„Lassen wir die Geschichte sprechen“: Die Vergangenheit als Leitfaden in die Zukunft
Geschichte wird häufig als Mittel zum Verständnis der Vergangenheit und als Mahnung genutzt sowie vor ihrer Wiederholung gewarnt. In seinem aktuellen Buch zeigt der Sozialphilosoph Roman Krznaric, dass auch Lösungen für aktuelle Probleme und Herausforderungen in der Vergangenheit liegen können.
Um vorwärtszukommen, muss die Menschheit zurückzublicken.Roman Krznaric
Dass die Menschheitsgeschichte von Tragödien wie Kriegen, Hunger und Ausbeutung durchsetzt ist, steht außer Frage – es sollte allerdings auch nicht vergessen werden, dass sich unsere Vorfahren auch immer wieder gegen Ungerechtigkeit gewehrt und Krisen überlebt haben. Geschichte ist auch eine Möglichkeit, unsere Beziehung zur Zukunft neu und hoffnungsvoller zu gestalten. „Damit werden sie für uns zu einer Quelle der Anregung, wenn wir uns mit den Schwierigkeiten unserer Zeit auseinandersetzen“, schreibt Roman Krznaric in seinem aktuellen Buch „10 Lektionen aus der Geschichte für die drängendsten Fragen unserer Zeit“, in dem er für langfristiges Denken sowie für eine „Tiefendemokratie“ plädiert und dazu auffordert, aus der Vergangenheit zu lernen und sich von früheren Generationen inspirieren zu lassen, um so eine Vision "radikaler Hoffnung" für die Zukunft zu schöpfen. Er legt fünf essenzielle Praktiken dafür dar: empathisches Denken, politische Imagination, kollektives Handeln, radikale Elternschaft und Hoffnung in der Vergangenheit.
Die Welt durch die Brille der Geschichte zu sehen, war in den letzten 30 Jahren der gemeinsame Nenner seiner Forschungsarbeiten und Publikationen. Krznaric bezeichnet sich selbst als Dolmetscher der Vergangenheit, der sich in die Arbeit professioneller Historiker vertieft und sie in Beziehung zu den Krisen des vor uns liegenden Jahrhunderts setzt. Er wuchs in Sydney und Hongkong auf und studierte an den Universitäten Oxford, London und Essex, wo er in politischer Soziologie promovierte. Er ist bekannter TED-Talker und Mitglied der Denkfabrik Club of Rome. Seine Bücher wurden in mehr als 25 Sprachen übersetzt. Ob wir gute Vorfahren sind, ist für ihn die wichtigste Frage der Gegenwart: verstehen wir uns aus Vorfahr, sind wir in der Lage, aus der Zukunft auf unser eigenes Leben zu sehen. Damit verbunden ist auch das Zeitempfinden:
Statt im Maßstab von Sekunden, Tagen und Monaten zu denken, sollten wir unseren zeitlichen Horizont erweitern und Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende in den Blick nehmen.Roman Krznaric
Für dieses langfristige (nachhaltige) Denken, das über die Dimension der menschlichen Existenz hinausgeht, verwendet er den Begriff der „Tiefenzeit“, die ein anderes Verständnis von Demokratie erfordert: Die repräsentative Demokratie würde zu kurzfristig (in Wahlperioden) denken, auch ist sie dem Einfluss von Interessengruppen ausgesetzt. Wir behandeln die Zukunft Krznaric zufolge „wie ein fernes Land, in dem keine Menschen leben“. Auch kritisiert er, dass die meisten Politiker und Politikerinnen viel zu sehr damit beschäftigt sind, auf aktuelle Schlagzeilen zu reagieren oder den neuesten politischen Trends hinterherzulaufen, „als dass sie einmal die Pause-Taste drücken und Zeit darauf verwenden würden, aus der Vergangenheit zu lernen.“ In diesem Zusammenhang wird auch das „Kathedralendenken“ angeführt: Es betrifft Projekte, deren Vollendung jenseits der Lebensspanne derer liegt, die sie begonnen haben. Zu den angeführten Beispielen gehören u. a. das Münster von Ulm (Bauzeit über 500 Jahre), die Abschaffung der Sklaverei, die Einführung des Frauenwahlrechts oder das Denken in sieben Generationen (bekannt aus indigenen Traditionen). Um mehr Kathedralen-Denken zu entwickeln, braucht es:
Bewusstsein für Endlichkeit und Dringlichkeit
Gefühl der zeitlichen Bescheidenheit (der Mensch als Wimpernschlag der Geschichte)
Aufbau langlebiger Strukturen und Geschäftsmodellen, die nachhaltig, flexibel und innovativ sind
Kontakt mit den langfristigen Zyklen der lebenden Welt
Legacy Mindset: der Wunsch, von der Nachwelt in guter Erinnerung behalten zu werden
Nachhaltigkeit: Nicht mehr Ressourcen verbrauchen, als die Erde auf natürliche Weise regenerieren kann
Ausschöpfen des Potenzials der Gegenwart und dem Erkunden der Zukunft
Vermächtnis-Mentalität entwickeln: das eigene Leben als Aufgabe begreifen
Veränderung der Wahrnehmung der Zeit.
