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Karriere-Guide: In 4 Schritten zu mehr Erfolg

Natürlich können Sie nicht alles planen. Aber Sie können etwas dafür tun, damit die richtigen Dinge im richtigen Moment geschehen. Eine Anleitung, wie Sie Ihrem Karriereglück auf die Sprünge helfen.

Von Christian Busch

Als der Buchautor Nico Rose 2018 auf einer Geschäftsreise in Boston war, traf er im Fitnessstudio eines Hotels unerwartet auf den ehemaligen Schwergewichtsweltmeister Wladimir Klitschko. Rose hörte, dass Klitschko und sein Manager versuchten herauszufinden, wo im Hotel das Frühstück serviert wurde. Er erklärte ihnen den Weg, und jeder setzte selbstständig sein Training fort. Als sie fertig waren, suchte Klitschko nach dem Aufzug – Rose half ihm erneut, und sie unterhielten sich weiter. Rose erzählte ihm von seinem neuen Buchprojekt, für welches Klitschko später das Vorwort schrieb.

Hatte Rose erwartet, in einem Bostoner Hotel einen der weltbesten Sportler als Autor für das Vorwort seines Buches zu gewinnen? Sicherlich nicht – aber sein Mindset hatte ein solches Ereignis wahrscheinlicher gemacht.

Wer heute seine Karriere vorantreiben will, ist mit enormer Unsicherheit konfrontiert. Mit unerwarteten Ereignissen umzugehen und sie als Chance zu be­greifen, ist eine Kernkompetenz für ein erfolgreiches Berufsleben. Genau hier kommt Serendipität (Englisch: Serendipity) ins Spiel: die Fähigkeit, Glück dort zu finden, wo man es nie gesucht hätte.

Meine Forschung an der London School of Economics und der New York University, Interviews mit ganz unterschied­lichen Führungskräften sowie eine systematische Literaturanalyse zeigen, dass genau diese Fähigkeit heutzutage entscheidend für den Erfolg ist.

Die gute Nachricht: Man kann genau das lernen. Auf Basis unserer Forschung habe ich vier Prinzipien herausgearbeitet, die Individuen und Organisationen dabei helfen können, den eigenen Serendipitätsmuskel zu trainieren.

Wir gehen oft davon aus, dass unser Leben linear verläuft – obwohl es de facto voller Wendungen ist. Trotzdem scheinen wir immer den Eindruck vermitteln zu wollen, wir hätten alles unter Kon­trolle. Dabei sollte eigentlich jedem von uns klar sein, dass vollkommene Kontrolle eine Illusion ist. Wer hat nicht schon einmal seinen Lebenslauf so präsentiert, als sei dieser einem kohärenten Plan gefolgt, oder hat eine spontane Eingebung als Ergebnis einer sorgfältigen Analyse verkauft?

Dabei liegt das Glück oft dort, wo wir uns von der Illusion verabschieden, alles unter Kontrolle zu haben. Untersuchungen belegen, dass uns besonders jene Führungskräfte nachhaltig beeindrucken, die starke eigene Werte und keine Angst vor Unbekannten haben. Paul Polman, der ehemalige CEO von Unilever, hat es sich etwa zur Regel gemacht, sich einer Vielzahl von Projekten anzunehmen. Er gleicht jedes einzelne aber mit seiner Vision ab, Menschen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können. Überzeugungen wie diese können ein Kompass für das eigene Handeln sein.

Oder nehmen Sie Amina Aitsi-Selmi. 2014 stand die ausgebildete Ärztin an einem Scheideweg ihrer Karriere. Ihre Freunde empfahlen ihr den sicheren Karriereweg in der Medizin, aber ihr erschien er trostlos und festgefahren. Ihr Jugendtraum, im Bereich globaler Gesundheit zu arbeiten, rückte in weite Ferne.

Eines Morgens betrat sie einen Aufzug in London und grüßte eine Frau, die ebenfalls einstieg. Sie sprachen über das ­Wetter – und plötzlich machte es klick. „Wer sind Sie?“, fragte die Frau. Amina erklärte, was sie tat, erwähnte aber auch, dass sie eigentlich sinnstiftender arbeiten wollte. Die Frau lud Amina in ihr Büro ein, um sich weiter zu unterhalten. Es stellte sich heraus, dass sie die stellvertretende Vorsitzende eines Arbeitskreises bei den Vereinten Nationen (Uno) war und für ein neues Projekt jemanden mit wissenschaftlichen, technischen und sozialen Fähigkeiten suchte. Eines führte zum anderen. Amina wurde zur Mitverfasserin eines Uno-Berichts und verschiedener anderer Veröffentlichungen, was ihr später zu einer Stelle als Dozentin und Beraterin verhalf. Ihr jahrzehntelanger Traum hatte sich nach einem Jahr der Verzweiflung ­erfüllt – dank eines zufälligen Gesprächs in einem Aufzug.

