Die Gen Z verbringt den Tag lieber zu Hause, anstatt den erstbesten Job anzunehmen. Foto: Getty Images
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„Lieber arbeitslos als unglücklich“: So geht die Gen Z mit Druck im Job um

Immer mehr junge Menschen mit akademischer Ausbildung finden keinen Job. Ihre Erwartungen möchten viele trotzdem nicht herunterschrauben. Mit langfristigen Konsequenzen.

Sabine Meier ist arbeitslos. Seit April dieses Jahres und noch ist kein neuer Job in Sicht. Sie hat Bewerbungen geschrieben, Gespräche geführt, auch Probearbeitstage absolviert – und: bislang nur Absagen bekommen oder selbst abgesagt.

Meier, die ihren wahren Namen nicht nennen will, hat ein abgeschlossenes Masterstudium im Marketing und knapp drei Jahre Berufserfahrung. Ende vergangenen Jahres wurde ihr betriebsbedingt gekündigt. Sie ist spezialisiert auf Suchmaschinenoptimierung, einen Fachbereich im Marketing. Auf Dinge also, die derzeit gefragt sind. Und tatsächlich hätte sie längst einen neuen Job anfangen können, doch die Gehaltsvorstellungen des Unternehmens passten nicht zu ihren: 40.000 Euro brutto im Jahr sollte sie dort für eine 40-Stunden-Woche erhalten statt den 56.000, die sie in ihrem letzten Job bekam.

Meier lehnte ab, suchte lieber weiter. „Ich habe mich mit dem Angebot unwohl gefühlt, auch wenn sonst alles gepasst hat.“ Sie will maximal eine halbe Stunde mit Auto oder Bahn ins Büro pendeln oder viel im Homeoffice arbeiten dürfen. Sie lebt außerhalb von Stuttgart. Mehrmals die Woche in die Stadt reinfahren – das kann sie sich nicht vorstellen. Es ist eine Region, in der es derzeit nicht allzu einfach ist, einen neuen Job zu finden. Die Autoindustrie ist dort stark vertreten, eine kriselnde Branche, die derzeit vor allem Stellen abbaut.

Und so ist Meier mit der Suche nach einem Job nicht alleine, immer mehr Berufsanfänger mit akademischer Ausbildung haben Schwierigkeiten dabei. Ausgerechnet die Generation Z, Menschen also, die zwischen 1995 bis 2010 geboren wurden – und in den vergangenen Jahren verinnerlicht haben, dass sie viele Forderungen an ihre Arbeitgeber stellen können. Homeoffice, 4-Tage-Woche, hohe Gehälter und teure Weiterbildungen. Wie gehen diese Menschen damit um, wenn sie nun auf einmal mit einem Phänomen konfrontiert sind, das sie allenfalls vom Hörensagen kannten – aber nie erlebt hatten: der Arbeitslosigkeit.

Wir werden im nächsten Monat wahrscheinlich tatsächlich die drei Millionen überschreiten
BA-CHEFIN ANDREA NAHLES ÜBER DIE ZAHL DER ARBEITSLOSEN IN DEUTSCHLAND

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland steht kurz davor, die Drei-Millionen-Marke zu knacken. Schon im August dürfte es so weit sein, verkündete Andrea Nahles, die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, gerade.

Mittlerweile schützt auch eine hohe Qualifikation nicht mehr davor, den Job zu verlieren. Bereits im vergangenen Jahr gab es 290.000 erwerbslose Akademiker. Unter Hochqualifizierten ist die Erwerbslosigkeit zuletzt fast dreimal stärker angestiegen als über die gesamte Gruppe der Erwerbsfähigen. Betroffen sind vor allem junge Menschen – und bestimmte Branchen.

Im IT-Sektor etwa werden deutlich weniger Stellen ausgeschrieben. Laut dem Stellenportal Indeed sind die Softwareentwicklung ebenso wie IT-Support und Infrastruktur betroffen, mit einem Rückgang von rund 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Experten führen das auf den technologischen Fortschritt durch künstliche Intelligenz zurück. Das Tool erledigt inzwischen auch einfach Programmierarbeiten. Und so werden deutlich weniger Stellen für Junior Developer ausgeschrieben.