Die wichtigste und eigentliche Aufgabe der Geschichte besteht darin, die Menschen durch das Wissen über vergangene Ereignisse zu belehren und sie zu befähigen, sich in der Gegenwart umsichtig und in der Zukunft vorausschauend zu verhalten.Thomas Hobbes im Vorwort zu seiner Übersetzung von Der Peloponnesische Krieg des Thukydides von 1628
Geschichte trägt nicht nur dazu bei, die Vergangenheit zu verstehen – vielmehr ist sie auch ein Weg, unsere Beziehung zur Zukunft neu zu gestalten. Es werden Erkenntnisse und Inspirationen aus den letzten 1000 Jahren Weltgeschichte vorgestellt, die dazu beitragen können, die dringlichsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. Dazu gehören:
Risiken durch künstliche Intelligenz und Gentechnik
wachsendes Wohlstandsgefälle
Wasserknappheit und Wasserkriege
ökologischer Zusammenbruch.
Im Buch geht es beispielsweise um die Frage, was wir aus der Geschichte der Sklavenaufstände über die Macht der Rebellion im Kampf gegen die Klimakrise lernen können, oder wie das Verständnis der Ursprünge des Kapitalismus Ideen für die Kontrolle künstlicher Intelligenz hervorbringen könnte. Oder was wir vom Japan des 18. Jahrhunderts für regeneratives Wirtschaften lernen können (Kreislaufwirtschaft in der japanischen Stadt Edo), ebenso wie die Kaffeehauskultur des georgianischen Londons den kritischen Blick auf soziale Medien schärfen kann, um die Spaltung unserer heutigen Gesellschaft zu überwinden. Die Zähmung sozialer Medien befasst sich auch mit Gutenbergs Druckerpresse, die auch das Feuer der Polarisierung, Verfolgung und Gewalt anfachte (wie Technologie der sozialen Medien), bevor sich Krznaric mit der Polarisierung befasst. Interessant sind auch die Verbindungen der jamaikanische Sklavenkriege und der Extinction Rebellion oder der Lebensmittelrationierung im Zweiten Weltkrieg und der nachhaltigen Wirtschaftsweise im Tokugawa-Japan. Viele Texturen der Vergangenheit werden zu einem Muster verwoben, das uns ein positives Gesamtbild vermittelt, das uns in die Zukunft weist.
Die Geschichte ist kein Hellseher, sondern ein Berater. Sie ermutigt uns, neue Fragen zu stellen und zu erkennen, dass andere Wege möglich sein könnten.Roman Krznaric
Sie kann uns daran erinnern, wie wir uns in der Vergangenheit mit gesellschaftlichen Herausforderungen und Krisen auseinandergesetzt haben, sie kann verschiedene und vergessene Formen der Gesellschaftsorganisation aufzeigen sowie Wurzeln der heutigen Ungerechtigkeiten und Machtverhältnisse entlarven.
Das Buch:
Roman Krznaric: 10 Lektionen aus der Geschichte für die drängendsten Fragen unserer Zeit. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. DUMONT Verlag, Köln 2025.
Weiterführende Informationen:
Geschichte ist gut gegen Zukunftsangst: Rückenwind aus der Vergangenheit
Verantwortung für die ferne Zukunft: Warum wir mehr Kathedralendenken brauchen
Gutenberg und die digitale Revolution: Geburtswehen einer neuen Welt
Warum unsere Wege in die Neue Welt über die Renaissance führen
Annette Kehnel: Wir konnten auch anders. Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit. Blessing Verlag, München 2021.
Klimawandel in der Wirtschaft. Warum wir ein Bewusstsein für Dringlichkeit brauchen. Hg. von Alexandra Hildebrandt. Verlag SpringerGabler, Heidelberg, Berlin 2020.