Bloßer Zufall? Mitnichten. Denn genauso ist das Muster von vielen spannenden Karrieren: Wenn wir unsere Augen für das Unerwartete öffnen und die Chancen wahrnehmen, die links und rechts unseres Weges liegen, finden wir sehr häufig unser Glück.

Wer seinem Karriereglück auf die Sprünge helfen will, ist gut beraten, sich ein paar einprägsame und ansprechende Gesprächseröffnungen bereitzulegen. Bei dieser „Signalstrategie“ geht es darum, interessante Dinge über sich selbst in ein Gespräch einzubringen, um die Chance zu erhöhen, dass jemand eine Gemeinsamkeit findet.

Wenn Sie beispielsweise auf einer Konferenz gefragt werden, was Sie beruflich tun, geben Sie nicht nur Ihre Berufs­bezeichnung an. Erzählen Sie, dass Sie frischgebackener Vater sind, gern Menschen zusammenbringen oder sich für Solaranlagen interessieren. Mit dieser Antwort geben Sie Ihrem Gegenüber mehrere Informationen an die Hand (Beruf, Vaterschaft, andere Interessen). Er oder sie kann dann daran anknüpfen und mögliche Verbindungen erkennen – wodurch oft Serendipität entsteht. Nennen Sie ­lediglich Ihren Beruf, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der oder die andere sich ­Ihnen in irgendeiner Weise verbunden fühlt, recht klein.

Machen Sie sich dafür klar, welche Interessen oder Karriereziele Sie weiterverfolgen möchten. Das macht es einfacher, bewusst Gesprächsangebote zu machen, die Sie in eine spannende Richtung führen können – sei es im Aufzug, im Büro oder auf Konferenzen.

Sie können auch bei größeren Veranstaltungen Signale senden, selbst wenn Sie nicht der Redner sind. Stehen Sie einmal während einer Frage-und-Antwort-Runde auf und sagen etwas wie: „Danke für die inspirierende Präsentation. Als jemand, der gerade [XYZ-Phase] durchlebt hat oder [XYZ-Aktivität] anstrebt, hat mich beeindruckt, was Sie über [XYZ-Thema] gesagt haben. Was würden Sie Menschen wie mir raten?“ Auf diese Weise geben Sie beiläufig Informationen über Ihr Leben und Ihre Karriere an die Anwesenden weiter, die Anknüpfungspunkte für ein Gespräch sein können. Meiner Erfahrung nach gibt es in einer Gruppe von mehreren Hundert Zuhörern immer einige, die auf ein solches Angebot reagieren und einen nach dem Event ansprechen, etwa so: „Was für ein Zufall! Wir arbeiten gerade an XYZ / suchen gerade nach einer XYZ-Person!“.

Ein Beispiel für erfolgreiches „öffent­liches Signalsenden“ ist Michele Cantos: Über mehrere Jahre hinweg arbeitete sie in New York im gemeinnützigen Sektor und unterstützte aufstrebende Studierende. Dann beschloss sie, ein paar Monate in ihr Heimatland Ecuador zu reisen. Am Ende ihrer Auszeit schickte sie eine E-Mail an ein paar Dutzend Bekannte, in der sie mitteilte, dass sie nach neuen Karrierewegen suchte.

Die meisten wünschten Michele alles Gute. Aber eine Bekannte, die gerade einen Bewerbungsmarathon bei einer Technologiefirma durchlaufen, sich letztlich allerdings für einen anderen Job entschieden hatte, reagierte anders. Sie hatte bei dem Unternehmen einen so guten Eindruck hinterlassen, dass der Recruiter sie gefragt hatte, ob sie jemanden kenne, der auf die Stelle passen könnte. Ihr war sofort klar, dass Michele die perfekte Besetzung wäre.

Ihre Empfehlung und Micheles Auf­treten überzeugten das Recruitingteam: Sie erhielt ein Stellenangebot, das sie annahm. Da sie keine Erfahrung in der Technologiebranche hatte, hätte sich Michele selbst nie auf diese Stelle beworben. Doch jemand anderes hatte für sie erkannt, dass sie ihre Fähigkeiten auch in einem ganz anderen Kontext anwenden könnte. Michele hatte – unbewusst – ein Signal für ihr Karriereglück gesendet.

Mithilfe der sozialen Medien und E-Mail ist es möglich, ganze Container von potenziellen Gelegenheiten zu schaffen. Eine Taktik besteht darin, authentische E-Mails an Menschen zu schreiben, die Sie bewundern. Ich kenne viele Führungskräfte, die genau das tun. Sie wären überrascht, wie oft die Empfängerinnen und Empfänger dieser unaufgeforderten Korrespondenz zurückschreiben, weil sie gemeinsame Interessen oder Gründe für ein Engagement sehen. Vielleicht möchte eine Führungskraft in genau dem Bereich expandieren, auf den Sie sich in Ihrem freundlichen Schreiben nebenbei bezogen haben.