Aber auch andere Berufsfelder leiden. Im Marketing sind die Stellen um über 20 Prozent zurückgegangen. Die Konsequenzen spüren Menschen wie Sabine Meier, die kaum ausgeschriebene Stellen mit ihrer Spezialisierung findet.

KOMPROMISSBEREITSCHAFT LERNEN

Schwankungen am Arbeitsmarkt sind nichts Neues.

Neu ist allerdings, dass sie zum ersten Mal die noch junge Generation Z treffen, die bisher selten Kompromisse im Job machen musste. Der Markt war ein Arbeitnehmermarkt – junge Menschen konnten viel fordern und bekamen trotzdem einen Job.

Florian Kunze ist Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Konstanz und forscht unter anderem zu Generationenmanagement und der Zukunft der Arbeit. Er sieht bei der jungen Generation keine Eigenschaften, die sich nicht auch ändern könnten. Viel gefordert, hätte die Generation Z nur, weil sie es konnte. Jetzt können sie es nicht mehr. „Die jungen Menschen werden lernen müssen, sich anzupassen“ – so wie es auch andere Generationen vor ihnen mussten.

Was er allerdings nicht glaubt: dass sich der Arbeitnehmermarkt wieder zu einem Arbeitgebermarkt entwickelt. Denn auch wenn Trends wie der immer stärkere Einsatz von KI bleibende Spuren hinterlassen, dürfte der demografische Wandel die Jobchancen für die junge Generation weiter erhöhen: Die Boomer-Generation geht in Rente, deutlich weniger junge Fachkräfte kommen nach.

Jeden Monat, den man in der Arbeitslosigkeit ist, sinkt der eigene Wert
JUTTA RUMP, Wirtschaftsprofessorin

Wenn es eine Generation gebe, die gelernt habe, sich an neue Gegebenheiten anzupassen, dann sei es die Gen Z, findet Jutta Rump, Wirtschaftsprofessorin an der Universität Ludwigshafen mit Fokus auf Personalmanagement. „Die jungen Menschen haben auch die Pandemie überstanden und bereits da gelernt, Resilienz aufzubauen.“

Der größte Fehler ist laut Rump, arbeitslos zu sein und trotzdem keine Kompromisse eingehen zu wollen, denn: „Jeden Monat, den man in der Arbeitslosigkeit ist, sinkt der eigene Wert.“ Junge Menschen sollten bei der Jobsuche lieber erstmal Kompromisse eingehen, dann im Job Leistung zeigen und schließlich nachverhandeln, so ihr Rat.

Einige Kompromisse dürften für die Generation Z besonders schmerzhaft sein. Etwa Teilzeitarbeit aufzugeben oder den Wohnort zu wechseln. „Bei der Generation Z ist die Treue zur Heimat besonders hoch“, sagt Rump. Diese Haltung in Kombination mit hohen Gehaltsvorstellungen dürfte es auf dem aktuellen Arbeitsmarkt besonders schwierig machen, einen Job zu finden.

WEITERBILDUNG WIRD WICHTIGER

In der IT-Branche oder auch in manchen Marketing-Spezialisierungen mangelt es schon an ausgeschriebenen Stellen, auf die sich Berufsanfänger bewerben können. Dort wird etwas anderes wichtig: die richtigen Qualifikationen früh aufbauen. Während manche Stellen wegfallen, entsteht an anderer Stelle Bedarf. Wenn jemand mit der Volatilität von Berufserwartungen umgehen könne, dann sei das die Generation Z, sagt Rump. Die jungen Menschen seien ohnehin ohne das Versprechen einer ewig haltenden Berufsausbildung aufgewachsen.

