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Dead-Ende für Publisher: So eindringlich warnen Experten vor einem Chrome-Kauf durch Perplexity

Die Marktmacht von Google ist Wettbewerbshütern schon lange ein Dorn im Auge. Über die Forderung der US-Regierung, den Konzern wegen seines Monopols bei der Web-Suche zu zerschlagen, soll ein US-Gericht noch im August entscheiden. Perplexity hat jetzt ein formales Angebot für Chrome abgegeben. Ein Szenario, vor dem Experten warnen.

Für das nicht einmal drei Jahre alte KI-Start-up wäre es ein Mega-Deal: Satte 34,5 Milliarden Dollar will Perplexity für Googles Chrome-Browser auf den Tisch legen. Den Milliarden-Zukauf, den der Chef des US-Start-ups, Aravind Srinivas, in diesen Tagen Google-Chef Sundar Pichai in einem Brief vorgeschlagen haben soll, würde der mit lediglich 18 Milliarden Dollar bewertete KI-Suchmaschinenbetreiber mithilfe externer Investoren stemmen, heißt es. So hätten mehrere Fonds angeboten, das Projekt "Solomon", wie die Akquisition intern getauft wurde, vollständig zu finanzieren, berichtet Reuters mit Verweis auf eine mit der Angelegenheit vertraute Person.

Sollte es tatsächlich zu einem erzwungenen Verkauf von Chrome kommen, dürfte Perplexity allerdings nicht der einzige Bieter bleiben. Neben dem ChatGPT-Anbieter OpenAI sollen auch Yahoo und die Beteiligungsgesellschaft Apollo Global Management Interesse an Chrome bekundet haben, berichtet das Manager Magazin

Für Publisher ist dieses Geschäftsmodell ein 'dead end'. Sie verkommen zu unbezahlten und unsichtbaren Inhaltelieferanten für Perplexity.
Thomas Höppner

Dass sich Perplexity finanziell für seine Verhältnisse weit aus dem Fenster lehnt, ist kein Wunder. Weltweit gehen derzeit rund 3,5 Milliarden Menschen mit Chrome ins Netz. Der globale Marktanteil liegt damit bei mehr als 60 Prozent. "Wer Chrome kontrolliert, entscheidet am Ende darüber, zu welchen Seiten ein Großteil der Nutzer navigieren wird", erklärt Thomas Höppner gegenüber HORIZONT. Aus Sicht des Juristen, der sich als Experte für Wettbewerbsrecht in digitalen Märkten einen Namen gemacht hat, ist Chrome auch deshalb von großem strategischem Wert, weil der Eigner des Browsers gleichzeitig auch Herr der Cookies ist und somit die Kontrolle über die Personalisierung von Suchdiensten und Werbung erlangt. "Darum kommt dem Browser eine erhebliche Bedeutung im Ökosystem zu", sagt Höppner. 

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Entsprechend groß wären die Folgen eines Chrome-Verkaufs - vor allem für die Alphabet-Tochter Google. "Je mehr Anfragen zukünftig von Perplexity beantwortet werden, desto weniger Gelegenheit hat Google, suchbasierte Werbung einzublenden - das Kerngeschäft von Alphabet", sagt Höppner. Doch er sieht auch andere Verlierer. "Durch die angekündigte Integration von Shopping-Features, bis hin zu einem eigenen Check-Out, könnte Perplexity aber langfristig auch Amazon herausfordern", glaubt Höppner. 

Google liefert immer weniger Traffic an die Publisher, die LLMs aber so gut wie gar keinen.
Matthias Schrader
Matthias Schrader

Auch wenn in diesem Falle David Goliath massiv schaden würde, zu Fall bringen wird Perplexity die Alphabet-Tochter nicht. "Googles Marktmacht hängt nicht an Chrome", sagt etwa Matthias "Mattes" Schrader. Aus Sicht des Digital-Pioniers, der einst SinnerSchrader gründete und 2024 mit WPP die Beratungsagentur Oh-So Digital aus dem Boden stampfte, basiert der Erfolg des Konzerns vielmehr auf einem ganzen Ökosystem aus Suche, YouTube, Gemini, Ad-Tech, Cloud, Apps und Chrome.

Auch Christian Bachem kann sich kaum vorstellen, dass Perplexity mit dem Deal die Kräfteverhältnisse im Big-Tech-Markt neu definieren würde. Zwar erkennt der Digitalexperte durchaus an, dass der Zugang zu den 3,5 Milliarden Chrome-Nutzern von großem Wert ist. "Hieraus entsteht allerdings keine vertikal integrierte Plattform, die vom Frontend bis zu einer Backend-Infrastruktur aus eigenen Rechenzentren und GPUs reicht", sagt der Managing Partner der Strategieberatung Markendienst Berlin. Daher bliebe die Marktmacht von Perplexity zumindest "auf Sicht begrenzt". Deutlich größer wären aus seiner Sicht die Auswirkungen des Chrome-Deals auf den direkten Wettbewerb mit anderen KI-Anbietern wie OpenAI oder Anthropic. "Hier würde sich Perplexity einen strategischen Vorteil verschaffen", glaubt Bachem. 

Perplexity gibt sich bislang wenig Mühe, als Heilsbringer erscheinen zu wollen.
Christian Bachem
Christian Bachem

Weitere Gewinner eines möglichen Chrome-Verkaufs außer Perplexity sind derzeit nicht in Sicht - schon gar nicht auf Seiten der Verlage. Aus Sicht Schraders wäre eine Übernahme des Browsers durch das KI-Start-up für Publisher sogar eine schlechte Nachricht. "Google liefert immer weniger Traffic an die Publisher, die LLMs aber so gut wie gar keinen. Google ist immer noch das Beste von allem Schlechten", sagt er. Ganz ähnlich sieht das Bachem. "Perplexity gibt sich bislang wenig Mühe, als Heilsbringer erscheinen zu wollen", sagt der Markendienst-Chef. So sei jüngst ruchbar geworden, dass die Perplexity-KI-Crawler Sperren auf Websites gezielt umgehen. Daher sei das KI-Start-up "eher Menetekel denn Messias". 

Am drastischsten warnt Höppner vor dem Chrome-Perplexity-Deal. Dieser sei für Publisher "das denkbar schlechteste Ergebnis des US-Kartellverfahrens". Grund: "Perplexity tritt die Interessen von Verlegern noch stärker mit Füßen als Alphabet", findet Höppner. Der Experte für Wettbewerbsrecht im Digitalen befürchtet, dass Verlage in diesem Fall sogar noch weniger Traffic und weiterhin keine ernst zu nehmende Vergütung für ihre verlegerischen Leistungen erhalten und "zu unbezahlten und unsichtbaren Inhaltelieferanten" für Perplexity verkommen würden. Für die Publisher sei dieses Geschäftsmodell daher ein "dead end".

Dead-Ende für Publisher: So eindringlich warnen Experten vor einem Chrome-Kauf durch Perplexity

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