Wenn Sie keine E-Mail-Adresse finden, sind auch Twitter oder die Linkedin-InMail-Funktion (mit der Sie Nachrichten an Personen senden können, die Sie nicht kennen) hilfreiche Werkzeuge. In vielen Berufen sind Universitäten ein guter Ausgangspunkt, um Kontakte zu knüpfen. Viele Forschende haben ihre Kontaktdaten auf der Homepage ihrer Universität stehen. Sie kennen in der Regel viele hochrangige Leute außerhalb der Wissenschaftswelt und sind meist offen dafür, Sie zu vernetzen. Über diese ersten Anlaufstellen können Sie Ihr Netzwerk schnell erweitern und Voraussetzungen für Glücksfälle schaffen. Selbst wenn sich nicht sofort etwas ergibt, sind Sie auf dem Radar Ihres Gesprächspartners – vorausgesetzt natürlich, sie oder er liest ihre oder seine E-Mails. Falls nicht, können Sie es immer noch über die sozialen Medien versuchen.

Erinnern Sie sich an Situationen in Ihrem Leben, in denen ein Glücksfall hätte ­eintreten können, aber aufgrund Ihrer eigenen Untätigkeit nicht eingetreten ist? Überlegen Sie genau! Vielleicht saßen Sie mal in einer Besprechung, hatten eine tolle Idee und haben sie dennoch nicht geäußert? Oder Sie hatten auf einer Konferenz eine Frage an einen der Redner, aber sich nicht getraut, sie in aller Öffentlichkeit zu stellen? Schade! Denn wer weiß, vielleicht hätte sich gerade ­dadurch eine bereichernde Begegnung ergeben.

Was war es, was Sie zurückgehalten hat? Ermitteln Sie die Ursache und beseitigen Sie diese. Wenn es zum Beispiel an der Angst vor Zurückweisung lag, könnten Sie sich in die Lage einer möglichen Ablehnung versetzen – und sich daran ­gewöhnen. Statt „Was ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn ich es mache?“ (etwa Zurückweisung), könnten Sie sich auf „Was ist das Schlimmste, was pas­sieren kann, wenn ich es nicht mache?“ ­(beispielsweise Reue) konzentrieren. ­Erinnern Sie sich an das Zitat von Mark Twain: „In 20 Jahren wirst du mehr ­enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast.“

Viele Führungskräfte werden zugeben, dass sie ihre Position nicht nur durch ­Intelligenz und harte Arbeit, sondern auch durch Glück erreicht haben. Warum auch nicht – es ist überhaupt kein Makel. Im Gegenteil: Die Fähigkeit, aktiv das Glück zu suchen, ist eine wesentliche ­Karriereeigenschaft.

Wir können alle besser darin werden, unerwartete Gelegenheiten zu schaffen. Es geht darum, sich den Zufall zum Freund zu machen – statt zu versuchen, unerwartete Ereignisse möglichst zu ­vermeiden. Mit einer solchen Serendipitätsdenkweise kann jede Interaktion einen neuen Weg ebnen – um die Liebe zu finden, einen Investor zu treffen, eine Freundschaft zu schließen, ein neues ­Interesse zu wecken oder einen neuen Job zu bekommen. © HBm 2023

Autor

Christian Buschist Autor des Bestsellers „Erfolgsfaktor Zufall“, Direktor des Wirtschaftsstudiengangs am CGA (Center for Global Affairs) an der New York University und Gastwissenschaftler an der London School of Economics. Zudem ist Busch Mitglied im Expertenforum des Weltwirtschaftsforums und ein Fellow der Royal Society of Arts.

Serendipität

Wussten Sie, dass der Ausdruck Serendipität bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückgeht? Geschaffen wurde das Wort angeblich von dem britischen Autor Horace ­Walpole, dem 4. Earl von Orford. Er nutzte den Ausdruck erstmals in einem Brief vom 28. Januar 1754 an seinen in Florenz lebenden Freund Horace Mann. Walpole ­erklärte, er habe das Kunstwort in Anlehnung an ein persisches Märchen mit dem englischen Titel „The Three Princes of Serendip“ geprägt, weil die drei Prinzen in der Geschichte viele tolle, unerwartete Entdeckungen machten. In die wissenschaftliche Welt wurde der Begriff durch den US-amerikanischen Soziologen Robert K. Merton eingeführt. Merton widmete dem Prinzip Serendipität sogar ein eigenes Buch („The Travels and Adventures of Serendipity“), das jedoch erst nach seinem Tod im Jahr 2004 veröffentlicht wurde.

Dieser Beitrag erschein erstmals in der Juni-Ausgabe 2023 des Harvard Business managers.

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