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Das Ende der Wahrheit: Sind Journalismus und Wissenschaft in Gefahr?

Warum das erodierte Vertrauen in Journalismus und Wissenschaft eine Gefahr für eine demokratische Gesellschaft ist – und was wir dagegen tun können.

Die Erforschung unserer Welt und die Einordnung der Erkenntnisse ist unter anderem die Aufgabe von Wissenschaft. Ihre Erkenntnisse sind Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses. Wenn allerdings Tatsachen wie der Klimawandel geleugnet oder relativiert werden, wird der Wissenschaft die Basis entzogen und das Fundament unserer Demokratie erschüttert. Der Wissenschaftshistoriker Prof. Bernhard Kleeberg von der Universität Erfurt verweist auf einen Wandel – das Vertrauen in die Wissenschaft erodiere.

Doch woher kommt der zunehmende Hass auf die Wissenschaft? Hat sie den Anschluss an die Gesellschaft verloren? Was sind die Ursachen für die wachsende Wissenschaftsskepsis? Vor allem während der Pandemie wurden Tatsachen, Meinungen und Ängste miteinander vermischt. Es dominierte der Meinungskampf, und Aussagen wurden beliebig gemacht. Wissenschaftliche Differenzierungen wurden ausgelassen, Urteile und Erklärungen dienten vielfach den eigenen Interessen. Unverstandenes wurde für böse gehalten.

All dies hat der Wissenschaft und der Debattenkultur geschadet.

Leichtgläubigkeit und Aberglauben nehmen heute immer mehr zu, und viele Menschen ziehen sich in sich selbst zurück, weil sie nur hier die Stabilität finden, die es „draußen“ nicht mehr gibt. Die Verfassungs- und Strafrechtlerin Elisa Hoven warnt in ihrem Buch „Das Ende der Wahrheit?“ ebenfalls vor den Gefahren für die Demokratie. Die Verbreitung von Falschinformationen würde zu Polarisierung führen und das Vertrauen in Institutionen untergraben. In der aktuellen Lage sieht sie eine akute Gefahr für eine offene Gesellschaft und fordert dringliches Handeln (zum Beispiel Verschärfung des Strafrechts, mehr Medienkompetenz).

Auch der Literaturwissenschaftler Georg Mein widmet sich in seinem Essay „Das Prinzip Universität. Warum Demokratie Wissenschaft braucht“ der Krise der Universität und Wissenschaft in Zeiten von Fake News und Populismus. Er zeichnet die Geschichte der Institution von der Humboldt’schen Idee bis zur Gegenwart nach und fragt nach den Funktionen, die eine Universität heute erfüllen muss, um einer demokratischen Gesellschaft Orientierungsinstanz und kritische Stimme zugleich sein zu können.

Diese drei Grundprinzipien würden die Universität als Institution stärken und dabei helfen, sich gegen eine Vereinnahmung durch Politik, Ökonomie und neoliberale Tendenzen zu behaupten: Reflexion, Rationalität und Selbstkorrektur. Sie lassen sich nach Mein auf folgende Formel bringen: „Öffentliche Relevanz durch disziplinäre Selbstreflexivität, Kritikfähigkeit durch wissenschaftliche Handlungsrationalität, Ergebnisoffenheit und prinzipielle Bereitschaft zur Selbstkorrektur durch strukturellen Einbau von Kontingenz.“ Gerade weil wissenschaftliche Praxis auf Argumenten, Belegen und der Bereitschaft zur Kritik beruht, fördert sie jene Form von Öffentlichkeit, ohne die eine demokratische Gesellschaft nicht bestehen kann.

Für eine freie Wissenschaft wird ein gemeinsames Verständnis von Wirklichkeit benötigt, ein stabiler Konsens, der auf sachlichen Informationen beruht. Voraussetzung dafür sind verlässliche Kriterien, die uns darin unterstützen, die Wertigkeit von Informationen richtig zu verorten. Leider werden Fakten heute häufig nicht mehr abgeglichen und eingeordnet – es geht oft nur noch darum, Recht zu haben. Derselbe Mechanismus funktioniert bei Verschwörungsmythen.

Damit verbunden ist ein Klima der Unsicherheit: Hier gedeihen Misstrauen und Klickraten. Vor einiger Zeit wurde die Faktenprüfung (Faktenchecker) von Beiträgen auf X abgeschafft, danach folgte Mark Zuckerberg für die Dienste seines Konzerns Meta in den USA. Kritiker verweisen darauf, dass es den Techmillionären in Wahrheit nur um Macht und Geld geht und Nutzer einem Algorithmus ausgesetzt werden, der Aufmerksamkeit belohnt (soziale Medien als Erregungsbeschleuniger) und Falschinhalte nicht kennzeichnet.

Professionelle Faktenchecks (zum Beispiel Content Credentials) berichtigen falsche Informationen. Die Überzeugung von Faktenchecks hängt einerseits davon ab, ob den Faktencheckern vertraut wird, und andererseits, inwiefern es beim Teilen einer faktischen Aussage überhaupt um deren Richtigkeit geht. Vor allem in politischen Debatten werden teilweise falsche Aussagen übernommen.

Hier geht es nicht um Faktizität, sondern politische Identität.

Im Journalismus dient der Faktencheck als eine Methode zur Wahrheitsfindung. Dazu gehören ein Abgleich der Inhalte mit verlässlichen Nachrichtenportalen, wissenschaftlichen Publikationen oder offiziellen Dokumenten. Spezialisierte Websites wie FactCheck.org oder Snopes können zur Überprüfung herangezogen werden. Allerdings ist diese Methode nach Prof. Bernhard Kleeberg oft nur bedingt geeignet: „Faktenchecks, die nicht während eines Gesprächs stattfinden, sondern im Nachhinein veröffentlicht werden, führen häufig nur dazu, dass bestimmte Falschaussagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.“ Nutzer würden diese Faktenchecks nicht genau lesen, sondern nur das (gehypte) Thema sehen. In den Gruppen, in denen Falschinformationen sehr stark zirkulieren, können sie eine gefährliche Wirkung entfalten, indem sie existierende Vorurteile oder Überzeugungen weiter bestärken.

Faktisch richtige Informationen haben es hier schwer, sich gegenüber bereits bestehenden Meinungen und anderen mit ihr im Wettbewerb stehenden Informationen durchzusetzen. Diese Entwicklung führt dazu, dass sich immer mehr Menschen vom Qualitätsjournalismus abwenden. Doch seine Förderung als Servicemodell ist unabdingbar. Es braucht zur Sicherstellung der Wertigkeit von Informationen Redaktionen als Filterstationen, die Informationen kuratieren und priorisieren sowie kritisch bewerten, eine zielgenaue Auswahl treffen und Zusammenhänge aufbereiten. Auch das gehört in den großen Kontext der Nachhaltigkeit.

Weiterführende Informationen

Dr. Alexandra Hildebrandt schreibt über Wirtschaft & Management, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Internet & Technologie

Als Publizistin, Herausgeberin, Bloggerin und Nachhaltigkeitsexpertin widme ich mich den Kernthemen Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Beim Verlag SpringerGabler habe ich die CSR-Bände zu Digitalisierung, Energiewirtschaft und Sportmanagement herausgegeben sowie "Klimawandel in der Wirtschaft".

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