung in der Geschäftsführung der familieneigenen Beteiligungs- und Verwaltungsgesellschaft. Meine Schwerpunkte lagen verwalterisch in den Agrarsektoren Weinbau und Grünlandwirtschaft sowie betriebswirtschaftlich in den Geschäftsfeldern Seniorenbetreuung und Geriatrie.
Seit April 2025 bin ich Head of Marketing and Communications bei Landerer Energie, einem Anbieter ganzheitlicher Energielösungen für Industrie, Agrar und Gewerbe. In dieser Rolle verbinde ich meine Erfahrungen aus mittelständischen Strukturen und Landwirtschaft mit meinem technologischen Hintergrund – von digitalen Anwendungen bis hin zu nachhaltigen Prüf- und Energiesystemen. So bewege ich mich sicher an der Schnittstelle zwischen traditioneller Wirtschaft und moderner Technologie.
Im Interview zitierte Quellen:
Bayer. (2021). Bayer Carbon Program. Leverkusen: Bayer AG.
Blanco-Canqui, H., & Lal, R. (2008). Principles of Soil Conservation and Management. Dordrecht: Springer. https://doi.org/10.1007/978-1-4020-8709-7
BMEL – Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. (2023). Klimaschutz in der Landwirtschaft – Emissionen und Potenziale. Berlin: BMEL.
BMU – Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. (2016). Klimaschutzplan 2050. Klimaschutzpolitische Grundsätze und Ziele der Bundesregierung. Berlin: BMU.
Dinesh, H., & Pearce, J. M. (2016). The potential of agrivoltaic systems. Renewable and Sustainable Energy Reviews, 54, 299–308. https://doi.org/10.1016/j.rser.2015.10.024
Europäische Kommission. (2022). Carbon Removal Certification Framework (CRCF). Brüssel: Europäische Union.
Fraunhofer ISE. (2022). Agri-Photovoltaics: Innovative Landnutzung für Ernährung und Energie. Freiburg: Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme.
IEA – International Energy Agency. (2021). Renewables 2021: Analysis and forecast to 2026. Paris: IEA.
Lal, R. (2020). Regenerative agriculture for food and climate. Journal of Soil and Water Conservation, 75(5), 123A–124A. https://doi.org/10.2489/jswc.2020.0620A
Müller, B., Schmid, J., & Hoffmann, C. (2020). Lastmanagement und Speicherintegration in PV-Systemen. Energiesysteme der Zukunft, 9(2), 45–53.
Schneider, L., Broekhoff, D., Cames, M., Füssler, J., La Hoz Theuer, S., & Wehrli, J. (2019). Robust greenhouse gas accounting rules for market mechanisms. Berlin: Umweltbundesamt.
Schultz, H. R. (2016). Global climate change, sustainability, and viticulture. Journal of Wine Economics, 11(1), 181–200. https://doi.org/10.1017/jwe.2015.29
Schultz, H. R., & Jones, G. V. (2010). Climate induced historic and future changes in viticulture. Journal of Wine Research, 21(2–3), 137–145. https://doi.org/10.1080/09571264.2010.530098
Smith, P., Soussana, J.-F., Angers, D., Schipper, L., Chenu, C., Rasse, D., … Paustian, K. (2020). How to measure, report and verify soil carbon change to realize the potential of soil carbon sequestration for atmospheric greenhouse gas removal. Global Change Biology, 26(1), 219–241. https://doi.org/10.1111/gcb.14815
Weselek, A., Ehmann, A., Zikeli, S., Lewandowski, I., Schindele, S., & Högy, P. (2019). Agrophotovoltaic systems: applications, challenges, and opportunities. Applied Energy, 265, 114737. https://doi.org/10.1016/j.apenergy.2019.114737
Weiterführende Informationen:
Industriepolitische Maßnahmen für eine zukunftsfähige Industriepolitik
Warum Gesundheit nicht nur in uns, sondern auch im Boden beginnt
Klimaneutralität in der Industrie. Aktuelle Entwicklungen – Praxisberichte – Handlungsempfehlungen. Hg. von Ulrike Böhm, Alexandra Hildebrandt, Stefanie Kästle. Springer Gabler Verlag, Heidelberg, Berlin 2023.
Zukunft Stadt: Die globale und lokale Bedeutung von SDG 11. Wie die sozialökologische Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft gelingen kann. Handlungsempfehlungen – Chancen – Entwicklungen. Hg. von Alexandra Hildebrandt, Matthias Krieger und Peter Bachmann. SpringerGabler. Berlin, Heidelberg 2025.
