Foto: Pixabay

Einblicke in die Psychologie der Dummheit

Der österreichische Psychologe und Intelligenzforscher Jakob Pietschnig forscht an der Universität Wien zur Intelligenz und widmet sich auch der Definition und dem Verständnis von Dummheit, die häufig an irrationalen Entscheidungen und der Unfähigkeit erkennbar ist, aus Fehlern zu lernen.

Dummheit ist weitaus komplexer als nur mangelnde Intelligenz.

So können auch hochintelligente Menschen situationsabhängig „dumm“ handeln. Zu ihnen gehört auch Apple-Gründer Steve Jobs: Als bei ihm 2003 ein Inselzelltumor diagnostiziert wurde, weigerte er sich, sich operieren zu lassen. Er vertraute nur der Naturheilkunde. Neun Monate später hatte sich der Tumor bis zur Bauchspeicheldrüse ausgebreitet. Der Fortgang der Krankheit war nicht mehr aufzuhalten. Das irrationale Handeln intelligenter Menschen mag verstörend wirken. Doch es kommt häufiger vor, als wir denken.

„Die Wahrnehmung dummen Handelns hat sich in letzter Zeit deutlich vermehrt“, sagt die Linzer Gerichtspsychiaterin und Autorin Heidi Kastner. Dummheit vergeht nicht – es bleibe oft nur „Resignation“. In ihrem Essay „Dummheit“ verweist sie auf offene Forschungsfragen sowie auf Autoren wie Robert Musil, Saul Bellow, Doris Lessing, Carlo Cipolla, die sich mit dem Thema beschäftigt haben.

Dazu gehört auch die politische Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt (1906–1975). Ihre Worte werden auch heute gebraucht, weil die Gemeinsamkeit der Welt heute immer mehr abnimmt, „Aberglauben und Leichtgläubigkeit“ zunehmen und „sich die Menschen auf ihre Subjektivität zurückziehen“. 1955 schrieb sie, dass „in einer sich ständig wandelnden, unverständlichen Welt“ die Massen den Punkt erreicht hätten, „an dem sie gleichzeitig alles und nichts glaubten, alles für möglich und nichts für wahr hielten“.

Die Komplexität der Welt hat in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen und sei für viele überfordernd, so Kastner. Dummheit basiert ihrer Meinung nach auf mehreren Säulen, die von „Denkfaulen“, „Lernverweigerern“, „Verschwörungstheoretikern“, „Faktenverweigerern“ und „Ignoranten“ gebildet werden. Als fundamentale Dummheit erkennt sie „die Verweigerung eines Lebens in begrenzter, geordneter Freiheit, das als Grundprinzip aller demokratischen Gesellschaftsstrukturen verstanden werden muss“. Den Aspekt des „Erkennens“ vermisst sie auch in der Klimakrise (Bedrohung der Bequemlichkeit des Einzelnen, kurzfristige Unternehmensgewinne etc.).

In ihrem Buch „Feigheit“ fordert sie wieder mehr Anstand und Sanktionen, denn derzeit erleben wir einen Wandel moralischer Forderungen und ein Scheitern davon. In einem solchen Klima hat Faktenverweigerung Hochkonjunktur. Hier gedeihen Systeme des Wegschauens, des Sich-Schönredens (zum Beispiel  von Übergriffen und Machtmissbrauch) und der Feigheit. Doch wenn wir Angst haben, uns die Finger zu verbrennen, verschieben sich nach Kastner die Grenzen des Sagbaren immer weiter und niemand steht mehr für seine moralischen Überzeugungen ein.

Die Dummheiten wechseln, und die Dummheit bleibt.
Erich Kästner

Dummheit lässt sich nicht wie Intelligenz (IQ) messen, da es keinen formalisierten Test dafür gibt. Pietschnig hält die Aussage „wir werden alle dümmer“ oder „Intelligenz-Höhepunkt erreicht“ allerdings für unseriös. Doch woher kommt sie? Eine Studie von 2018 kam zum Ergebnis, dass der IQ bei norwegischen Rekruten im Vergleich zu früheren Generationen sinke. Es sei nach Ansicht des Intelligenzforschers allerdings verfehlt, deshalb von einer generellen Abnahme der Intelligenz – die sich aus Anlage- und Umweltkomponenten zusammensetzt, die für die Entfaltung der genetischen Ressourcen benötigt werden – zu sprechen.

Die Aussagen in den Medien beziehen sich auf einzelne Studien, die einen Anti-Flynn-Effekt festgestellt haben: Bis weit ins 20. Jahrhundert wurde beobachtet, dass der IQ international gestiegen ist. Seit den 1980er-Jahren ist eine Verlangsamung aufgefallen. Mittlerweile gibt es erste Zeugnisse dafür, dass einige Länder eine Umkehr des Flynn-Effekts zeigen. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir alle dumm werden – vielmehr werden unsere Fähigkeiten anders benötigt.

Die Erkenntnisse belegen, dass der Effekt unbeständig wird und nicht alle Domänen betrifft. So wurde in Österreich nur ein sinkender IQ bei der Raumvorstellung festgestellt. Es sei nach Pietschnig deshalb verfehlt, von einer Abnahme des IQs international zu sprechen.

Dennoch haben bestimmte Spielarten der Dummheit in den letzten Jahren zugenommen. Das bestätigt auch der auch Neuropsychologe Sebastian Dieguez. Für ihn hat in den letzten Jahren vor allem eine bestimmte Spielart der Dummheit zunehmende öffentliche Präsenz erlangt: der „Bullshit“. Nach dem Philosophen Harry Frankfurt ist damit eine Haltung gemeint, in der ein völliges Desinteresse an der Wahrheit zum Ausdruck kommt. Faktizität ist kein relevantes Kriterium mehr:

Heute ist das Ziel eher, unser Verhältnis zur Wahrheit komplett zu erschüttern sowie jedes vertrauensvolle Miteinander zu unterminieren.
Harry Frankfurt

Weiterführende Informationen

Dr. Alexandra Hildebrandt schreibt über Wirtschaft & Management, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Internet & Technologie

Als Publizistin, Herausgeberin, Bloggerin und Nachhaltigkeitsexpertin widme ich mich den Kernthemen Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Beim Verlag SpringerGabler habe ich die CSR-Bände zu Digitalisierung, Energiewirtschaft und Sportmanagement herausgegeben sowie "Klimawandel in der Wirtschaft".

Artikelsammlung ansehen