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Wichtiger sei es jetzt dennoch geworden, sich bereits während des Studiums weiterzubilden. Studiengänge seien oftmals zu rückwärtsgewandt, kritisiert Rump. „Wir überlegen jetzt, welche Fähigkeiten Studierende in fünf Jahren brauchen könnten.“ Doch die Welt verändere sich enorm schnell. Vor fünf Jahren hätte beispielsweise kaum jemand das Potenzial von KI hervorgesehen. Im Gegenteil: Vor fünf Jahren schien IT einer der sichersten Jobs überhaupt. Heute ist die Branche massiv von Einsparungen betroffen. Der Studienabschluss wird also zweitrangig, die richtigen Fähigkeiten rücken in den Fokus.

Auch Meier würde gerne eine Weiterbildung besuchen, um ihre Jobchancen zu erhöhen. Dafür hatte sie bereits einen Kurs herausgesucht, doch die Arbeitsagentur wollte die Kosten nicht übernehmen. Diese Angebote seien für Menschen, denen Qualifikationen fehlen würden, doch sie wäre ja bestens ausgebildet. Selbst finanzieren kann sie mehrere Tausend Euro nicht.

Für Hochqualifizierte finanziert die Arbeitsagentur nur in Ausnahmesituationen Weiterbildungen, beispielsweise bei einer schriftlichen Einstellungszusage eines Unternehmens. Stefanie Buchheit vermittelt bei der Agentur für Arbeit Menschen unter 25 Jahren in Jobs in ihrer Stadt Schwandorf nahe Nürnberg. „Wenn du top qualifiziert bist und deutschlandweit nach einem Job suchen kannst, gibt es kaum akuten Bedarf für eine Weiterbildung“, erklärt Buchheit.

Hauptsächlich ist die fehlende Berufserfahrung ein Grund, warum Bewerber geringere Einstellungschancen haben. Nur weil die vorgeschlagenen Angebote der Arbeitsagentur einem Arbeitslosen nicht gefallen, sei das noch kein Argument für eine Weiterbildung. „Wir helfen jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen“, sagt Buchheit. Dabei gehe es vor allem um ihre Qualifikation und individuellen Möglichkeiten. Eher weniger um Traumjobs.

Aber sie sagt auch: Der Anteil junger Menschen, die mit zu hohen Erwartungen in die Vermittlung komme, sei gering. Meist kommen Menschen zu ihr, denen Qualifikationen fehlen, die psychische Probleme hätten, oder die durch Kinderbetreuung oder Pflegeaufgaben deutlich mehr Flexibilität auf der Arbeit brauchen. Und ab und an jemand, der „neben dem Job im Homeoffice weiter im Camper durch die Welt reisen will“. Bei solchen Kandidaten folgt schnell die Ernüchterung.

BEI DER JOBSUCHE FEHLT VIELEN DIE HILFE

Meier fühlt sich bei ihrer Suche nach einem Job alleingelassen. Regelmäßig trifft sie sich zwar mit einem Vermittler von der Arbeitsagentur, doch wirklich helfen tue das nicht. „Sie sind qualifiziert, sie haben Erfahrungen, mit dem Rest können wir ihnen nicht weiterhelfen“, bekam sie zu hören, als sie im ersten Beratungsgespräch saß. Immer wieder schlage ihr die Agentur Jobs vor, die nicht zu ihr und ihren Qualifikationen passen würden, zumindest nach ihren Ansichten. Denn die junge Frau will bei ihrer Spezialisierung bleiben, nicht woanders wieder von vorne anfangen.

Für ein ansonsten gutes Angebot würde sie auch in Kauf nehmen, vielleicht 3000 bis 4000 Euro weniger im Jahr zu verdienen als in ihrer vorherigen Position. Jobs, die deutlich unter ihrem jüngsten Gehalt liegen, muss sie nicht annehmen, um weiter Arbeitslosengeld zu bekommen.

Darauf setzt sie. „Lieber warte ich länger auf den richtigen Job, als unglücklich das erstbeste Angebot anzunehmen“, betont Meier. Ein geringes Gehalt würde ihr das Gefühl fehlender Wertschätzung geben. Gleichzeitig hat sie Angst, von der Arbeitsagentur unter Druck gesetzt zu werden, Angebote anzunehmen, die nicht ihren Vorstellungen entsprechen. „Ich verlange doch nicht zu viel.“ Und so geht die Jobsuche weiter.

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