Jobsuche mit über 50: „Viele ältere Beschäftigte unterschätzen massiv, wie schwierig die Jobsuche ist“
Teuer, unflexibel, schwierig zu führen – diese Vorurteile lassen Bewerbungen von älteren Menschen häufig direkt in den Papierkorb wandern. Doch was ist da dran? Und wie können Ü50-Bewerber dennoch überzeugen?
Es scheint, als hätten die deutschen Unternehmen den Wert älterer Mitarbeiter inzwischen erkannt: 2011 war nicht einmal die Hälfte der 50- bis 74-Jährigen beschäftigt, seitdem ist der Anteil kontinuierlich gestiegen. 2022 lag er bei knapp 57 Prozent, deutlich über dem Schnitt anderer Industrienationen.
Doch diese Zahlen sind trügerisch, erklärt Ulrich Walwei, Vizedirektor am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Denn die Erwerbstätigkeit der Älteren habe sich vor allem dadurch erhöht, dass sie im Schnitt länger im Job verbleiben als früher. „Die Einstellungschancen sind dagegen nicht gestiegen.“
Das bedeutet: Die Suche nach einem neuen Job dauert bei Menschen über 50 immer noch deutlich länger als bei Jüngeren, insbesondere aus der Arbeitslosigkeit heraus. Ein Problem, das lange durch die gute Arbeitsmarktlage überdeckt wurde – aber jetzt wieder zunehmend an Dringlichkeit gewinnt. Deshalb warnt Walwei: „Eine Stelle freiwillig aufzugeben, kann für Ältere ein Spiel mit dem Feuer sein.“
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Vorteil Betriebswissen entfällt
Viele Unternehmen sind also gewillt, ihre erfahrenen Kolleginnen und Kollegen länger zu halten als früher – zögern aber, ältere Mitarbeiter neu einzustellen. Wie kommt das? „Ein großer Vorteil von vielen älteren Beschäftigten ist ihr Betriebswissen“, erklärt Walwei. „Dieser Vorteil entfällt, wenn sie einen neuen Job finden müssen.“
Demgegenüber stehen dann die Nachteile, die mit älteren Beschäftigten assoziiert werden. So gelten sie zum Beispiel als unbequemer. „An diesem Vorurteil ist schon etwas dran“, sagt Claudia Michalski, Geschäftsführerin der Beratung OMC. Zwar seien manche Bedenken von Führungskräften übertrieben. Aber: „Natürlich haben ältere Mitarbeiter oft ein größeres Selbstbewusstsein, sind tendenziell haltungsstärker und dadurch schwerer führbar.“
Michalski, selbst 58 Jahre alt, unterstützt Führungskräfte bei der Suche nach einem neuen Job. Keine leichte Aufgabe. „Viele ältere Beschäftigte, besonders Führungskräfte, unterschätzen massiv, wie schwierig die Jobsuche ist.“ Neben dem Thema Führbarkeit spielt auch die vermeintlich geringere Produktivität eine große Rolle.
Denn zum einen sind ältere Beschäftigte statistisch betrachtet häufiger krank: Während die 30- bis 34-Jährigen laut Daten der Krankenkasse DAK im Schnitt vier Prozent ihrer Arbeitszeit durch Krankheit versäumen, liegt diese Quote bei den 50- bis 59-Jährigen bei gut sechs Prozent und bei den Über-60-Jährigen gar bei knapp neun Prozent. Zum anderen werde den Älteren ein geringeres Arbeitstempo unterstellt, so Michalski. Auch das teilweise zurecht – wobei Erfahrung in vielen Bereichen eine etwas gemächlichere Taktung wettmachen könne.
Weiterbildung: effektiv, aber zu selten
Zudem werden älteren Bewerbern geringere Digitalkompetenzen zugeschrieben. Zwar seien viele ältere Beschäftigte sehr fit im Umgang mit neuen Technologien. „Es gibt aber eben auch den Teil, der in dieser Hinsicht immer noch Berührungsängste hat“, meint Michalski.
Hier könnten Weiterbildungen zwar helfen, doch auch da gibt es ein Problem, berichtet Ulrich Walwei vom IAB: Denn die Daten zeigen, dass ältere Arbeitnehmer seltener an entsprechenden Maßnahmen teilnehmen. Das gelte sowohl für betriebliche Weiterbildungen als auch für staatlich finanzierte Programme. „Dabei wissen wir aus Untersuchungen, dass Weiterbildungen für ältere Arbeitnehmer sogar besonders effektiv sind.“
Und noch ein Punkt erschwert die Jobsuche für die Altersgruppe Ü50: das Geld. Denn in Deutschland wird Seniorität typischerweise stark entlohnt – am meisten verdienen Menschen hierzulande mit Anfang 50. Wer sich in diesem Alter bei einem neuen Arbeitgeber bewirbt, hat oft eine entsprechende Gehaltsvorstellung. „Diese hohen Ansprüche sind aber oft unrealistisch“, sagt Beraterin Claudia Michalski. Das gelte insbesondere für ehemalige Führungskräfte aus großen Unternehmen. „Wer sich 30 Jahre bei einem Konzern hochgearbeitet hat, erwartet dafür oft Anerkennung, dabei wirkt so eine lange Betriebszugehörigkeit auf andere Arbeitgeber eher abschreckend.“ In diesen Fällen seien Jobwechsel oft mit deutlichen Gehaltseinbußen verbunden.
Älteren Beschäftigten rät Michalski deshalb, genau abzuwägen, ob sie selbst kündigen oder eine Abfindung annehmen wollen. Wer das Wagnis eingeht oder zur Jobsuche gezwungen ist, sollte mögliche Bedenken von Unternehmen bei der Bewerbung antizipieren: etwa, indem er oder sie die eigene Flexibilität, Agilität und digitalen Kompetenzen besonders betont – und durch konkrete Erfolge im Lebenslauf belegt. Dann müssen sie nur noch hoffen, dass sich Personaler die Bewerbungsunterlagen genau ansehen und nicht vorab aufgrund einer Zahl aussortieren.
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